Der große Laufschuh-Test

Richtig Laufen: 10 Laufschuhe im Test

Wir haben zehn Laufschuhe in der Praxis sowie im Labor getestet – und Power-Läufer Mike Kleiss verrät, wie Sie den perfekten Schuh finden und richtig laufen.

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Die Laufschuhe mussten neben einem Lauftest unter anderem die Untersuchung im Labor bestehen.

Experten sind nicht gerade Mangelware in Deutschland. Terrorismus-Experten, Trump-Experten und Islam-Experten erklären uns die Welt. Wie wir fit, gesund und schlank werden, sagen Ernährungs-Experten, Sport-Experten – und natürlich auch Lauf-Experten. Ich finde: Es braucht nicht noch einen davon. Ich bin auch keiner. Ich bin einfach Läufer. So wie ungefähr zehn Millionen andere in Deutschland. Ich laufe, seit ich denken kann. 15 Jahre lief ich nicht und wurde ziemlich dick. Vor fünf Jahren fing ich wieder an und habe seither 45 Kilo abgenommen. Ich laufe täglich zwischen 15 und 25 Kilometern, mehrmals im Jahr Marathon oder Ultramarathon. Und trotzdem bin ich nicht der Lauf-Navigator, der Ihnen sagt: Diesen Schuh müssen Sie kaufen, exakt so viele Kilometer laufen und dabei soundsoviel Liter trinken.
Solche selbst ernannten Lauf-Gurus gibt es zwar, aber die werden Ihnen nicht weiterhelfen. Denn jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch fühlt anders. Deshalb läuft es auch bei jedem nur so, wie sie oder er es empfindet. Doch wir wollen Ihnen zeigen, was Sie als Lauf-Einsteiger und Wiedereinsteiger wissen müssen, und wie Sie die richtigen Schuhe finden. Denn der wichtigste Experte, den Sie am Ende beim Laufen wirklich brauchen – sind Sie selbst.
Mike Kleiss

„Du hast zwei Möglichkeiten. Du kannst das Handtuch werfen, oder dir damit den Schweiß aus dem Gesicht wischen.“

Mike Kleiss, Autor

Das Knie ist das Herz des Läufers

Der Laufschuh-Test basiert auf der einzig vernünftigen Formel für den optimalen Einstieg ins Laufen. Zunächst brauchen Sie den besten Orthopäden für den Bereich Fuß und Knie, den Sie kriegen können. Für den Test konnte man für diese wichtige Aufgabe Dr. Thomas Stock gewinnen, und für den Vereinsarzt der Kölner Haie ist klar: Wenn es in den Bereichen Fuß und vor allem Knie nicht läuft, läuft gar nichts. Denn auch wenn der Laufschuh an den Füßen sitzt, ist das Knie das Herz des Läufers. Wie viel dabei im Wortsinn schiefgehen kann, zeigen die vielen Knieverletzungen.

Laufbandtest mit Hightech

Laufschuh Test Laufband

Die Videoanalyse auf dem Laufband erfolgte im Test für jedes Paar Schuhe.

Bei der Beurteilung der Laufschuhe half auch der angesehenste Biomechaniker Europas, Prof. Gert-Peter Brüggemann. Der Leiter des Instituts für Biomechanik und Orthopädie an der Sporthochschule Köln sieht die Laufschuh-Industrie mit einer gesunden Portion Skepsis: „Wollen wir doch mal sehen, ob die Hersteller nur gutes Marketing machen oder wirklich etwas können.“ Als Leiter des Instituts für funktionelle Diagnostik in Köln (IFD Cologne) hat Brüggemann zudem den Laufbandtest mit Hightech-Einsatz weiterentwickelt – inklusive 3D-Körpervermessung, markerbasierter Messung und hochauflösender Kameras.

Auf die Signale des Körpers hören

Im Fokus standen zehn Modelle zwischen ungefähr 100 und 170 Euro, die von ihren Herstellern durchweg als „neutrale Laufschuhe“ gepriesen werden. Dass es so etwas wie einen neutralen Schuh für jeden Läufer nicht geben kann, bestätigte sich wieder mal bei meinen persönlichen Lauftests. Ich bin mit allen gelaufen, über Eis, Schnee, Asphalt, Schotterwege, Waldböden, bei Regen und bei schönem Wetter.
Diesen enormen Aufwand können Sie natürlich nicht treiben, wenn Sie Laufschuhe kaufen wollen. Aber Sie sollten schon etwas Zeit und Geld investieren und keinesfalls zu einem Schuh greifen, bloß weil er 30 Euro billiger ist. Denn nur der richtige Schuh ist die Grundlage für beschwerdefreies Laufen und ist damit eine absolut sinnvolle Investition in ein gesundes Leben. Hören Sie bei der Auswahl auf die Signale Ihres Körpers – im Idealfall machen dann Laufschuh und Läufer unter sich aus, was passt.

