Wie Tics das Leben beeinflussen

Tourette: Diese Krankheit ist schwer zu verstehen

Unvermitteltes Zucken und Fluchen, Autoaggression und daraus entstehende Panikattacken gehören zum Tourette-Syndrom. Wie man mit der Krankheit und mit Betroffenen umgehen soll, erfährst du hier.

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Tourette-Syndrom

Als Außenstehender kann man bei einem Tic nicht viel tun. Sie müssen die Krankheit akzeptieren.

Die Hemmschwelle, mit einem Tourette-Kranken in Kontakt zu treten, ist hoch. Das liegt in erster Linie daran, dann dieses Krankheitsbild hierzulande recht selten vorkommt. Die meisten kennen Tourette nur von zotigen Witzen. Weltweit ist nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung betroffen, hierzulande geht man von 40.000 Betroffenen aus. Die erste Reaktion auf Tourette ist üblicherweise, auf Abstand zu gehen. Im Falle von Tourette ist die Angst aber unbegründet. Ein Tourette-Patient bekommt von seinem Gehirn willkürlich Signale weitergeleitet, die er anschließend in Form von Zuckungen, Aufschreien oder gar Selbstverletzung loswerden muss. Da dieses Verhalten auf die Außenwelt aggressiv wirken kann, ist es gut, so viel wie möglich über Tourette zu wissen. So werden Hemmungen nach und nach abgebaut und wenn du tatsächlich einmal mit einem Tourette-Patienten zu tun hast, weißt du, was es damit auf sich hat.

Galerie: Umgang und Leben mit Tourette

Tourette – Entstehung und Symptome

Beim Tourette-Syndrom handelt es sich um eine erblich bedingte, neuropsychiatrische Erkrankung, bei der es infolge von fehlgeleiteten Gehirnimpulsen zu sogenannten Tics kommt. Diese entstehen, wenn die Bewegungskontrolle aufgrund einer Störung nicht ausreichend erfolgen kann. Dafür verantwortlich sind die sogenannten Basalganglien, eine Ansammlung von Nervenzellen im Gehirn, die für die Kontrolle unserer Bewegung verantwortlich ist. In Folge dessen kommt es dazu, dass bestimmte Bewegungsmuster nach außen gelangen. Um das zu unterbinden, müssen bestimmte Bereiche des Gehirns (Stirnhirn) aktiviert werden, um die mangelnde Kontrolle der Basalganglien auszugleichen. Geschieht dies nicht, kommt es zu unwillkürlichen Bewegungsabfolgen, meist verbunden mit wahllos von sich gegebenen Lauten. Beides kann zusammen, als auch einzeln auftreten. Darüber hinaus ist auch die Art der Tics nicht beeinflussbar. Üblicherweise treten Tics in Serien auf. Nach einer ticfreien Phase kommt es zu Tic-Schüben. Anzahl, Häufigkeit, Art und Lokalisation der Tics sowie der Abstand zwischen den ticfreien Phasen sind je nach Ausprägung des Krankheitsbildes unterschiedlich. Auch wenn es von der Wissenschaft bisher keine konkreten Begründungen für diese Erkenntnis gibt, haben Studien ergeben, dass eine Tourette-Erkrankung in den meisten Fällen zwischen dem 7. Und 21. Lebensjahr auftritt. Je länger man an der Krankheit leidet, desto besser ist man in der Lage, die Tics für eine gewisse Zeit unter Kontrolle zu behalten. Ob es sich dabei um einige Sekunden oder gar mehrere Stunden handelt, ist von der Disziplin und Übung des Patienten abhängig. Tics vollständig zu unterdrücken, ist indes nicht möglich. Hinzu kommt, dass ein hinausgezögerter Tic-Schub meist wesentlich stärker ausfällt, als ein nicht beeinflusster Tic. Sowohl eine entspannte Situation, als auch die starke Konzentration auf eine bestimmte Aufgabe führen meist dazu, dass der Drang, zu ticen, nachlässt. Freudige Anspannung, Stress und negative Emotionen führen häufig zum Gegenteil.
Tourette-Syndrom

Um den Tourette-Patienten gezielt zu behandeln, muss er erst einmal wissen, dass er Tourette hat. Bei kleinsten Anzeichen, auch im Kleinkindalter, ist ein Besuch beim Neurologen unumgänglich. Hat der die Diagnose gestellt, ist ein Teil der aus der Unwissenheit heraus resultierenden Sorge meist vorbei.

