Erfahrungsbericht

Migräne für Dummies – so geht‘s!

Kopfschmerzen kennt fast jeder, aber für Nicht-Betroffene ist Migräne schwer nachvollziehbar. Wie fühlt sich so eine richtig schöne Migräne an? Ronny fand keine zutreffende Beschreibung und hat darum kurzerhand aufgeschrieben, wie man sich das vorstellen kann.

Datum:
Aua

Psychosomatisches Leiden, neuronale Erkrankung, Folge von Stress, Auraerscheinungen – wer im Netz nach Migräne sucht, findet allerlei Informationen. Nur keine passende Beschreibung für das Leid.

Zunächst ein paar Worte über mich: männlich, 40 Jahre alt, früher häufiger von Migräne geplagt, heute nur noch ein bis zwei Mal im Jahr. Moment, Du dachtest, Migräne sei nur was für Frauen? Ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält und lediglich etwas über das Geschlechterdenken einiger Menschen verrät. Statistisch betrachtet leiden Frauen tatsächlich drei Mal häufiger unter der Plage als Männer. Interessiert mich das als Betroffenen? Herzlich wenig.
Ebenso schätze ich mich glücklich, mit Kollegen zu arbeiten, die mich nicht schräg ansehen, wenn ich mich damit abmelde. Nicht ernst genommen zu werden, kommt laut Internet leider häufiger vor. Dieses Gedanken-Experiment ist allen gewidmet, die Kopfschmerzen kennen und sie mit einer Tablette in den Griff bekommen. Falls Du Dir nicht vorstellen kannst, das Betroffene wie gelähmt für 2 bis 3 Tage im Bett vor sich hin vegetieren – mach mit!

Wie kann ich mir Migräne vorstellen?

Dafür benötigst Du folgende imaginäre Zutaten – und bitte nicht real nachmachen! Lass uns in unserer Vorstellung bleiben:
  • eine Flasche billigsten Fusel
  • eine Brille, die minimal von Deiner Sehstärke abweicht
  • einen In-Ear-Kopfhörer als Verstärker
  • einen Schraubstock
  • einen Fußball
  • 48 Stunden
Als Erstes setzt Du Dir die Brille auf. Falls Du in der Vergangenheit schon einmal zum Spaß eine Brille getragen hast, die nicht auf Deine Augen angepasst war, kennst Du das Gefühl: Irgendwie kannst Du scharf dadurch sehen, aber es ist anstrengend. Vielleicht möchtest Du die Sehhilfe bereits nach wenigen Minuten wieder loswerden, weil Du merkst, wie sich die Muskeln hinter Deinen Augen verkrampfen. Keine angenehme Vorstellung, gell? Für unser Experiment schmeißt Du das Ding aber nicht in die nächste Ecke, sondern behälst es auf der Nase.

In-Ear-Kopfhörer und Umweltgeräusche

Ach, eigentlich ist es erst einmal an der Zeit, einen beherzten Schluck aus der Fusel-Pulle zu nehmen – Prost! Vielleicht fällt Dir dabei auf, das Du durch die leicht verzerrte Wahrnehmung eine größere Herausforderung mit dem Geschmack hast, als angenommen. Bei Migräne ein gern genommenes Phänomen: Erst verändert sich die visuelle Wahrnehmung, dann spielen die anderen Sinne verrückt. Weil es so viel Spaß macht, setzt Du Dir jetzt die In-Ears auf und stellst Dir vor, über den Zeitraum von einer Stunde langsam die Umgebungsgeräusche zu verstärken.
Sofern sich das, was als Nächstes kommt, in dieser Art ankündigt, greife ich hoffnungsvoll in meinen Medizinschrank und versuche es, mit einer vorbeugenden Kopfschmerztablette abzuwenden. Da Du ja keine Migräne kennst und wir etwas nachhelfen müssen, gönnst Du Dir noch ein imaginäres Glas aus Fuselhausen. Wohl bekomms.

Nur (noch) 48 Stunden

Es sind drei Stunden vergangen, alles nervt, der Kopf fängt auf der linken oder rechten Seite an zu pochen. Suche Dir eine aus. Vielleicht ist Dir von dem günstigen Duseldrink schon etwas übel geworden. Das reiht sich ebenso gerne in die Liste der Symptome ein. Unter Betroffenen selbstverständlich ohne Verzehr von Alkohol.
Da die Kopfschmerztablette wirkungslos bleibt, beschließt Du, Deine Anwesenheit vom aktuellen Aufenthaltsort ins Bett zu verlegen. Der Weg nach Hause ist anstrengend, Du fühlst Dich Seekrank, zu schnelle Bewegungen verstärken den pochenden Schmerz. Aber auch im Schneckentempo fühlt es sich an, als hätte Dein Hirn einen Ausbruch aus dem viel zu engen Schädelkorsett geplant. Und warum ist eigentlich alles so hell und zu laut? Du freust Dich auf Schlaf. Das Kopfschmerz-Niveau liegt auf der Richterskala von 0 bis 10 bei 5.

Ein Königreich für ein paar Stunden Schlaf

Schnell die Gardinen vorziehen. Du schließt Deine Augen, worüber sich Dein Sehapparat freut. Immerhin kann jetzt nichts mehr verschwimmen und Deine Augenmuskeln können sich entspannen. Die Zwiebelnote des Hackbratens vom gestrigen Abend liegt noch leicht in der Luft. Das nervt, Du kannst es nicht haben, davon wird Dir schlecht. Also: Fenster auf Kipp, Frischluft rein, wieder ab ins Bett. Während Du Dich fragst, wer sich den Quatsch ausgedacht hat, schlummerst Du ein.

