HAL und Co: Exoskelette im Einsatz

Roboteranzüge bringen Hoffnung für Gelähmte

Externe künstliche Gliedmaßen setzt man schon länger in der Physiotherapie ein, um querschnittsgelähmte Patienten in Bewegung zu bringen. Für einige birgt das japanische Modell HAL besondere Hoffnung, denn es gibt Trägern durch Nervenimpulse mehr Bewegungsfreiheit.

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Geht als erstes auf die Nerven: Exoskelett HAL

Der Roboteranzug HAL zählt zu den Hoffnungsträgern für Querschnittsgelähmte. Ein Mitarbeiter des japanischen Herstellers Cyberdyne präsentierte das Modell 2011 in Tokio.

Sie tragen Namen wie Indego, HAL, Ekso, Lokomat® oder ReWalk: Extern angebrachte, künstliche Gliedmaßen – auch Exoskelette genannt – sind Hoffnungsträger für bewegungseingeschränkte Personen. Ihren Ursprung haben die Modelle etwa in den USA, Japan, der Schweiz oder Neuseeland.
Yoshiyuki Sankai

Der HAL-Erfinder heißt Yoshiyuki Sankai.

Erfunden wurde HAL von dem Japaner Yoshiyuki Sankai, der immer wieder für Aufsehen sorgt – auch, weil er bei seinen Forschungsvorhaben so Großes vorhat, dass er für seine Visionen schon oft belächelt wurde. Ebenso war es bei dem Hybrid-Assistive-Limb-System, was ausgeschrieben HAL und übersetzt „hybride unterstützende Gliedmaße“ heißt. 1998 habe er bereits an dem ersten Prototypen gearbeitet. In Sankais Heimatland Japan gibt es – laut einem Artikel in „Die Zeit“ – Menschen, die umgerechnet rund 130 Euro dafür zahlen, dass sie im Showroom seines Unternehmens Cyberdyne mit dem Roboteranzug probelaufen dürfen. Das System wiegt 14 Kilogramm und lässt sich als Exoskelett an den unteren Gliedmaßen anbringen (siehe Aufmacherbild). Ursprünglich hat der Anzug übrigens Soldaten, später Industrie-Arbeiter beim Lastentragen unterstützt – erst dann erfolgte sein Einsatz in der Medizin.
Dr. Ute Polak: Referatsleiterin Heilbehandlung/Gesundheitswesen des DGUV

Dr. Ute Polak ist Referatsleiterin Heilbehandlung und medizinische Rehabilitation bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung DGUV.

HAL bewegt sich mit

Dr. Ute Polak ist Referatsleiterin Heilbehandlung und medizinische Rehabilitation bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Sie hebt hervor: „Der größte Unterschied von HAL zu anderen Exoskeletten wie Lokomat® oder Ekso ist, dass die Gehirnimpulse eines querschnittsgelähmten Patienten selbst dafür sorgen, dass sich das Exoskelett mit ihnen bewegt", erläutert sie. Bei anderen Systemen übernimmt zum Beispiel ein Physiotherapeut die Steuerung des Geräts von außen, und zwar über eine Bedieneinheit. Exoskelette kommen, so Polak, zu Therapiezwecken bei Querschnittgelähmten schon längere Zeit zum Einsatz – doch die bisherigen Erfahrungen damit seien noch begrenzt.

Erste Erfolge

Grundsätzlich könne HAL ein weiterer Hoffnungsträger für Menschen mit Querschnittlähmung sein. Es gebe sogar erste Erfolge: Nach einigen Trainingswochen ließ sich eine Verbesserung der Nervenimpulse in den unteren Extremitäten messen, insbesondere bei Menschen mit inkompletten Querschnittverletzungen. Zur Erklärung: Querschnittslähmungen klassifiziert man generell entweder als komplett oder inkomplett.
  • Sind die Nervenfunktionen unterhalb einer Rückenmarkschädigung komplett zerstört, handelt es sich um eine komplette Querschnittslähmung;
  • funktionieren sie noch teilweise, ist es eine inkomplette Lähmung.

Doch noch keine Studien ...

Trotz der Erfolge heißt das nicht, dass ein Patient, der mithilfe von HAL auf den Beinen ist, ohne Physiotherapeut auskommt: „Das Personal, das Querschnittgelähmte mit diesem System therapiert, muss besonders ausgebildet sein. Es gibt zudem noch keine Studien, die die langfristige Effizienz dieses Systems gegenüber anderen Exoskeletten belegt", warnt Polak vor zu viel Hoffnung. Hinzu komme, dass der Einsatz von HAL – wie auch bei anderen Therapiemöglichkeiten mit Exoskeletten – stark vom Allgemeinbefinden und der Tagesform des Patienten abhänge. Therapieplanung sei da schwierig. Unfallverletzten mit Querschnittlähmung ist es hierzulande möglich, in den BG-Kliniken – so heißt der Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung – ein umfangreiches Training mit Exoskeletten zu erhalten, wenn es eine medizinische Indikation dafür gibt.

... und kaum wissenschaftliche Erkenntnisse

Auch wenn einige „HALs" in den BG-Kliniken Berlin, Bochum, Frankfurt und Halle im Einsatz sind und auch wenn gerade eine interne Begleitstudie im Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung mit über 100 Patienten stattfindet: Es liegen noch wenig wissenschaftliche Erkenntnisse über die langfristigen Trainingserfolge mit Exoskeletten vor. Außer Frage stehe aber der therapeutische Nutzen beim Muskelaufbau und bei der Vermeidung von Begleiterkrankungen, so unterstreicht Polak.

HALs Verwandte

Das erste Exoskelett, das man für die Therapie Querschnittsgelähmter einsetzte, ist der Lokomat®. Die neueste Entwicklung ist Indego aus den USA: Dieses Exoskelett ist seit Sommer 2016 auf dem deutschen Markt. Anders als in anderen Ländern sei man nach DGUV-Angaben hierzulande aber noch weit davon entfernt, dass Patienten mit einem solchen Gerät alleine zuhause laufen lernen können.

Hintergrundinformationen

Es gibt keine Angaben zum Alter der Versicherten, die sich mit einem Exoskelett in einer der neun Unfallkliniken in Deutschland behandeln lassen. Meistens sind es Arbeitnehmer zwischen 20 und 60 Jahren, die einen Unfall bei der Arbeit oder auf dem Weg dorthin oder wieder zurück nach Hause erlitten haben. 2014 wurden der gesetzlichen Unfallversicherung 869.817 Arbeits- und Wegeunfälle gemeldet. Die Anzahl der Unfälle in dem Jahr, die eine Querschnittlähmung zur Folge hatten, betrug 31.
Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.

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