Hilfe aus der Datenwolke

Prostatakrebs: Medikamente aus der CLOUD

Wechselwirkungen von Medikamenten sind gefährlich, aber nicht nur. Forscher entwickelten nun eine CLOUD für Arzneien, die diese gezielt für neue Therapien nutzt, zum Beispiel gegen Prostatakrebs.

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Mann fasst sich in Schritt

Medikamente aus der CLOUD: Neue Hilfe für Männer mit Prostatakrebs

Wer zwei verschiedene Medikamente gemeinsam einnimmt, erzielt oft eine gänzlich andere Wirkung als mit einer Substanz alleine. Diese Tatsache, dass Arzneimittel miteinander wechselwirken, lässt die Warnhinweise auf Beipackzetteln oft enorm lang werden. Forscher vom CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien hatten jetzt eine zündende Idee: Sie wollen die Wechselwirkung von Medikamenten gezielt nutzen, um neue Therapien für verschiedene Krankheiten zu entwickeln. So ließen sich zeitaufwendige und kostenintensive Zulassungsverfahren für neue Medikamente einsparen, hoffen sie. Doch wie findet man die richtige Kombination der mehr als 30.000 zugelassenen pharmazeutischen Produkte für eine bestimmte Krankheit? Mit Hilfe einer CLOUD!

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CLOUD mit nur wenigen Wirkstoffen entwickelt

Das Team um Stefan Kubicek entwickelte mit Hilfe eines ausgeklügelten Systems eine CLOUD, in der sich schließlich nur noch 308 Wirkstoffe befanden. Zuvor hatten sie alle Substanzen mit identischen Inhaltsstoffen oder große Biomoleküle herausgefischt, die Mediziner nur äußerlich anwenden oder überhaupt nicht zur Behandlung von Krankheiten einsetzen. Die restlichen Arzneien spiegeln das komplette Wirkungsspektrum und die strukturelle Bandbreite aller zugelassenen Medikamente wider.
Dass die CLOUD als chemische Screening-Plattform tatsächlich funktioniert, bewiesen sie in einer Studie, veröffentlich im renommierten Fachblatt „Nature“ (DOI:10.1038/nchembio.2382). Paarweise kombinierten sie alle Substanzen der CLOUD miteinander und behandelten im Labor zunächst spezielle Leukämiezellen damit. Für zwei Wirkstoffe, nämlich Flutamid und Phenprocoumon, fanden sie einen starken Synergieeffekt – der Kombipack wirkte deutlich effektiver als ein Medikament alleine.

Prostatakrebs: Zwei Medikamente besser als eines

Prostatakrebszellen

Prostatakrebszellen, die mit Flutamid, Phenprocoumon (PPC) oder der Kombination beider behandelt wurden

Gemeinsam testeten sie die Kombination aus Flutamid und Phenprocoumon dann an Prostatakrebszellen, bei denen Flutamid allein nicht mehr wirkte, weil die Krebszellen unempfindlich (resistent) gegen das Mittel geworden waren. Der Erfolg sei durchschlagend gewesen, so die Forscher: Die Wirkstoffkombination tötete die resistenten Krebszellen effektiv und gezielt ab.
Phenprocoumon ist eigentlich ein Thrombosemittel, während Ärzte Flutamid seit Jahren bei fortgeschrittenem Prostatakrebs einsetzen. Flutamid zählt zu den sogenannten Anti-Androgenen und unterdrückt die Wirkung des männlichen Geschlechtshormons Testosteron. Seine Wirkung beruht darauf, dass Flutamid die Andockstellen (Rezeptoren) für Testosteron an den Prostata- und Prostatakrebszellen besetzt. So verhindert der Wirkstoff, dass Testosteron in die Zellen aufgenommen wird und seine Wirkung entfaltet.
Die CLOUD sei eine ideale Substanzsammlung, um neue Wirkstoffkombinationen auszumachen, so die Forscher. Doch das sei erst der Anfang. Angesichts der bisherigen Erfolge sei es sehr wahrscheinlich, dass die Wirkstoffsammlung der CLOUD in Zukunft ein weltweiter Standard für alle möglichen Analyseverfahren werde, hoffen die Chemiker.

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Prostatakrebs ist häufigster Männerkrebs

Prostatakrebs ist die häufigste Krebsart bei Männern. Nach aktuellen Daten des Robert Koch-Institut erkrankten im Jahr 2013 in Deutschland 59.620 Männer neu an Prostatakrebs. Der bösartige Tumor der Prostata tritt vorwiegend im höheren Lebensalter auf. Im Schnitt war Mann bei der Diagnose fast 71 Jahre alt. Wenn Ärzte den Prostatakrebs frühzeitig entdecken, ist die Prognose günstig. So leben noch 93 Prozent der Männer fünf Jahre nach der Diagnose. Allerdings starben auch mehr als 13.400 Männer an ihrem Prostatakrebs. Die Risikofaktoren für diesen Männerkrebs sind noch weitgehend unbekannt. Forscher vermuten, dass erbliche Faktoren (Gene) und der Lebensstil mit ungesunder Ernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht beteiligt sind.
Ärzte vermuten, dass auch der PSA-Test zur verbesserten Früherkennung beiträgt. Als alleiniger Wert besitzt der aber keine Aussagekraft. Denn der PSA-Wert kann auch nach dem Sport oder Sex erhöht sein. Dennoch liefert er Hinweise auf Prostatakrebs. Ist er bei wiederholten Messungen erhöht, sind weitere Untersuchungen ratsam, um Prostatakrebs schnell auf die Spur zu kommen.

Bücher zu Prostatakrebs

Ingrid Müller

von

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