Zu wenig Druck von oben?

Mineralöl in Lebensmitteln: Schadstoffe unter EU-Beobachtung

Die Europäische Kommission will die Auswirkung von Mineralöl in Lebensmitteln auf die Gesundheit besser verstehen. Sie sammelt Testergebnisse, auch aus der deutschen Lebensmittelindustrie – doch das geht Foodwatch nicht weit genug.

Datum:
Mineralöl in Lebensmitteln darf nicht sein

Mineralöl in Lebensmitteln: in Maßen erlauben oder grundsätzlich verbieten?

Mineralöl und Lebensmittel sind zwei Begriffe, die nichts auf einer gemeinsamen Liste zu suchen haben. Allenfalls sollte das Öl auf einer schwarzen Liste für Nahrungsmittel stehen, so meint man. In der Realität findet sich der Schadstoff aber immer wieder in Essen verschiedener Art. Die unerwünschten Zutaten, um die es in diesem Beitrag geht, heißen MOSH und MOAH: gesättigte und aromatische Mineralöle („Mineral Oil Saturated Hydrocarbons“ bzw. „Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons“) – eVivam berichtete. Mit Blick auf diese beiden Zutaten hat die EU-Kommission ihre Mitgliedsländer Anfang 2017 aufgefordert, Tests durchzuführen – unter „aktiver Beteiligung von Lebenmittelunternehmen” – und die Ergebnisse Anfang 2019 an die EU weiterzureichen. Die Befürchtung der Kommission: MOSH reichern sich potenziell im menschlichen Gewebe an und führen zu Nebenwirkungen in der Leber; MOAH wiederum wirken eventuell als „genotoxische Karzinogene“ – verändern also, grob gesagt, unser genetisches Material. Die Bestrebungen der EU verdeutlichen, welche Gefahr von diesen schwarzen Zutaten ausgehen. Doch es kommt bereits Kritik auf: Die von der EU geforderten Tests laufen bislang in Deutschland nicht gut, so die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch.
Mineralöl in Lebensmitteln: EU/Deutschland

EU-Mitgliedsstaaten sollen Tests zu Mineralöl machen.

Rückblick: Mineralölfunde in Lebensmitteln

Dass es hierzulande Mineralölverunreinigungen in Lebensmitteln gibt, ist seit Jahren bekannt. So hat beispielsweise das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bereits 2010 eine Studie zur Migration von Druckfarbenbestandteilen aus Verpackungsmaterialien in Lebensmitteln durchführen lassen. Diese Untersuchung hat gezeigt, dass Lebensmittel, welche in bedruckten Faltschachtelkartons verpackt sind, Mineralölkohlenwasserstoffe enthalten sind. Eine minimale Konzentration solcher Stoffe stuft die Überwachungsbehörde des Landes, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), als gesundheitlich akzeptabel ein – doch die Nahrungsmittel in der Studie überschritten die BfR-Grenze vereinzelt um bis zu 100 Prozent. Größere öffentliche Aufmerksamkeit bekam das Thema durch Untersuchungen von Adventskalendern durch Stiftung Warentest, welche die Organisation Ende 2012 veröffentlichte. Zusätzlich hat Foodwatch Ende 2015 Mineralöl in z. B. Reis, Cornflakes und Grieß nachgewiesen, Mitte 2016 dann in Süßigkeiten, Ende vergangenen Jahres in Weihnachtsschoki.

Galerie: Mineralöl in Süßigkeiten

Mineralöl im Essen: Wann ist die Grenze erreicht?

Bei Nahrung, die mit Mineralöl verunreinigt und dadurch potenziell gesundheitsschädlich ist, soll und muss die Frage erlaubt sein: Darf das Öl überhaupt in Lebensmitteln stecken? Und falls ja: Wie viel von dieser Zutat ist in Ordnung, bevor sie gesundheitlich bedenklich ist? Das BfR sieht die MOAH-Grenze bei 0,5 Milligramm pro Kilogramm Lebensmittel. Foodwatch protestiert: Dieser Grenzwert sei „viel zu hoch“ angesetzt.