Tourette – Wie äußert sich ein Tic?

Die unwillkürlichen Bewegungsabläufe, auch Tics genannt, lassen sich je nach Schwere unterschiedlich klassifizieren. Zu einfachen Tics gehören verstärktes Blinzeln, Kopfrucken, Schulterzucken oder das Schneiden von Grimassen. Verbale Laute wie Räuspern, verschiedene Arten von Quietsch- und Fiep-Geräuschen oder das Schnalzen mit der Zunge gehören ebenfalls zur leichtesten Ausprägung von Tics. Komplexere Tics lassen sich nicht nur schwerer unterdrücken, sie werden auch von der Umwelt stärker wahr genommen, was für den Betroffenen häufig zum Problem wird. Hin- und Herspringen, die willkürliche Berührung anderer Leute, Körperverdrehungen oder autoaggressives Verhalten ist von Außenstehenden oft nicht auf den ersten Blick als Tourette-Tic einzuordnen. Auch vokale Äußerungen wie ganze, nicht selten sinnlose Sätze, Beleidigungen oder die Ausführung obszöner Gesten werden von der Umwelt häufig als Provokation fehlinterpretiert. Ob es einen Zusammenhang zwischen der Umgebung und den von sich gegebenen Lauten gibt, darüber sind sich die Wissenschaftler bis heute uneins. Für die Betroffenen wird ein ruhiger Spaziergang durch die Fußgängerzone schnell zum Spießroutenlauf. Nehmen Tourette-Kranke ihre Umgebung hingegen als aufgeschlossen wahr, weicht die Anspannung der Entspannung, entsprechend seltener und schwächer werden auch die Tics. Von Ärzten wird gern das Symptom des Schluckaufs zum Vergleich herangezogen, der sich ähnlich eines Tics zwar auch hinauszögern, aber nicht vollständig unterdrücken lässt.

Wie lebt es sich mit Tourette?

Das Tourette-Syndrom gehört zu den chronischen Erkrankungen, die nach dem aktuellen Kenntnisstand der Medizin nicht heilbar sind. Lediglich eine erblich bedingte Komponente haben Wissenschaftler bisher bestätigen können. Insofern muss sowohl der Betroffene, als auch sein näheres Umfeld lernen, mit dem Tourette zu leben. Die Angst, Tourette-Patienten würden mit ihrem Verhalten ihre Mitmenschen gefährden, ist falsch. Entlädt sich ein Tic in Aggression, ist diese auf den Patienten selbst gerichtet und kann bei besonders stark ausgeprägten Tics in Selbstverletzung münden. Wutausbrüche, Wutimpulse und dergleichen haben auf die Mitmenschen eines Patienten in der Regel keine Auswirkungen. Mit der aus der Krankheit resultierenden Unzufriedenheit des Betroffenen müssen Freunde und Bekannte ebenso leben lernen, wie der Patient selbst. Es wird empfohlen, sachliche Informationen über das Krankheitsbild einzuholen, damit Symptome und Entstehung von Tourette nachvollzogen werden können. Nach einer gewissen Gewöhnungsphase an die Tics bestehen für den Betroffenen keine Einschränkungen im Alltag. Wer gelernt hat, mit der Krankheit zu leben, kann theoretisch sowohl privat, als auch beruflich jedes Ziel erreichen, das er möchte. Anders als etwa bei einer Epilepsie gibt es zum Beispiel keine Einschränkungen, was das Fahren eines Kraftfahrzeugs angeht. Medikation wird nur dann verschrieben, wenn die Tics besonders stark sind oder die Autoaggression selbstzerstörerische Ausmaße annimmt. Psychotherapiesitzungen und Entspannungsmaßnahmen sind gängige Empfehlungen für Betroffene, um sich ohne Chemie selbst zu helfen.

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