Galerie: Laufschuhe im Test: Die Ergebnisse

1. Beim Orthopäden

Mike Kleiss und Dr. Thomas Stock Laufschuh-Test

Der Orthopäde und Spezialist für Fuß und Knie Dr. Thomas Stock (links) erklärt Autor Mike Kleiss, worauf es bei der Wahl der Schuhe ankommt.

Ohne das richtige Material am Fuß kein gesundes Laufen. Was aber das richtige Material ist, muss jeder mithilfe eines Orthopäden herausfinden. Doch diese Mühe machen sich nur wenige Läufer: „Wenn ich mir Jogger ansehe, kann ich sofort sagen, welche Beschwerden sie haben. Und dass sie bitte erst mal vom Arzt nachsehen lassen sollten, bevor sie weiterlaufen. Ich würde am liebsten immer hingehen und es ihnen sagen“, berichtet Dr. Thomas Stock. Er ist der Vereinsarzt des Eishockey-Vereins Kölner Haie und erfahrener Orthopäde in der Mediapark-Klinik in Köln sowie Spezialist für Fuß und Knie. Er macht unmissverständlich klar: Eine Eingangsuntersuchung ist die Grundvoraussetzung für jeden, der laufen will. Denn wer dauerhaft gesund bleiben und schlimme Verletzungen verhindern will, muss sich mit seinen Füßen auseinandersetzen. Daraus ergibt sich dann, welche Schuhe am besten für Sie zum Laufen geeignet sind. Und zwar nur für Sie: „Die für Sie richtigen Schuhe müssen nicht auch für mich richtig sein“, erklärt Dr. Stock.
Viele Läufer kommen mit Modellen klar, die Hersteller als „neutrale Schuhe“ bewerben und die auch im Test vertreten sind. Andere knicken beim Laufen nach innen, oft sind dann sogar die Sohlen an den Innenseiten stärker abgelaufen. Laufschuhe mit Stützfunktion können dem entgegenwirken und Folgeschäden verhindern. Wenn Sie dann mit dem Laufen beginnen, bauen Sie die Belastung langsam auf. „Laufen Sie nicht aus dem Stand direkt zehn Kilometer. Lieber kürzere Strecken und dafür häufiger. Hören Sie auf die Signale des Körpers“, empfiehlt Dr. Stock. „Wenn der Kopf sagt ,Da geht noch was‘, vergessen Sie es. Denn nur der Körper sendet alle Signale, die wichtig sind.“
Besonders wichtig sind Vor-und Nachbereitung des Trainings, da können Sie sich ruhig was von den Profis abschauen. Das ordentliche Aufwärmen ist ebenso wichtig wie der Cool-Down nach dem Training. Fußballer laufen nach dem Spiel langsam aus. Vor dem Spiel laufen sie sich warm und machen Dehnübungen. Nur so können sie ein gutes Spiel abliefern und gesund bleiben. Genauso sollten Sie es beim Lauftraining halten. Und falls es doch mal zu einer Verletzung wie einer Zerrung kommt, lassen Sie die unbedingt behandeln. Stellen Sie sich die Frage: „Warum ist die Verletzung aufgetreten?“ und passen Sie anschließend mit dem Arzt Ihr Training darauf an. Übrigens: Ein guter Läufer läuft nicht nur. Er variiert sein Training. Schwimmen, Radfahren und Krafttraining verbessern Kondition und Koordination.

2. Vermessung

Mike Kleiss Laufschuhe Test Laufband

Vor dem Start auf dem Laufband bekommt der Tester weiße Marker aufgeklebt – hier oberhalb und unterhalb der Knie.

