So enthüllen Sie unseriöse Initiativen

Professionelle PR für Zucker: Hauptsache, Sie schlucken ihn!

Getarnte Institutionen oder Kampagnen informieren vermeintlich unabhängig über Gesundheitsthemen. Und es gibt sogar spezielle, die Zucker in ein gutes Licht stellen sollen.

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Zucker im Mund

Mund auf, Augen zu, essen: Verbraucher schlucken heute manch bittere Pille, die als süße Halbwahrheit getarnt ist. Spezielle PR sorgt dafür, dass negative Auswirkungen von Zucker in den Hintergrund geraten.

Für Meinungsmache gibt es im Marketing-Jargon ein Fachwort: „generische Aufklärungskampagne". Dafür schält man PR-Profis ein, gibt Geld aus und kauft manchmal sogar Wissenschaftler ein. Der Journalist Christian Fuchs hat kürzlich herausgefunden, dass vermeintlich unabhängige Initiativen gegründet werden, um Meinung zu bestimmten Themen zu machen. Das gilt auch für Zucker. So ist ein offizielles Ziel des Informationskreises Mundhygiene und Ernährungsverhalten (IME), über Zahngesundheit und Kariesprophylaxe aufzuklären. Die Firmen dahinter verfolgen indes weniger ehrenwerte Absichten. In dem Artikel „Die Mogelpackung", der Ende Oktober 2016 in der Wochenzeitung „Die Zeit" veröffentlicht wurde, deckt Fuchs unter anderem auf, wie diese Initiative den Genuss von Zucker systematisch verhamlost.
Beim Zahnarzt

Stimmt es wirklich, dass der Zahnarzt nicht bohren muss, wenn du immer schön deine Zähne putzt?

Informationsflut: (K)Einer blickt durch

Sieben Monate lang hat Fuchs auf eine eVivam-Anfrage hin recherchiert. So hat er zum Beispiel ans Licht gebracht, dass hinter der 1977 gegründeten IME-Initiative die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) steckt – der Lobbyverband der Zuckerindustrie. Wenige Tage nach dem Bericht in „Die Zeit" hat die IME ihr Impressum geändert und dort anstatt der bis dahin angegebenen Adresse einer Privatperson die offizielle Adresse der WVZ eingetragen. Bis Mitte Oktober 2016 hieß es auf der Webseite noch verklausuliert: „Dem IME gehören Verbände der deutschen Lebensmittelwirtschaft an.“ Heute ist auch dort die WVZ genannt. Man könnte sagen, dass die WVZ nach 39 Jahren den Deckmantel vermeintlich unabhängiger Zucker-Berichterstattung abgelegt hat.

Ablenkungsmanöver 1: IME setzt auf Zähneputzen

Wenn Sie einmal auf der IME-Website schauen, was dort so für Informationen bereitgestellt und für wen sie gedacht sind, ahnen Sie schon die Auswirkungen generischer Aufklärungskampagnen: Im Prinzip steht dort, dass man nur lang genug kauen und seine Zähne gründlich genug putzen muss, damit kein Karies entsteht. Der Zusammenhang zwischen Zucker und Übergewicht bei Kindern ist als nicht wissenschaftlich belegt dargestellt. Auf der Website stehen auch Informationsmaterial wie Liedtexte für Erzieherinnen zum Download bereit. Sie ahnen vielleicht bereits, welche Tonalität die Ki-Ka-Karies-Baktus-Songs so haben ...
Zähneputzen im Kindergarten

Der Informationskreis Mundhygiene lenkt auf seiner Webseite mit fluffigen Liedtexten für Erzieher und Kindergartenkindern von den Auswirkungen ab, die Zucker für die Zähne hat.

Ablenkungsmanöver 2: Coca-Cola setzt auf mehr Bewegung

Dem New-York-Times-Journalisten Anahad O'Connor ist es mit seinen Recherchen gelungen, eine generische Aufklärungskampagne der anderen Art zu enttarnen: Unter dem Namen „The Global Energy Balance Network" (GEBN) hatte Coca-Cola, der weltgrößte Produzent zuckerhaltiger Getränke, eine „wissenschaftlich-basierte" Lösung für das Fettleibigkeitsproblem präsentiert. In seinem Blog fasst O'Connor diese Initiative so zusammen: „To maintain a healthy weight, get more exercise and worry less about cutting calories". Die US-amerikanische Bevölkerung solle sich einfach mehr bewegen, um ihr gesundes Gewicht zu behalten, statt Kalorien zu reduzieren. Dazu hatte Coca-Cola einflussreiche Wissenschaftler beauftragt, diese Nachricht in Medizinjournalen, auf Konferenzen und via Social-Media immer wieder zu propagieren. Das Global-Energy-Network gibt es übrigens nicht mehr. Und die Links, auf die O'Connor in seinem Blog verweist, laufen mittlerweile ins Leere.
Studien selbst sagen nichts über ihren Gehalt aus

Studien werden gerne genutzt, um Aussagen eine seriöse Note zu geben.

Ti-Ta-Enttarnungstipps

Journalistenkollege Christian Fuchs hat Beispiele zusammengetragen, wann uns Aussagen zu Zucker stutzig machen sollten, etwa „wenn eine vermeintlich wissenschaftliche Fachgesellschaft nur ein Thema hat: den Jodmangel beheben, über Vitaminmangel aufklären, Tipps für Schmerz bei Kindern geben. Dabei ist es egal, ob der angeblich neutrale Verein sich „Gesellschaft" oder „Forum" nennt und damit wohl nicht ganz unzufällig an eine echte Fachgesellschaft erinnern möchte. Echte Ärztefachgesellschaften klären stets über ein breites Spektrum an Themen ihres Fachbereichs auf, nicht nur über einzelne Phänomene oder Krankheitsbilder."
Wenn die Strippenzieher nicht bekannt sind, empfiehlt er: „Wer ganz sicher gehen will, kann bei eingetragenen Vereinen auch einen Vereinsregisterauszug beim Amtsgericht der Stadt beantragen, in der der „e. V." seinen Sitz hat. Dort müssen Vereine ihre aktuelle Satzung, die Protokolle ihrer Versammlungen und alle Änderungen von Vorstandsmitgliedern oder des Vereinszweckes hinterlegen. Für eine kleine Gebühr zwischen 1 und 25 Euro sendet der freundliche Gerichtsbeamte diese Unterlagen jedem Bürger zu. Die Kosten variieren von Stadt zu Stadt. Einfacher geht es, wenn man die Vereinsregisternummer des e. V. kennt. Die sollte auf Websites im Impressum stets auch mit angegeben sein. Fehlt sie, so ist das schon ein Zeichen für mangelnde Seriosität."
Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.