Mike Kleiss –Das neue Laufen

Warum es wichtig ist, beim Joggen nicht auf die Uhr zu sehen

Wir sollten uns auf keinen Fall von der Technik terrorisieren lassen, sagt unser Laufexperte und Kolumnist Mike Kleiss. Redet er da etwas weltfremd gegen den Trend? Oder ist der neue Trend eher „ohne“?

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Frau mit Uhr

Laufen mit Technik: Für Mike Kleiss keine Notwendigkeit.

Wir sind in einer Welt angekommen, in der die Technik eine immer größere Rolle spielt. Das geht in Ordnung, aber wann ist es damit eigentlich genug? Genau jetzt ist es genug, denn die Technik-Helfer sind zu Terroristen geworden. Und lenken vom Wesentlichen ab. Zum Beispiel vom Laufen. Die Frage, die wir uns deutlich stellen müssen: Warum soll ich ständig meine Schritte zählen, wenn ich statt dessen die Natur genießen kann, meinen Körper spüren kann? Warum soll ich immer mehr Geld für Apps, Gadgets und Wearables ausgeben, anstatt es in gesundes Essen oder gute Laufkleidung zu stecken? Warum muss ich andauernd meinen Puls kontrollieren, anstatt auf meinen Körper zu hören, oder gar einfach Spaß an der eigenen Geschwindigkeit zu haben. Und zwar an der, die man selbst definiert? Die Antwort ist recht einfach: Es gibt keinen Grund.
Wenn Laufen zum Streß wird
Für viele Läufer, oder die es werden wollen, ist das Laufen zum Stressfaktor geworden. Und eigentlich wollen viele Menschen laufen, um genau diesen abzubauen. Und eben an dieser Stelle wird es grotesk. Jeder, der je eine Uhr beim Laufen benutzt hat, wird eines Tages damit beginnen, gegen die Zeit zu laufen. Wird schneller werden wollen. Denn in Zeiten von Runtastic und anderen Plattformen, entsteht ein digitaler Wettkampf um Zeiten und gelaufenen Kilometern. Die sozialen Netzwerke sind Kraftstoff für den Turbo des Wettkampfstresses. Und die wirklich wichtigen Faktoren für das Laufen werden komplett zur Nebensache.
Neue Studie: Wer läuft, hat weniger Entzündungen im Körper
Die Sporthochschule Köln spricht in einer aktuellen Stunde nicht von der Geschwindigkeit beim Laufen. Nicht über eine genaue Anzahl an Kilometern, die man abreißen muss. Dafür gibt es eine wichtige Botschaft aus der Forschung der Sporthochschule: Wer regelmäßig läuft, hemmt damit Entzündungen im Körper und unterstützt somit das Immunsystem. In einer recht groß angelegten Studie fanden die Forscher heraus: Personen, die sich in einem guten Trainingszustand befinden, weisen wesentlich mehr entzündungshemmende Immunzellen im Körper auf als wenig trainierte Menschen. Diese Immunzellen schützen den Körper vor dem Entstehen von Autoimmunkrankheiten. Dazu zählt man unter anderem Rheuma, Multiple Sklerose, neurologische Erkrankungen, Neurodermitis und Allergien. Gerade diese Krankheitsbilder entwickeln im Körper gerne einen chronischen, entzündlichen Prozess. Entzündungshemmende Immunzellen sind jedoch in der Lage, sich Entzündungen im Körper zu widersetzen. Und nochmal: Hierbei spielt es keine Rolle, ob man besonders gut oder schnell läuft. Hauptsache man läuft. Und zwar regelmäßig. Diese Studie ist sicher eine der wichtigsten der vergangenen Jahre. Und weitaus sinnvoller als die Forschung, die Technik noch „besser“ und noch „präziser“ macht.
Joggen auf Zeit macht nicht gesünder
Und es gibt noch mehr Gründe, die Uhr einfach mal zu Hause zu lassen. Und keine App mitlaufen zu lassen. Wer geglaubt hat, dass möglichst viel Laufen in möglichst guter Zeit gesünder macht, der hat sich getäuscht. Kopenhagener Forscher haben über ein Jahrzehnt Daten von 1100 Hobby-Läufern und über 400 Nicht-Joggern aufgezeichnet. Die Kurzzusammenfassung lautet: Wirklich gesund ist nur das langsame und sehr moderate Laufen. Wer jeden Tag wie irre durch die Gegend rennt, immer am Anschlag, um mit der Community möglichst schnell das tolle Ergebnis zu teilen, hat die selbe hohe Sterblichkeitsrate wie die faule Couch-Potatoe. Die niedrigste Sterblichkeitsrate haben alle die, die nur leicht oder moderat joggen.
Lars hat abgenommen – ohne Uhr, mit Gefühl
Selbst für den häufigsten Grund mit dem Laufen anzufangen, dem Abnehmen, gibt es unzählige Schrittzähler und Kontrolltechnik, um die Balance zwischen Kalorien und Bewegung zu finden. Es piepst und vibriert und macht und tut, wenn man sich nicht ausreichend bewegt. Der Terror wird zur Zeitbombe, wenn man auf einer langen Autofahrt ist, sich nicht bewegen kann, und das Armband Alarmstufe rot zeigt.
Lars ist Geschäftsführer eines großen Radiosenders. Beim Radio geht es immer gegen die Sekunde, immer gegen die Zeit. Ein echter Stressjob. Ich habe Lars längere Zeit nicht gesehen. Vor zwei Jahren war er wie ich einst, ein recht lahmer Dicker. Als ich vor einer Woche mit ihm gelaufen bin, kam ein Mann zum Treffpunkt, der sich beinahe halbiert hatte. Er sah gefühlte 10 Jahre jünger aus. Und wir liefen ein Tempo. „Ich habe mir erst Weihnachten eine Pulsuhr gekauft. Weil ich dachte, dass es ganz cool ist eine zu haben. Brauchen tu ich sie nicht.“, sagte Lars. Und band sich umständlich die krachneue Uhr um. Er schaute nicht ein einziges Mal drauf, während wir liefen. So wie er es die letzten zwei Jahre auch nicht getan hatte. Und trotzdem geht es ihm besser als je zuvor. Weil er für sich selbst ganz alleine etwas getan hat. Und nicht für die Technik lief. Und nicht dafür, in sozialen Netzwerken gefeiert zu werden. So läuft es.
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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