Erste Wahl für die Stadt?

Angenehme Überraschung: eRoller NIU N1s Civic im Test

Er ist schick, er ist smart, er ist bezahlbar. Der NIU N1s ist nicht perfekt, aber er macht vieles richtig. Was er kann, zeigt der Test.

Datum:
NIU N1s Civic

Die Firma heißt NIU, sprich Nju, also new. Der NIU N1s Civic ist ein gelungener Elektroroller.

Einschätzung
der Redaktion

Fazit: Das müssen Sie wissen

Das Styling ist Geschmackssache, aber Fahrleistungen und Preis liegen im Verleich zur elektrischen Konkurrenz auf Top-Niveau. So gut vernetzt wie der N1s Civic ist momentan wohl kein anderer Roller. Wenn 50 km Reichweite genügen und Sie die langfristigen Kosten für einen neuen Akku akzeptieren, sind Sie mit dem NIU N1s Civic gut beraten. Bei der Dosierbarkeit sollten die Ingenieure noch ein Update nachschieben.Trotz seiner Mankos ist der NIU N1s Civic aktuell einer der besten und modernsten 50er-Elektroroller auf dem Markt.

Pro

  • Geräusch- und emmissionsloses Fahren
  • Kopplung per App (Ladestatus, Reichweite und Alarmanlage mit GPS-Ortung!)
  • Hoher Fahrspaß, leichte Bedienung
  • Moderne Beleuchtungsanlage
  • Fairer Preis und geringe laufende Kosten
  • 24 Monate Garantie (auch auf den Akku)
  • Mit Autoführerschein fahrbar
  • Schickes Design, guter Qualitätseindruck
  • Akku leicht wechselbar
  • USB-Anschluss

Kontra

  • Keine km-Restreichweite, Tageskilometer oder Uhr im Display
  • Ersatzakku teuer
  • Stromsparmodus zu rigoros
  • Seitenständer ragt zu weit raus
  • Beworbene Reichweite nicht realistisch
  • Stauraum als Helmfach ggf. zu klein
  • Nicht schnellladefähig
Deutschland hinkt beim Thema Elektromobilität hinterher. Elektroller befreien die Städte von Lärm und Schadstoffen. Mit Ökostrom geladen sind die Dinger auch relativ umweltfeundlich. An passenden Maschinen mangelt es nicht. Der NIU N1s Civic ist eines der stimmigsten Konzepte für einen 50er-Elektroroller. Wir haben den Stromer ausprobiert.

Der Preis: NIU N1s Civic

Beim Händler zahlen Sie 2.699 Euro inklusive Akku. Das ist zwar teurer als ein günstiger 50er-Roller, der etwa die Hälfte kostet, aber immerhin deutlich günstiger als eine kultige 50er-Vespa. Viele anderen eRoller sind teurer, aber nicht smarter oder flotter. Als Konkurrenz kommt am ehesten noch der Unu Premium infrage. Zudem kommen Sie in den Genuss von unschlagbar günstigen Unterhaltskosten. Einmal volltanken: 50 Cent. Ölwechsel? Inspektion? Blöd für den Händler, gut für Sie.
NIU N1s Civic

Den NIU N1s gibt es in Rot, Schwarz und Weiß. Optional gibt es ein Topcase (mittig).

NIU N1s Civic Video abspielen

Der NIU N1s Civic ist ein smarter Elektroroller für die Stadt. Wir stellen den 2.699 Euro teuren Hobel im Video vor.

Akku als Kostentreiber

Dennoch hat die Sache einen Haken: Ein Zusatzakku kostet 1.299 Euro. „Ist ja einer dabei” werden Sie sagen, aber der hält nicht ewig. Der Hersteller gibt zwar 24 Monate Garantie und schließt auch den Akku ein, aber NIU gibt eben auch 600 Ladezyklen an. Mal angenommen, Sie schaffen in 2 Jahren die 600 Ladezyklen und der Akku ist dann am Ende, dann hat Sie jedes Aufladen über den Daumen 2 Euro gekostet – nicht Energiekosten, sondern nur Kosten für den Akku. Das belastet das Kapitel Kosten maßgeblich und übersteigt die Energiekosten zum Fahren deutlich.
NIU N1s Civic

Die LED-Beleuchtung verleiht dem NIU N1s Civic ein modernes Aussehen und sorgt für gute Beleuchtung und Sichtbarkeit. Außerdem ist LED-Beleuchtung sparsamer als klassische Glühbirnen.

NIU N1s Civic

Nur per App verrät der NIU N1s die verbleibende Reichweite in Kilometern. Die Universal-Handyhalterung von NIU ist hervorragend und kostet 39 Euro.