„Jetzt geht’s lo-hos, jetzt geht’s lo-hos“

Qualitativer Schlaf ist irgendwie anders. Nach einer Stunde wirst Du vom Gefühl geweckt, dass Dein Hirn generalstabsmäßig den Ausbruch durch die Augen ins Visier genommen hat. Wer hat Deinen Kopf eigentlich in einen Schraubstock gespannt? Das Kopfschmerz-Niveau hat sich deutlich von 5 auf 7 verschlimmert. Warum ist Dein Nacken so verspannt und wer hat den Kopfhörer doppelt so laut gedreht? Du stehst auf, um das Fenster zu schließen, Deine Knie fühlen sich an wie Matsch.
Der Blick durch die Brille ist ebenso mieser als zuvor. Es haben sich weitere Sehstörungen dazugesellt. Du hast die Wahl zwischen grauem Schleier, verschwommener Sicht oder Komplettausfall eines Auges. Da Du das zum ersten Mal erlebst: Keine Panik! Sogenannte Auraerscheinungen gehören in vielen Fällen zum Naturschauspiel einer Migräne, hinterlassen keine bleibenden Schäden und gehen zeitnah wieder vorüber.

Schlimmer geht immer

Ärzte raten, viel Wasser zu trinken. Du nimmst bitte noch einen Schluck vom Billigen und legst Dich wieder hin. Die Frage ist: In welche Position? War der Schmerz vorhin nicht auf der anderen Seite? So kannst Du auf keinen Fall liegen. Das Pochen ist zu stark. Sich umdrehen ist auch keine Lösung. Kleinste Bewegungen treiben den drückenden Schmerz nur noch in die Höhe. Du nimmst Dir ein Kissen um höher zu liegen? Gute Idee! Nein – doch nicht.
Obendrein steht jetzt eine Person neben Deinem Bett, die gemächlich Dribbelübungen mit einem Fußball auf Deinem Kopf ausführt. Oder ist es nur das Trampeln der Katze des Nachbarn in der Wohnung über Dir? 10, das muss die 10 sein. Mehr Sodom und Gomorrha an Kopfschmerz kannst Du Dir beim besten Willen nicht vorstellen. Als das Geräusch verklingt und Du eine halbwegs annehmbare Liegeposition gefunden hast, döst Du erschöpft ein.

Einsteins Relativitätstheorie

Diese Prozedur wiederholt sich in den kommenden 12 bis 24 Stunden viertelstündlich. In schlimmen Fällen bis zu 3 Tage. Ich habe mich währenddessen oft die merkwürdigsten Dinge gefragt: Hatte Einstein auch Migräne? Ist er vielleicht durch das eigene Erleben davon, dass sich die Uhr einfach nicht fortbewegen möchte, darauf gekommen, Zeit grundlegend in Frage zu stellen? Die Antwort, die ich in der Regel gefunden habe, ist, dass nicht nur Spinal Tap’s Verstärker sondern auch Migräne-Schmerzen bis 11 gehen können.
Empirisch habe ich übrigens nur einen Skateboard-Unfall zum Vergleich, bei dem ich das Brett ungeschickt in meinen Weichteilen parkte. Punktuelles Schmerz-Maximum, welches allerdings schnell nachließ. Während einiger Migräne-Attacken hätte ich gerne dagegen getauscht. Obwohl. Ach lassen wir das.

Der Tag danach

Es kommt der Moment, an dem Du aufwachst und deutliche Linderung spürst. Vielleicht hat sich der Schmerz komplett verzogen. Dein Körper ist ausgemergelt, die Muskeln sind verspannt, Dein Konzentrationsniveau liegt bei Zimmertemperatur, Du bist schwach und hast Rückenschmerzen. Im Bett liegen ist keine Lösung mehr. Sich ins Büro schleppen ebenso wenig. Vielleicht hast Du Heißhunger auf etwas Bestimmtes. Unbedingt nachgeben – Dein Körper weiß jetzt was er braucht. Auch das gehört zum Ablauf einer Migräne dazu.
Für mich ist heute so ein Tag gewesen. Habe bereits ein Bad genommen, eine Pizza bestellt und literweise Wasser getrunken. Ich möchte mich für das Verständnis meiner Umwelt bedanken. Denn nachdem ich das Internet zu dem Thema befragte und wiederholt gelesen habe, wie abfällig Betroffene von Angehörigen, Freunden und Kollegen behandelt werden, wollte ich diesen Text schreiben. Als freiwillige Ablenkung, mit Display-Helligkeit auf 1.
Ebenso bin ich froh darüber, nur noch selten durch eine Migräne zu müssen. Bis heute sind mir die Faktoren für Migräne-Attacken schleierhaft. Ein Migräne-Tagebuch hat kein Licht ins Dunkel gebracht. Im Potpourri der Schmerzmittel habe ich ebenfalls keine zuverlässige Lösung gefunden. Manchmal haben sie funktioniert, meistens nicht.
Selbstverständlich gibt es deutlich Schlimmeres als Migräne. Lustig ist sie dennoch nicht und sowohl Kopfschmerzen als auch ein Kater sind anders. In diesem Sinne, habe Verständnis für die circa 15 Prozent der Bevölkerung, die das vielleicht häufiger erleben. Und belasse es bei diesem Gedanken-Experiment :)