Buch: „Fuck Cancer”

„Denn meine Wut macht mich stark gegen den Krebs”

Myriam von M. ist ein bunter, starker und ziemlich einzigartiger Vogel: schillernd, laut und rebellisch kämpft sie für Kreberkrankte: erfüllt Herzenswünsche und begleitet Sterbende; sie kritisiert das Gesundheitssystem und klärt auf. Ihr erstes Buch heißt „Fuck Cancer: Denn meine Wut macht mich stark gegen den Krebs”.

Datum:
Myriam von M und ihr Statement: Fuck Cancer!

Myriam von M. ist Krebsaktivistin: Aus Wut wurde Rebellion gegen die Krankheit, wegen der die heute 39-jährige Mutter zweier Jungs selbst viel leiden musste. Ihre Vorsorge- und Aufklärungskampagne „Fuck Cancer” startete sie Anfang 2014 - inzwischen mit einer großen Anhängerschaft.

Einschätzung
der Redaktion

Fazit: Das müssen Sie wissen

Das Buch, das Myriam von M. gemeinsam mit Sascha Hoffmann geschrieben hat, ist leicht verständlich geschrieben, der Glossar über Krankheiten und Therapien übersichtlich und hilft Betroffenen und Nicht-Betroffenen, Wichtiges zu überblicken. Das, was Myriam von M. erlebt hat, ist keine leichte Kost. Sensible Menschen sollten Taschentücher bereit legen, denn es ist schwer auszuhalten, was sie durchgemacht hat. Dennoch sollte sich jeder einmal mit Krebs auseinander setzen und damit, was es heißt, einmal mehr aufzustehen, wenn man hingefallen ist. Es erscheint am 14. November 2016.

Pro

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Kontra

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Fuck Cancer: Denn meine Wut macht mich stark gegen den Krebs

Im April 2016 gründete Myriam von M. die Fuck Cancer GmbH. Im November erscheint ihr Buch „Fuck Cancer: Denn meine Wut macht mich stark gegen den Krebs”. Eine 60-70-Stunden-Woche ist für Myriam von M. üblich geworden. eVivam-Autorin Wibke Roth freute sich umso mehr über die Zeit fürs Telefon-Interview. Die Stimme am anderen Ende ist sanft und klingt glücklich.
eVivam: Myriam, herzlichen Glückwunsch zur Verlobung*.
Myriam von M.: Dankeschön. Endlich!!!
eVivam: Du hast in deinem Buch geschrieben, dass vielen Männern der Mut für dich fehlte. Jetzt hast du deinen Menschen gefunden. Wofür steht das M. in deinem Nachnamen – also von der Adelsherkunft einmal abgesehen – eher Miesepeter oder Mut?
Myriam von M. (lacht): Mut!
eVivam: Bald erscheint dein Buch namens „Fuck Cancer: Denn meine Wut machte mich stark gegen den Krebs”. Hat dir die Wut auf Krebs letztendlich die Energie für deinen jetzigen Auftrag gegeben?
Myriam von M.: Wäre ich allein in meiner Wut geblieben, wäre ich wahrscheinlich in Hass versunken. Also nein: Es war nicht die Wut allein. Es gab Furcht, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. Der Untertitel passt also nicht so ganz. Viele Krebspatienten fragen sich irgendwann nach der Diagnose** einmal: „Warum ich?" Ich habe mich irgendwann gefragt: „Warum denn nicht ich?"
Verlobt: Myriam von M. und Lebensgefährte Benjamin heiraten bald

*Frisch verlobt: Sie teilt ihr Leben; auch mit ihrer Community auf Facebook. So erfahren über 20 Millionen Menschen vor allem in Deutschland, aber auch in Österreich, in der Schweiz und den USA, dass ihr Lebensgefährte Benjamin nach fünf Jahren Beziehung um ihre Hand angehalten hat. Sie ist endlich angekommen: „Auch bin ich so dankbar, dass es ihn gibt. Er hat sich für mich entschieden, obwohl er wusste, dass ich Krebs hatte und er die Höllen dieser Krankheit schon mit seiner Mama durchstehen musste", postet sie. Geteilt und geliked wird dort Freud und Leid. Zum Leid vieler Krebserkrankter zählt auch der Kampf um noch nicht zugelassene oder teure Medikamente. Myriam von M. ist es mit ihrem Einfluss sogar gelungen, so ein Medikament für einen ihrer Schützlinge bei deren Krankenkasse zu erkämpfen: Sie kam, packte ihre Kamera aus und startete eine Facebook-Live-Übertragung.

Krebs: einfach Pech

eVivam: Und welche Antwort hast du für dich gefunden?
Myriam von M.: Wenn du Krebs hast, ist das auch einfach Pech – oder Zufall. Von genetischen Faktoren mal abgesehen, gibt es schließlich Menschen, die rauchen ihr Leben lang und bleiben gesund; andere, die sich gesund verhalten, bekommen Lungenkrebs.
eVivam: Du hast seit der ersten Krebsdiagnose – Vulvakarzinom – immer wieder mit der Erkrankung und Nebenwirkungen der Therapien zu tun.
Myriam von M.: Ja, seit 15 Jahren vergeht kein Tag, an dem ich nicht an die Krankheit denke. Das wird so bleiben. Während einer Therapie funktioniere ich einfach. Das Schlimme ist: Je länger die gesunden Abschnitte, desto größer wird die Angst, dass der Krebs wiederkommt.