Reichweite: Hersteller vs. Praxis

80 km Herstellerangabe lesen sich prima, bis man schaut, was das Sternchen bedeutet: „bei 20 km/h” – aha. Bei 33 km/h sollen es noch 70 km sein und einen realistischen Wert bei Vollgas („nur” 45 km/h) findet man gar nicht. Egal, dafür haben wir den Hobel ja schließlich am Wickel. 1. Testtag: Der Akku steht bei 100 %. Mein Weg zur Arbeit beträgt 23 km, den ich natürlich größtenteils Vollgas absolviere. Mit 63 % komme ich an. Leerfahren auf dem Rückweg ist heute nicht, ich muss Nachladen, schließlich wollen wir noch das Video drehen. 2. Testtag: Akku bei 100 %. Bei wenig Verkehr rutsche ich flott durch und das Display zeigt 67 % Akku-Kapazität nach 23 km. Da sollte der Rückweg ja kein Problem sein, schließlich habe ich nur 33 % verbraucht. Die App gibt noch 53 km Reichweite an. Tatsächlich wird es aber viel knapper: Zuhause angekommen habe ich nicht etwa weitere 33 % sondern 48 % verbraucht. Bei vergleichbarem Verkehrsaufkommen. Mir werden 19 % Kapazität angezeigt, nach 46 km. Nur 2 km weiter hat der Spaß ein Ende.

Notlauf bei 14 %

Nach 48 km springt die Akkuanzeige auf 14 % um und der NIU N1s wechselt in den Spargang. Hier ist man nun bei 17 km/h gefangen. Klar, besser als schieben, aber die letzten Kilometer würde ich vielleicht trotzdem gern mit 45 km/h absolvieren. 17 km/h werte ich als Notlauf und nicht als voll nutzbare Reichweite. Die App rechnet die letzten Schleichkilometer dagegen voll ein. 11 km, die Sie nicht erleben wollen. Das kann im Alltag zu unangenehmen Überraschungen führen. Unterm Strich bleibt es in der Praxis also bei knapp 50 Kilometern. Das ist für sich zwar ein ordentlicher Wert, der von den letzten Testkandidaten Unu Premium, Kreidler eFlorett 3.0, Kumpan Electric 1954 L, Emco Nova R 2000 oder SXT Raptor 1200 auch nicht überboten wurde, aber es sind eben nicht 80 km. Sternchen hin, Sternchen her. Das ist leider der Stand der Technik. Und der NIU betreibt sogar ordentlich Aufwand: Bremsenergierückgewinnung, etc. Dass es sehr wohl auf die Fahrweise ankommt, zeigt die 23 km lange Ausfahrt mit nur 23 km/h. Und siehe da, die Kapazität stand noch bei 75 %.
NIU N1s Civic

Das schafft Vertrauen: Der Radnabenmotor kommt von Bosch.

NIU N1s Civic

Die Sache hat einen Haken, einen Einkaufshaken und einen USB-Anschluss zum Laden Ihres Handys.

Akku und Ladezeit

In dem 10 Kilogramm schweren Lithium-Akku sind 180 Panasonic-Zellen parallel geschaltet. In Summe bringt das 60 Volt und 29 Amperestunden. Damit kommt der Bosch-Radnabenmotor auf 2.400 Watt Spitzenleistung. Die Dauerleistung beträgt 1.500 Watt. Die Ladezeit beträgt an einer Haushaltssteckdose knapp 7 Stunden bis man von 10 auf 100 % ist. Schnellladen nicht möglich. Top: Per App verfolgen Sie den Ladezustand über das Handy, ohne zum Roller zu latschen. Außerdem ist das Laden geräuschlos. Nicht unbedingt selbstverständlich. Im Test brachte eine Stunde Nachladen ein Zugewinn von 62 auf 72 %. Wer einen zweiten Akku kauft, kann ihn im Helmchenfach verstauen.
NIU N1s Civic

Das Display ist gut ablesbar und hat ein erfrischendes Design, welches an Motorräder erinnert. Allerdings fehlen Uhr, Tageskilometerzähler und eine Reichweitenanzeige in km.

Restreichweite und Display

Die App zeigt zwar die, oder besser: eine optimistische Restreichweite, aber ohne App heißt es Kopfrechnen. Es gibt nur eine prozentuale Kapazität im Display, keine Restreichweite. Außerdem muss man sich auch noch den km-Stand merken, denn einen Tageskilometerzähler gibt es ebenso wenig, wie eine Uhr. Das sollte auch ohne App und Handy funktionieren. Im Test kamen wir auf jeden Prozentpunkt Kapazität je nach Fahrweise zwischen 0,4 und 0,9 km weit. Je leerer der Akku, desto flotter nahm die Kapazität ab. Oder anders: Je voller der Akku, desto mehr Meter pro Prozent und desto schneller der Roller. Ein Benziner wird leichter und damit eher schneller.
NIU N1s Civic

Der Akkublock ist it wenigen Handgriffen ausgebaut und kann im Büro geladen werden. Wenn er voll ist wechselt eine rote LED am Netzteil auf Grün.

Die Krux mit dem Laden

Wohl dem, dessen Arbeitgeber so cool ist, dass man den Akku im Büro laden darf (unbedingt vorher abklären!). Dann schleppt man die Zehn-Kilo-Box halt hin und her. So wird es auch den meisten mit einer Stadtwohnung gehen. Nur die wenigsten Städter verfügen über einen Stellplatz mit Steckdose. Platz und Steckdosen gibt es zwar auf dem Land, aber für Landstraßenfahrten ist so ein Roller nicht geeignet.
NIU N1s Civic

Das feuerrote Spaßmobil von NIU.

