Interview mit Dr. med. Paul Klein

Sportverletzungen: Wegweisende Behandlungstipps vom Profi

Du hast dir den Knöchel umgeknickt? Oder deine Grenzen beim Laufen überschritten und dir ein Knochenmarksödem zugezogen? Der Mannschaftsarzt der Lizenzspieler des 1. FC Köln, Dr. med. Paul Klein, erklärt, was du im Falle des Unfalles als erstes tun kannst.

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Sportverletzung

Sport-Verletzungen sind vielfältig. Fürs Erste hilft dir oft einfach nur PECH.

Dr. Klein ist Orthopäde und Sportmediziner. Er sucht also aus Berufung nach Möglichkeiten, Sportler ohne operative Eingriffe wieder sporttauglich zu machen. In der MediaPark Klinik in Köln kooperiert er dazu unter anderem mit dem Institut für Biomechanik der Deutschen Sporthochschule Köln.
eVivam: Herr Dr. Klein, hier im Behandlungszimmer befindet sich ein großes Plakat zu autogenen Wachstumsfaktoren, die Sie Ihren Patienten jenseits des Mainstreams verabreichen. Kommende Woche fahren Sie mit den Lizenz-Spielern des 1. FC Köln ins Trainingslager. Gibt es so etwas wie einen Geheim-Tipp, wenn jemand im Fitness-Studio umknickt und sein Knöchel schmerzt?
Dr. med. Paul Klein: (lacht) Nein. Da hilft PECH immer noch am besten. Die Abkürzung steht für P wie Pause machen, E wie Eis drauflegen, damit es möglichst nicht zu Einblutungen in die Weichteile kommt. Das C steht für Compression: Du sollst dabei also Druck auf die betroffene Stelle ausüben. Und dann legst du das Bein am besten H wie hoch.
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Dr. med. Paul Klein: Facharzt für Orthopädie mit der Zusatzbezeichnung Sportmedizin

Dr. med. Paul Klein ist Facharzt für Orthopädie mit der Zusatzbezeichnung Sportmedizin. Er ist unter anderem leitender Arzt der MediaPark Klinik in Köln. Hier liegt sein Augenmerk auf der konservativen Behandlung sporttraumatologischer Erkrankungen und Verletzungen der Muskulatur, der Sehnen, der Gelenke und des Rumpfes. Konservativ bedeutet erhalten: Er tut also alles dafür, dass nicht operiert werden muss. So betreut er seit 2004 auch die Lizenzspieler des 1. FC Köln.

eVivam: Ab wann heißt es ab zum Arzt?
Dr. med. Paul Klein: Wenn die betroffene Stelle dick wird und die Schwellung nicht abnimmt.
eVivam: Wie sieht es bei Zerrungen aus? Was ist da im Muskel los?
Dr. med. Paul Klein: Bei einer Zerrung liegt ein Stoffwechselproblem vor. Eine Zerrung zählt zu den eher leichten Muskelverletzungen. Bei einer Zerrung hast du langsam sich aufbauende Schmerzen; der gezerrte Muskel ist nicht sofort bewegungsunfähig wie bei einem Muskelfaser- oder -bündelriss, sondern der Sportler sagt meist: „Der Muskel macht zu.“ Die Zerrung ist also keine wirkliche Verletzung von Strukturen, deshalb braucht es in der Regel nur wenige Tage bis zum Wiedereintreten der Sportfähigkeit. In der Zeit der Regeneration darfst und sollst du dich bewegen, aber den verletzten Körperteil nicht schmerzhaft belasten. Etwas anders verhält es sich mit einem Muskelfaserriss. Der ist mit deutlichen Druck-, Dehn-, Anspannungs- und Widerstandsschmerzen verbunden. Er führt in der Regel zu einem sofortigen Abbruch der sportlichen Aktivität. Mithilfe bestimmter physiotherapeutischer Techniken, zum Beispiel Faszientechniken und durch Infiltration des Muskels, machen wir Profis mit solchen Verletzungen des Muskels mittlerweile binnen drei Wochen wieder fit. Der Sport-Profi kann im Gegensatz zu anderen auch ganz anders an seiner Genesung arbeiten, weil er sich beispielsweise jeden Tag behandeln lassen kann. So verläuft der Regenerationsprozess natürlich auch schneller.

