Wer schön sein will, muss leiden

Ab Crack – ein Trend, der krank machen kann

Junge Frauen und Männer posten auf Twitter gerne Fotos von sich, von ihrem Bauch mit einer Spalte zwischen Nabel und Brust. Unter #Abcrack ist der Name Programm – Trend und Körperwahn zugleich. eVivam-Autorin Wibke Roth hat bei Andreas Schnebel nachgehört, wann so eine Mode gefährlich wird.

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Symbolbild Ab Crack

Kann sein, muss aber nicht: Ab Crack heißt die sichtbar gewordene Sehnenplatte zwischen Bauchnabel und Brust. Die steht leider auch für einen neuen Körpertrend, der auf Thigh Gap und Bikini Bridge folgt.

Nach Bikini Bridge und Thigh Gap gibt es jetzt augenscheinlich einen neuen Modetrend für die Gestaltung des eigenen Körpers: Ab Crack. Crack heißt übersetzt Spalte. Genauer geht es um die Spalte, die entstehen kann, wenn die Sehnenplatte namens Linea Alba zwischen Bauchnabel und Brust sichtbar wird. Wozu soll die Sichtbarkeit gut sein?

Der Körper als Modelliermasse?

„Die Frage ist doch, ob man glaubt, dass man aus seinem Körper alles machen kann“, sagt Diplom-Psychologe Andreas Schnebel. Der Vorsitzende des Bundesverbandes für Essstörungen sieht Ab Crack, Thigh Gap und Co. jedenfalls wie einen Modetrend für den Körper. Zu Barockzeiten sei das Körperfülle gewesen. Heute ginge der Trend meist mit Magerkeit einher. Normal ist anders.
Andreas Schnebel

Diplom-Psychologe Andreas Schnebel ist Vorsitzender des Bundesverbandes für Essstörungen. Er arbeitet im Therapiezentrum ANAD e.V. in München mit Patienten mit eben diesen Problemen.

Von Unterfettgewebe, Körperkult und natürlichen Grenzen

Dabei gibt es zwei Faktoren, die Trend-Spalten-Settern zu denken geben sollten: Faktor eins heißt Unterhautfettgewebe. Gerade Frauen hat Mutter Natur mit eben diesem Fett in der Bauchregion besonders ausgestattet. Faktor zwei heißt Genetik: Das heißt im Prinzip, dass selbst bei gezielten Workouts und Ausdauertraining nicht klar ist, ob diese Spalte jemals sichtbar wird. Sport-Professor Ingo Froböse erkläuterte in einem Artikel der FAZ jüngst, dass es aus diesem Grund ja schon schwierig sei, ein Sixpack hervorzutrainieren. Das Trainingsziel Ab Crack sei noch schwieriger. So ein Mode-Trend-Trainingsziel kann also sehr frustrieren.
Wenn das Training zum Frust wird

Nicht jeder Körper ist gleich: Selbst bei schlanken trainierten Menschen ist die Linea Alba nicht unbedingt sichtbar.

Faktor 3: Der gesunde Menschenverstand?

Noch nicht erwähnt, aber nicht weniger wichtig ist der gesunde Menschenverstand. Das Perfide: Stell dir vor, du trainierst und trainierst und kommst dieser Körperspalte unterhalb deines Körperfetts nicht näher; zumindest nicht sicht- und auf Instagram postbar. Also wird zudem an der Ernährung geschraubt und eine Diät gestartet. Andreas Schnebel: „Dabei sind Diäten die Einstiegsdroge in eine Essstörung.“

Eine Diät kann unter Umständen der Einstieg in eine Essstörung sein: Das weiß Diplom-Pychologe Andreas Schnebel aus seiner Erfahrung mit Patienten.

Die Figur als einziger Gedanke

So eine Essstörung kann dann in einer Körperwahrnehmungsstörung münden. Das bedeutet nicht, dass jeder, der sich ein Sixpack oder einen Ab Crack modelliert hat, gestört ist. „Es bedeutet, dass es langfristig zu einem Problem wird, wenn man sich so ernährt und so viel Sport treibt, dass der BMI kleiner als 17 oder 16 ist“, erläutert er. Zu viel Raum für die Figur macht also auf Dauer krank.
Der BMI sagt zwar nichts über die Qualität der Körperstruktur aus; er hilft aber, einen ersten Eindruck zu bekommen, ob ein Mensch zu viel oder zu wenig auf den Rippen hat. Doch wie lauten verlässliche Empfehlungen zu Fettmasse und fettfreier Masse? Die Deutsche Rentenversicherung hat dazu Zahlen veröffentlicht. Nach diesen Angaben sollte die fettfreie Masse bei Frauen zwischen 72 und 78 Prozent und bei Männern zwischen 80 und 86 Prozent liegen, um gesund zu sein. Und nochmal: Wie sich das Fett verteilt, hängt auch von den Genen ab.

Eine Frage der Fettverteilung

Der Körperfettanteil gibt zwar den Anteil des eingelagerten Fetts im Verhältnis zur Gesamtmasse des Körpers an. Er lässt jedoch keine Rückschlüsse darüber zu, wie sich etwa Struktur- und Depotfett zueinander verhalten. Die Hälfte des Depotfetts ist Unterhautfettgewebe. Der Gesamtkörperfettanteil nimmt übrigens mit steigendem Alter zu, ab dem 25. Lebensjahr circa drei Kilogramm pro Jahrzehnt. Und Männer haben einen etwa zehn Prozent niedrigeren Fettanteil als Frauen.
Zu viel Raum für die Figur

Der Teufelskreis hat begonnen, wenn sich die Gedanken nur noch um die Figur drehen.

Zu viel Raum für die Figur?

Im Netz und den sozialen Netzwerken gibt mittlerweile viel Raum für Körperkult. #Abcrack ist da nur ein Hashtag unter vielen. Wenn die Gedanken sich allerdings nur noch um eine Spalte zwischen Bauchnabel und Brust oder einen Abstand zwischen den Oberschenkeln kreisen, verschiebt sich die Gewichtung in eine falsche Richtung. Schnabel: „Dann isolieren sich die Menschen, sie essen zum Beispiel nur noch ungern in Gesellschaft. Etwa das Genießen einer Pizza ist gar nicht mehr möglich. Die Gedanken haben sich verselbstständigt. Essstörungen wie eine Magersucht können entstehen.“
Ab Crack auf Twitter

Posieren für Twitter mit Bezug auf Instagram: Ob die Spalte zwischen Nabel und Brust erstrebenswert ist, liegt im Auge des Betrachters.

Kannst du dich noch einschätzen?

Das Münchner Therapiezentrum ANAD e.V. hat einen Selbsttest veröffentlicht, mit dem man sich und sein Verhalten einschätzen kann. Übrigens sind im Netz auch Menschen unterwegs, die sich bewusst gegen Ab Crack und Co. aussprechen. Die Bloggerin Ashley Alteman mischt auf smashleyashely.com gegen den Trend. Zu sehen sind selbstbewusste Frauen – teils mit zu viel, teils wenig Fett auf den Hüften. In jedem Fall aber ohne sichtbare Bauchspalte. Der Titel: „This is beauty.“
Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.

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