Aldi und Rossmann reagieren: Warnungen und Rückrufe

Auf die Tests seitens BMEL, Stiftung Warentest und Foodwatch folgten erste Reaktionen. So drehte Aldi Süd seinen Zulieferern letztes Jahr quasi den Öl-Hahn zu: Der Konzern verlangte von ihnen, dass sie Lebensmittel ohne Mineralölverunreinigungen liefern. Eine weitere, aktuelle Reaktion: Rossmann hat den Verkauf eines Brotaufstrichs seiner Bio-Eigenmarke – die pflanzliche Pastete „enerBIO Paprika-Chili“ – gestoppt. Eine Laboranalyse der Zeitschrift Öko-Test von Mai 2017 hatte in dem Produkt Mineralöle nachgewiesen. Aber: Der Verkaufsstopp erfolgte nur, nachdem erst Foodwatch und dann Medien Druck gemacht hatten – nicht aus eigenem Antrieb.

BLL: Lebensmittelrückrufe sind unverhältnismäßig

Sind Warnungen und Rückrufe also die Lösung? Manch einer denkt anders: Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. (BLL) beispielsweise findet diese Reaktionen völlig unverhältnismäßig. Auf der Website des Verbands heißt es zum einen, dass keine Gefahr für die Verbrauchergesundheit bestehe. Die von Foodwatch festgestellten Mengen an aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffen (MOAH) lägen – mit zwei Ausnahmen – unterhalb der Nachweisgrenze von 0,0005 Gramm pro Kilogramm Lebensmittel. Zum anderen heißt es, dass es generell eine Verbesserung der Situation in Deutschland gebe. Die Foodwatch-Veröffentlichung zeige mit ihrer Untersuchung von Produkten des deutschen Marktes, dass Unternehmen deutlich weniger recyclingfaserhaltige Verpackungen verwendeten. Die guten Ergebnisse belegten, dass sich die gesamte Lieferkette im Sinne einer Selbstregulierung bemühe, Verpackungskonzepte zu verbessern und unerwünschte Stoffübergänge zu vermeiden. Auf den Punkt gebracht: Laut BLL braucht der Gesetzgeber nicht mitmischen, die Lebensmittelindustrie schafft das allein.
Mineralöl in Verpackungen

Mineralöl in Verpackungen ist vor allem bei trockenen Lebensmitteln, die direkten Kontakt mit dem Papier haben, ein potenzielles Problem.

BMEL: Funktionelle Barrieren gegen Mineralöl

Wenn also keine Rückrufe, um gegen Mineralöl vorzugehen, was dann? Eine weitere mögliche Lösung lautet: verhindern, dass Mineralöl überhaupt erst migriert, also in die Lebensmittel kommt. Experten sprechen hier von sogenannten „funktionellen Barrieren“: Diese Schutzschichten sollen verhindern, dass Mineralöl etwa von Faltschachteln in deren Inhalt – ob Reis, Flakes oder Grieß – gelangt. Diese Barrieren sind Teil eines Verordnungsentwurfs, den der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, im März 2017 auf den Weg gebracht hat.
Ein Verordnungsentwurf also – so weit, so lobenswert. Doch Foodwatch kritisiert daran drei Punkte, nachzulesen in einer Pressemitteilung. Was sagt das BMEL dazu? eVivam hat zu jedem Punkt nachgefragt.