Überlastung durch Sport: Impingement – Spezifik: Krafttraining

eVivam: Mit welchen Sportverletzungen kommen Patienten zu Ihnen?
Dr. med. Paul Klein: Das ist ganz unterschiedlich.
eVivam: Auch aus dem Fitness-Studio?
Dr. med. Paul Klein: Da gibt es eigentlich weniger Verletzungen. Meistens haben wir es da mit Überlastungsphänomenen in den oberen Extremitäten zu tun. Besonders mit Sehnenreizungen der Schulter durch ein sogenanntes Imgingement. Da wird es unter dem Schulterdach zu eng für die Supraspinatus-Sehne und den Schleimbeutel. Das Impingement ist die englische Bezeichnung für Zusammenstoß – grob übersetzt eine Funktionsbeeinträchtigung der Gelenkbeweglichkeit. Oftmals wird das durch zu einseitige Trainingsinhalte verursacht: Bizeps und Pectoralis werden trainiert, die hintere Schultermuskulatur aber nicht so sehr. Es kommt dann zu einem Ungleichgewicht der Muskulatur der Schulter, was zu einer Verschiebung des Oberarmkopfes führt. Hierdurch wird dann diese Enge zwischen dem Oberarmkopf und dem Schulterdachknochen ausgelöst. Männer kommen damit übrigens häufiger zu uns als Frauen.
eVivam: Was empfehlen Sie denen?
Dr. med. Paul Klein: Ein Training der Gegenspieler-Muskulatur: der Rotatorenmanschette, der Rhomboiden. Das Training übernehmen dann die Physiotherapeuten, mit denen wir zusammenarbeiten. Da helfen zum Beispiel Übungen mit dem Thera-Band. Dazu wie beim Ski-Langlauf das Band von oben, etwa an der Tür befestigt, nach hinten unten ziehen. Grob gesagt führt das dazu, dass die Schulter-Kugel wieder mit dem nötigen Abstand richtig in der Pfanne des Gelenks sitzt.
Dr. Klein erklärt Sport-Verletzung Schulter-Impingement

Dr. med. Paul Klein erklärt an einem Modell der Schulter das Impingement-Syndrom, die englische Bezeichnung für Zusammenstoß – grob übersetzt eine Funktionsbeeinträchtigung der Gelenkbeweglichkeit.

Sportverletzung: Knochenmarksödem – Spezifik: Laufen

eVivam: Welche Sportler kommen sonst zu Ihnen?
Dr. med. Paul Klein: Läufer mit Überlastungsphänomenen wie Sehnenüberlastungen und Knochenmarksödemen.
eVivam: Wie lautet die Behandlungsempfehlung bei Knochenmarksödemen?
Dr. med. Paul Klein: Den Druck rausnehmen. Stoßbelastungen vermeiden. Bei jungen und gesunden Menschen sollte das Ödem dann nach vier bis fünf Wochen samt Beschwerden wieder abklingen. Wenn Patienten die Warnzeichen nicht ernst nehmen, kann ein Ermüdungsbruch, ein Haarriss, folgen. Die Therapie ist dieselbe: weil auch ein Bruch von selbst wieder heilt, also zusammenwächst. Zur Behandlung zählen Bewegungen ohne Belastungen oder Teilbelastungen im Wasser oder das Gehen mit Krücken. In manchen Fällen verabreiche ich auch hochpotente Osteoporose-Medikamente, Osteoklasten-Hemmer.

Sportverletzung: Kreuzband-Riss – Spezifik: Ski-Laufen, Eishockey- und Fußballspielen

eVivam: Brechen sich Fußballer eigentlich oft etwas? Den Zeh zum Beispiel?
Dr. med. Paul Klein: Nein, eigentlich nicht. Die haben eher einen blauen Zeh, wenn jemand seinen Stollen draufgesetzt hat. Der Nagel wird dann aufgebohrt. So geht der Druck raus.
eVivam: Manchmal fühlt sich unser Sommer ja schon wie ein Sprung vom Frühjahr in den Herbst an. Der Winter steht ja quasi wieder vor der Tür: Womit kommen Ski-Läufer dann meistens zu Ihnen?
Dr. med. Paul Klein: Wegen eines Kreuzband- oder eines Innenbandrisses. Die Verletzungen passieren oft am Lift oder beim Quatschen während der letzten Abfahrt, fast im Stehen, wenn die Ski-Bindung nicht richtig aufgeht. Beim Kreuzband empfiehlt man den Patienten, die weiterhin sportlich aktiv sein wollen, das Knie mit einem Kreuzband-Ersatz wieder zu stabilisieren; in Deutschland gerne mit körpereigenen Sehnen, früher war es die Patella-Sehne vom Knie, heute nehmen wir gerne Sehnen aus dem Oberschenkel. Menschen, die ausschließlich im Büro arbeiten und auch sonst nur Fahrradfahren und nicht weiter sportlich aktiv sind, benötigen diese OP nicht unbedingt.

Die Behandlung

eVivam: Wie sieht die Behandlung weiter aus? Wie lange dauert es, bis sie wieder sportlich aktiv werden dürfen?
Dr. med. Paul Klein: Fahrradfahren dürfen Patienten nach der OP wieder nach zwei Wochen, Laufen erst wieder nach drei bis vier Monaten, aber erst nach geführtem Krafttraining, Treppensteigen, ordentlichem In-die-Hocke-gehen. Dann müssen sie auf etwas draufspringen, später ist der Untergrund, auf den sie springen, wackelig. Und richtig sportlich? Studien der UEFA belegen, dass Fußball-Profis nach einem Kreuzband-Riss im Mittel erst nach sieben Monaten wieder am Mannschaftstraining teilnehmen und sogar erst nach acht Monaten wieder spielen können. Das bedeutet für den Normalsterblichen natürlich, dass er länger braucht. (lacht.)
Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.

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