Damit Sie die für Sie perfekten Schuhe finden, lassen Sie sich in einem Laufsportgeschäft beraten, das eine seriöse Laufbandanalyse anbietet. Die ist in der Regel sogar gratis oder wird einfach mit dem Kaufpreis der Schuhe verrechnet.
Für den Test der Schuhe hat man sehr genaue Analysen mit einem markerbasierten 3D-Messsystem vom Institut für funktionelle Diagnostik (IFD) in Köln durchführen lassen. Markerbasiert bedeutet: Der Läufer wird mit speziellen Markierungspunkten gespickt. Schon diese Vorbereitung dauert gut 30 Minuten. Mit den aufgeklebten Markern geht es anschließend aufs Laufband, wo insgesamt zwölf Kameras den Tester aus allen Richtungen filmen. Im Zusammenspiel mit ebenfalls aufgeklebten Elektromyographie-Sensoren, die die Muskeltätigkeit messen, lässt sich eine präzise Analyse von Bewegungsabläufen erstellen und möglichen Schwachstellen auf die Spur kommen: Bewegen sich Beine und Hüfte regelgerecht? Leisten alle Muskelgruppen ihren Beitrag?
Die Auswertung übernimmt anschließend eine spezielle Software. Sie analysiert die Bewegungen der Marker und überträgt sie auf ein anschauliches 3D-Körpermodell. Das macht die Einflüsse der Schuhe auf den Laufstil, auf die Knie und auf die gesamte Körperhaltung sichtbar – und zwar viel genauer als die üblichen Laufbandanalysen mit nur einer Kamera hinter dem Läufer. Bei einem Wert des IFD-Geräteparks von rund 700.000 Euro ist das allerdings auch kein Wunder. Hinter dem Institut steht ein Mann, der als Instanz der Laufwissenschaft gilt: Prof. Gert-Peter Brüggemann ist Leiter des biomechanischen und orthopädischen Instituts der Sporthochschule Köln. Er ist selbst Läufer und sagt: „Lass den Gelenken die Bewegung, die sie lieben. Der beste Schuh ist der, den man gar nicht spürt.“ Mithilfe der Laufbandanalyse können Sie herausfinden, welcher Schuh das für Sie selbst ist. Der individuell beste Schuh ist die Grundlage für gesunde Knie – und die Knie sind nun mal das Herz des Läufers.
Wobei beim Thema „Herz“ die meisten Läufer die Frage umtreibt, ob sie mit einer Pulsuhr laufen sollen. Klare Antwort: ja. Gerade Anfänger laufen oft deutlich zu schnell und mit zu hohem Puls. Nach kurzer Zeit sind sie außer Puste und müssen das Training beenden. Manche geben ganz auf. Eine Pulsuhr schafft schlicht Klarheit – übrigens auch für erfahrene Läufer, die ihren Puls angeblich genau einschätzen können.

Galerie: Die 5 besten Sportuhren im Test

3. Der Laufschuh-Test

Laufschuh-Test Schuhe aufsägen

Die Sportwissenschaftler vom IFD Cologne wollten wissen, was in den Schuhen steckt – und setzten bei allen Testkandidaten die Säge an.

Nach den harten Fakten auf dem Laufband waren für den Test der Laufschuhe Gefühl und Praxis wichtig. Wie gut sitzt der Schuh? Rollt er gut ab? Dämpft er angenehm, oder fühlt er sich schwammig an? Der Test gibt dafür Anhaltspunkte, aber am Ende muss das jeder Läufer selbst herausfinden. „Ich könnte in dem Puma-Schuh niemals laufen“, meint Professor Brüggemann. „Ich habe ihn nur kurz angehabt und wusste: Damit werde ich nur Ärger haben.“ Autor Mike Kleiss dagegen fand den Schuh während der Testphase prima. Schon im Labortest fiel die hohe Elastizität der Sohle auf – da geht wenig Energie verloren, ähnlich wie beim Modell von Adidas.
Der Under Armour macht dagegen keinen Läufer glücklich. Ein Loch in der Ferse suggeriert eine besondere Dämpfung, doch davon spüren Läufer in der Praxis wenig. Besser lief es mit den übrigen Schuhen: Den bequemen Brooks sollte jeder probieren, der Asics gefiel bei schnellen Läufen auf Asphalt, die Modelle Mizuno und Saucony dagegen bei langsamen und langen Läufen. Gut für Einsteiger und Kurzstreckenläufer sind die weich gefederten Schuhe von Nike und New Balance. Und den On Cloudflow spürt man fast nicht. Doch obwohl er der leichteste Schuh im Test war, erzielte er gute Dämpfungswerte im Labor.
Laufschuhe Test Sohlen

Federn, dämpfen, stützen: Die mehrlagige Sohlen-Konstruktion der Laufschuhe erfüllt mehrere Zwecke.

