Die bösen Funkwellen wieder einmal

Panikmache: Handy-Strahlung killt Spermien?

Eine Studie besagt angeblich, dass Handystrahlung Spermien schädigt. Was ist wirklich dran?

Datum:
Achtung Handy-Strahlung: Der Spermien Tod?

Ein Graffiti des berühmten Künstlers Banksy in London.

Ich könnte mich mit meinen bescheidenen Statistikfähigkeiten nur ärgern. Da pusten doch tatsächlich selbst renommierte Medienorgane wie der NDR – der mit öffentlichen Geldern gut gepolstert ist – die Nachricht nur zu gerne heraus, was eine Studie herausgefunden haben will: Achtung, Handy-Strahlung – Tod den Spermien. Ich habe die Überschrift des NDR frei übersetzt. Im Panik-Artikel wird tatsächlich geschrieben: „Legt man die Studie der israelischen Wissenschaftler zugrunde, ist die Zeit der Ungewissheit vorbei. Der Zusammenhang ist bewiesen.“ Derartige maximal freie Interpretationen zu der Studie der Universität Haifa finden sich im Netz haufenweise wieder.

Nein, nein und nochmals nein!

Haben sich all die Panikmacher überhaupt die Mühe gemacht, die Studie genauer anzuschauen bzw. überhaupt zu lesen? Ich glaube nicht. Denn in der Studie steht genau das Gegenteil. Das Fazit der Studie steht schwarz auf weiß zusammengefasst, in meinen Worten erneut frei übersetzt: „Wir wissen es nicht genau. Wir können weder einen direkten Zusammenhang zwischen Handy-Strahlung und Spermien-Qualität bestätigen noch können wir ihn widerlegen. Wir sollten die Studie vergrößern und verbessern.“ Bäm! Wer es mir nicht glaubt, der O-Ton lautet: „Our findings suggest that certain aspects of cell phone usage may bear adverse effects on sperm concentration. Investigation using large-scale studies is thus needed.
Also genau das Gegenteil vom felsenfesten Beweis, von dem auch der NDR spricht. Warum das so ärgerlich ist? Wie gesagt, ein Blick in die Studie, und selbst mit nur leichten Statistikkenntnissen gesegnet, wäre man zu dem gleichen Tenor gekommen. Es gibt keinen faktischen Nachweis! Man hat lediglich Thesen aufgestellt und diese zu bestätigen versucht. Es gab weder signifikante Bestätigungen in die eine noch in die andere Richtung. Das heißt in der Wissenschaft: Wir haben keine Ahnung, ob wir recht oder unrecht haben.

Zum Studienverfahen

In der Studie ist die Rede von 106 Männern, die Fruchtbarkeitsprobleme aufweisen und sich daher klinischen Untersuchungen unterzogen hatten. Von den 106 Männern wurden 26 nicht berücksichtigt, weil diese entweder zugleich Alkoholiker oder Raucher waren (dies stört in der Tat die Spermienqualität und -menge). Blieben nur noch 80 im Durchschnittsalter von 35 Jahren. Sie hatten mehrere Fragen zu beantworten, darunter natürlich Fragen zur Handynutzung. Wie oft wird telefoniert, wo trägt man es (am Körper), lädt man das Handy beim Telefonieren auf, ob sie in Gebieten mit schlechtem Empfang telefonieren und wie lange sie schon ein Handy nutzen. Das war die Art der Fragen,
Nun wurde die Studie sehr häufig so interpretiert, dass man herausgefunden haben will, es gäbe einen Zusammenhang zwischen Nähe des Telefons zum Körper und der Spermienkonzentration. Wer angeblich das Handy näher als 50 cm von seinen Hoden tragen würde, der habe eine signifikant geringere Spermienkonzentration. Das spiegelt sich aber in den Zahlen nicht wider! Da steht wortwörtlich, dass 47% eine geringere Spermienkonzentration aufwiesen, 53% eine höhere. Die Studien-Wissenschaftler stellen daher keinen statistischen Zusammenhang fest und schreiben das entsprechend. Im Netz wird jedoch das Gegenteil wiedergegeben. Was ein Unsinn!
Auch was die weiteren Fruchtbarkeitsfakoren wie Spermienbeweglichkeit, -form und -volumina angeht, fand man keine statistisch signifikanten Ursache-Wirkung-Zusammenhänge.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Spermienqualität und Handy-Strahlung?

Die Forscher betonen, dass es womöglich Zusammenhänge geben könnte, die in diese Richtung deuten. Da die Auswertung im statistischen Sinne einige Wirkzusammenhänge nicht widerlegt, aber auch nicht beweiskräftig genug bestätigt. So fanden die Forscher heraus, dass es einen statistischen Wirkzusammenhang zwischen Dauer der Telefonate und Spermienkonzentration geben könnte. Um diesen Spuren nachzugehen, muss die Zahl der Testprobanden wesentlich erweitert werden. Es müssen viel längere Zeiträume untersucht werden. Es müsste dies und das getan werden, um einen wissenschaftlichen Beweis anzutreten. Die Forscher wissen zu gut, dass sowohl die magere Datenbasis, aber auch der Studienaufbau so nicht ausreicht. Nun gut, mehr als einer groben These wollten sie auch nicht nachgehen. Zeh ins Wasser und mal kurz überprüfen, ob was dran sein könnte. Absolut ok!

Fazit

Sprich, und nochmals kurzum: Wir sind immer noch nicht schlauer. Aber das, was einige Medien im Netz herauspusten, geht auf keine Kuhhaut. Da wird weitab von den Studienergebnissen einfach etwas behauptet, was in der Studie so nicht steht. Nur um Panik zu schieben, weil sich eine Panikmeldung gut macht? Weil die User im Netz dann dankbarer klicken? Nee, das ist nicht in Ordnung!
Robert Basic

von

Seine Passion sind Menschen, sein Antrieb ist die Neugier.

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