Speed

Der NIU N1s Civic gehört in die Stadt. Überlandfahrten sind nicht sein Ding. Mit 45 km/h ist man dort ein Hindernis. In der Stadt schwimmt der Roller gut mit. Unter 5 s ist er auf 30 km/h und unter 8 s auf 40 km/h. 45 liegen unter 10 s an. Natürlich fahren einige Autos mit 70 vorbei, wenn es Spuren und Verkehrslage zulassen, aber im morgendlichen Stadtverkehr in Hamburg kamen die Autos nicht weit. Wenn ich die StVZO großzügig auslegt hätte, wäre ich sogar am Verkehr vorbeigeflutscht. Die ersten Meter gehören dem NIU N1s. Aber es ist eben ein Roller und kein Dragster. Lautlos beschleunigt man auf Topspeed. Bei vollem Akku, Rückenwind und leicht abschüssiger Straße blitzt dann schon mal die 50 im Display. Die GPS-Messung bestätigt das. Sonst säuselt der NIU mit 47/48 km/h in der ersten und mit 45 km/h in der zweiten Akkuhälfte dahin. Die Werksangabe (45 km/h) ist also übererfüllt. Die Menschen auf der Straße schauen verdutzt. Irgendwas passt hier nicht ins Bild. Ach ja, eigentlich machen die Dinger Krach und stinken. Nicht so der NIU N1s Civic.
NIU N1s Civic

SCHRAAAAB: Der Seitenständer sollte Spaßbremse heißen. Er verhindert eine sportive Schräglage, die der NIU N1s ansonsten locker meistern würde.

Digitaler Fahrspaß?

Der NIU N1s Civic ist kinderleicht zu fahren. Er wiegt gerade mal 95 kg. Akku und der Schwerpunkt sitzen tief. Gefühlt lässt er sich viel mehr in die Kurven schmeißen als der Seitenständer erlaubt. Auf schlechten Straßen ist die Federung überfordert und Schläge dringen bis zum Fahrer durch. In Fahrmodus 1 und 2 lässt sich der NIU beim Anfahren gut dosieren. Stufe 3 (und in der fährt man im Alltag immer!) wirkt aber viel digitaler als man das gerne hätte. Sanftes Anfahren ist eine Konzentrationssache. Ein Millimeter am Gashebel und es ruckt; der N1s legt los wie ein Fahranfänger. Das kann er ja gern, aber es sollte doch einen Unterschied machen, ob ich voll am Hahn drehe oder nur zaghaft losfahren möchte. Diesen Unterschied mag es geben, mir war er jedenfalls viel zu klein. In der Praxis steht man hinter einem Auto und sollte wirklich erst das Gas berühren, wenn der Vorausfahrende schon weg ist und nicht schon mal langsam anrollen, wenn die Ampel umspringt. Hier wünsche ich mir eine andere Kennlinie in Modus 3.
NIU N1s Civic

Das Helmfach ist eher ein Helmchenfach. Ein normaler Integralhelm passt da nicht rein. Dafür aber das Netzteil und ggf. ein zweiter Akku.

Stauraum

Bei NIU heißt es vielversprechend Helmfach. Ein Integralhelm der Größe M passt da jedenfalls nicht rein. Das Ladegerät, Papierkram, Handschuhe und die Softshelljacke bekommt man aber locker unter und bei Bedarf auch einen zweiten Akku.

GPS-Ortung und Wegfahrsperre

Ziemlich lässig ist die Fernbedienung für die Alarmanlage. Falls jemand am Roller rumfummelt, gibt es Alarm. Noch cooler ist aber die Kopplung des Rollers mit der App. Denn man kann so nicht nur den Ladezustand ablesen, sondern auch die Position bestimmen. Der NIU N1s Civic hat also von Haus aus eine GPS-Ortung eingebaut. Offenbar verfügt er auch über eine Mobilfunkverbindung, denn das Abfragen von Status und Position klappt unabhängig von WLAN oder Verbindung mit dem Smartphone.

Zubehör NIU N1s Civic

Das Topcase macht nicht den solidesten Eindruck, der Akku ist teuer. Dafür ist die Smartphonehalterung ein Knaller. Sie kostet 39 Euro und verfügt über ein cleveres Kugelgelenk und einen einfachen Verschluss der das Handy an allen 4 Ecken fixiert. Auch ohne NIU N1s Civic lohnt sich Gang zum Händler schon wegen der Halterung. Die passt nämlich auch an andere Roller.
NIU N1s Civic

Von hinten ist der NIU eher konservativ gezeichnet.

Michael Huch

von

Redakteur und Content Manager, interessiert sich für Technik und mag Dinge, die den Alltag erleichtern. Egal ob unterwegs, im Garten oder der Küche.