Wunscherfüller und Sterbebegleiter

eVivam: Zu deiner Kampagne zählen verschiedene Projekte: Du erfüllst Herzenswünsche von Krebspatienten, klärst auf, kritisierst in deinem Buch ein Gesundheitssystem, in dem du selbst zwei Klassen erlebt hast, und du begleitest Menschen beim Sterben. Wie schaffst du das? Hilft dir das womöglich selbst, weniger Angst vor dem Tod zu haben?
Myriam von M.: Nein. Ich habe eine unfassbar krasse Angst vor dem Tod. Vor Kurzem ist eine vierfache Mutter in meinem Alter innerhalb eines Jahres gestorben. Sie hatte den gleichen Tumor wie ich, nur in der Blase.
Myriam von M. kritisiert in ihrem Buch auch das Gesundheitssystem. Sie beschreibt, wie es ihr darin ergangen ist. Sie galt – damals 25-jährig – als bunter Vogel: Die Krebsart und seine Ausprägung war im Verhältnis zum Alter sogar interessant für die Wissenschaft.
eVivam: Du beschreibst, dass du so im Prinzip interessant genug für den Wissenschaftsdurst des Professors warst. Du erhieltst Chefarztbehandlung, die du dir sonst gar nicht hättest leisten können. Im Prinzip Glück im Unglück. Du hast jedoch die Erfahrung gemacht, dass den Ärzten bei aller fachlicher Kompetenz sprachliches Feingefühl fehlte.
Myriam von M.: Ja. Man muss sich mal die Situation vorstellen. Da war der Tumor also entfernt, ich fühlte mich gesund und war froh, dass der Eingriff überstanden war. Da kam die Ärztin und sagt zu mir: „So ein Befund in Ihrem Alter. Dazu musste ich mich erstmal mit einem Kollegen absprechen.” Bumms. So was würde ich doch so niemandem sagen.
eVivam: Du schilderst in deinem Buch noch eine Situation, in der ein Medizin-Professor zu dir sagt „Sie wissen schon, dass Sie eine ernste Erkrankung haben, an der sie sterben können?”
Myriam von M.: Da liege ich unten herum nackt auf der Liege und der Mann hält eine Kamera zwischen meine Beine, um diesen – meinen – ungewöhnlichen Befund zu dokumentieren. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Meine Art, mit peinlichen Situationen umzugehen, ist es, zu scherzen. Das schien ihm wohl nicht die angemessene Reaktion gewesen zu sein. Ich wollte mit meiner Art der Kommunikation bloß eine Beziehung zu ihm aufbauen. Ich fühlte mich wie ein Wissenschaftsobjekt.
Screenshot der Webseite Fuck Cancer

Auf der Webseite Fuck Cancer erfährst du etwas über das Leben von Myriam von M., über ihren Krankheitsverlauf, aber auch viel Wissenwertes über Krebsvorsorge, HPV und Projekte im Rahmen ihrer Fuck-Cancer-Kampagne. Sie bekommt täglich zwischen 200 bis 300 E-Mails. Seit Ende 2015 unterstützt sie bei der Priorisierung eine ehrenamtliche Mitarbeiterin. Die Facebookseite betreut sie weitestgehend allein: Posts mache sie selbst, zwei Administratoren, so von M., unterstützen sie bei Kommentaren.

eVivam: Was wünscht du dir mit deiner Erfahrung an sprachlichem Feingefühl von Familie, Freunden und nahem Umfeld?
Myriam von M.: Das wichtigste ist für Erkrankte, soviel Normalität wie möglich zu leben; gleichzeitig muss das Umfeld viel Rücksicht nehmen. Zur Normalität zählt ja, dass die Krankheit nicht sichtbar wird. Vielen Krebspatienten sieht man dann gar nicht an, wie schlecht sie sich fühlen. Auch, weil – anders als bei einer Grippe – die Erkrankung nicht nach zwei Wochen vorbei ist. Gleichzeitig gilt: Erdrücke den Betroffenen nicht mit Mitleid; gleichzeitig sollte die Erkrankung aber auch nicht schön geredet werden. „Du wirst es schon schaffen”, hat mir zumindest ganz schön zu schaffen gemacht.
eVivam: Was gibst du Betroffenen auf den Weg?
Auf jeden Fall, dass es Zeit geworden ist, Aussagen zu hinterfragen.
  1. Hole für Diagnose und Therapie eine zweite Meinung ein.
  2. Wenn keine Chemo verordnet wird, frage, warum?
  3. Suche Institutionen, die dir helfen können, Antworten auf deine Fragen zu finden.
  4. Kämpfe für Therapiemöglichkeiten.
eVivam: Vielen Dank, für das Interview, Myriam.
Hintergrund-Informationen
Nach Angaben des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums dkfz sterben in Deutschland mehr Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als an Krebs. Doch die Diagnose Krebs schockiert Betroffene immer noch, wird sie doch hauptsächlich mit Hoffnungslosigkeit und Unheilbarkeit in Verbindung gebracht. Die aktuellen Zahlen und Statistiken sprechen mittlerweile eine andere Sprache: Laut dkfz müsse man berücksichtigen, dass die Menschen heute im Durchschnitt viel älter als noch vor 20 Jahren würden. So gehe die Krebssterblichkeit in Deutschland seit Jahren zurück. Vor 1980 starben mehr als zwei Drittel aller Krebspatienten an ihrer Erkrankung. Heute könnten mehr als die Hälfte auf dauerhafte Heilung hoffen. Dennoch: Im Jahr 2012 erkrankten **477.950 Menschen in Deutschland neu an Krebs. Das sind etwa 650 Patienten mehr als 2010. Für das Jahr 2016 erwarten die Wissenschaftler 498.700 neue Krebserkrankungen.

Fuck Cancer: Denn meine Wut macht mich stark gegen den Krebs

Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.

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