Schon diese knappe Übersicht macht deutlich, dass es den gern beworbenen „neutralen Laufschuh“ gar nicht geben kann. Der neutrale Laufschuh ist ein Mythos, wenn ein Verkäufer trotzdem davon schwärmt, kaufen Sie woanders. So hat der Läufer mit dem getesteten New Balance Running Course Fresh Foam einfach massig viel Schuh am Fuß mit sehr viel Dämpfung. Für ungeübte und eher schwere Läufer, die viel Stabilität benötigen, kann er ganz gut passen. Dagegen ist der extrem leichte, flexible und sehr biegsame On Cloudflow eher für leichte Läufer mit Lauferfahrung. Der Under Armour Threadborne Slingflex ist ein reiner Lifestyle-Schuh, der nicht zum Laufen taugt. Und trotzdem werden alle drei Modelle als „neutrale Laufschuhe“ beworben. Andererseits ist das ja gängige Praxis in der Industrie – fast jedes Auto, das ein bisschen höher ausfällt, wird als SUV gepriesen und für Werbespots durch Bachfurten und über Schotterposten gescheucht, selbst wenn es dafür weder Allradantrieb noch die nötige Bodenfreiheit hat, sondern eben auch eher ein Lifestyle-Fahrzeug ist.
Grundsätzlich kann selbst dieser Test bestenfalls eine grobe Orientierung geben, welchen Schuh Sie ausprobieren sollten. Sie müssen sich im Schuh wohlfühlen, die Laufbandanalyse verrät dann, ob Sie mit Ihrem Gefühl richtig liegen. Wer dagegen einfach einen günstigen Schuh im Internet bestellt, legt die Grundlage für Verletzungen statt für Freude am Laufen.
Mike Kleiss Laufschuhe Test laufen

Mit jedem Schuh lief Autor Mike Kleiss mindestens 18 Kilometer.

Fazit

Vier Wochen, 600 Kilometer, 60 Liter Wasser, 34 Hafer-Powerriegel, sechs Blasen an den Füßen, ein kompletter Kellerraum als Lager für die Test-Schuhe und ein verblüffendes Ergebnis – so lässt sich der Test zusammenfassend beschreiben. Während der Testphase in der Natur war das Ranking gefühlt recht klar: Puma auf Platz drei, Brooks und On nahezu gleichauf, erst am Ende mit einem leichten Vorteil für den On Cloudflow. Den Unterschied machte die enorme Flexibilität des Schuhs, die kein anderer erreichte. Dieser Schuh fühlt sich auch anders an, auf Anhieb bequem und mit sehr wertigen Obermaterialien. Und genau das wurde durch die Tests an der Sporthochschule Köln auf den Punkt bestätigt. Kein anderer erreichte in der Summe eine bessere Note bei den Material- und Laufbandtests.
Was aber nicht heißt, dass Sie einfach blind zum Testsieger greifen sollten. Stattdessen brauchen Sie ein gut sortiertes Fachgeschäft mit fachkundigem und geduldigem Verkaufspersonal. Welcher Schuh am Ende das Rennen macht, ist dabei nahezu offen. Lassen Sie sich auf keinen Fall von schickem Design, Farben, Marken und Meinungen irritieren – schließlich müssen am Ende nicht Ihre Augen, sondern Ihre Füße und auch Ihre Knie mit dem Laufschuh glücklich werden. Deshalb kann Ihnen dieser Test zwar eine klare Platzierung und einen Sieger liefern, aber mindestens ebenso wichtig sind Empfehlungen, die Ihnen bei der Auswahl helfen. Wenn Sie Lauf-Anfänger sind, dürften Ihnen die weicher gefederten Modelle von Saucony, Nike, Mizuno und New Balance mehr zusagen, während der Asics schnelle Straßenläufer anspricht. Der leichte On Cloudflow schließlich ist die große Überraschung im Test, aber Einsteiger und vergleichsweise schwere Läufer werden mit ihm nicht glücklich. Einen Lifestyle-Schuh wie den Under Armour müssen Sie dagegen gar nicht erst ausprobieren, wenn Sie ernsthaft laufen wollen.

Laufschuhe

Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.