Foodwatch-Kritik 1: Schutzbarrieren sind unwirksam

Foodwatch: Zuerst einmal kritisiert der Verband die Höhe der funktionellen Barriere für Altpapierverpackungen. 0,5 Milligramm pro Kilogramm Lebensmittel – das sei „ein viel zu hoher Wert“. Das verhindere weder den Übergang von MOSH in Lebensmittel, noch den anderer gesundheitsschädlicher Stoffe.
BMEL auf eVivam-Nachfrage: Das Bundesministerium betont, Ziel des aktuellen Verordnungsentwurfs sei erst einmal, Unternehmen zur Verwendung von MOAH-spezifischen funktionellen Barrieren zu verpflichten – wobei die vorgesehene Grenze absolut gerechtfertigt sei. Das BMEL weist auch auf die Eigenverantwortlichkeit der Unternehmen hin: Sie sollten selbst strengere Maßnahmen ergreifen, falls erforderlich, um die Sicherheit ihrer Lebensmittel zu garantieren.
„Kernelement des aktuellen Verordnungsentwurfs ist die Verpflichtung zur Verwendung einer MOAH-spezifischen funktionellen Barriere, wobei bestimmte Ausnahmen von dieser Verpflichtung vorgesehen sind. Damit soll ein Übergang von MOAH aus den betreffenden Lebensmittelbedarfsgegenständen unterbunden werden, das heißt, ein solcher Übergang wäre grundsätzlich nicht zulässig. Aus analysetechnischen Gründen wird dies durch eine Nachweisgrenze abgebildet.
Die im aktuellen Verordnungsentwurf in Abstimmung mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung vorgesehene Nachweisgrenze von 0,5 mg MOAH/kg Lebensmittel entspricht der derzeitigen allgemeinen analytischen Machbarkeit. Die Verpflichtung zur Verwendung einer MOAH-spezifischen Barriere bedeutet nicht, dass Hersteller und Inverkehrbringer bzw. gewerbliche Verwender von Lebensmittelbedarfsgegenständen den Eintrag möglicher anderer Stoffe aus dem Lebensmittelbedarfsgegenstand unberücksichtigt lassen dürfen. Vielmehr sind die allgemeinen Anforderungen des Lebensmittel- und Lebensmittelbedarfsgegenständerechtes, insbesondere in Bezug auf die Sicherheit der Erzeugnisse, einzuhalten. Sind in Bezug auf andere Stoffeinträge andere, ggf. striktere Maßnahmen erforderlich, um die Sicherheit der Lebensmittelbedarfsgegenstände zu gewährleisten, so sind diese vom verantwortlichen Unternehmer zu ergreifen.

Galerie: Welche Weihnachtsleckerei ist belastet?

Foodwatch-Kritik 2: Zu viele Ausnahmen

Foodwatch: Als nächstes bemängelt Foodwatch, dass die angestrebte Barrierepflicht viele Ausnahmen enthalte. Beispielsweise sehe der Entwurf keine Barrieren für Lebensmittelpackungen aus Frischfaserkartons vor.
BMEL auf eVivam-Nachfrage: Das Ministerium verteidigt das Nichteinbeziehen von Verpackungen aus Frischfaser – sie seien keine Ursache der Mineralölmigration.
Lebensmittelbedarfsgegenstände aus Frischfaser sind nicht einbezogen, da diese nicht ursächlich für die angesprochene Migration sind. Sofern MOAH aus Umverpackungen o. Ä. durch Frischfaserverpackungen in Lebensmittel migrieren, handelt es sich aufgrund der Abgabe von Bestandteilen an Lebensmittel nach Einschätzung des BMEL dabei um Lebensmittelbedarfsgegenstände und -kontaktmaterialien im Sinne des Artikels 1 der Verordnung (EG) Nr. 1935/2004 über Materialien und Gegenstände, die dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in Berührung zu kommen. Die einschlägigen Vorschriften sind dann entsprechend anwendbar. Hinsichtlich des Übergangs anderer Stoffe wird auf die Antwort zu Frage 1 verwiesen.“
Kein Mineralöl in Lebensmitteln ohne Verpackung

Lebensmittel lassen sich auch ohne Verpackung kaufen – zudem gut, um Müll zu vermeiden.

Foodwatch-Kritik 3: Andere Mineralöl-Quellen unbeachtet

Foodwatch: Schließlich kritisiert der Verband auch, dass sich der Verordnungsentwurf ausschließlich auf MOAH-Verunreinigungen aus Recyclingverpackungen bezieht. Lebensmittel seien ebenso aus anderen Quellen mit Mineralölen verunreinigt, etwa durch Maschinenöl.
BMEL auf eVivam-Nachfrage: Das Bundesministerium führt an, der Entwurf wolle zunächst eine der Quellen für Mineralölbestandteile regeln, für die es genügend Daten gibt. Für weitere Regelungen fehle derzeit noch die benötigte Datenbasis – wobei die europäische Kommission das Thema derzeit angehe.
„Der Entwurf der Mineralölverordnung wurde im Rahmen des Lebensmittelbedarfsgegenständerechtes erarbeitet. Damit soll zunächst eine der relevanten Eintragsquellen für Mineralölbestandteile geregelt werden, für die bereits eine ausreichende Datenbasis bzw. Regelungsgrundlage vorliegt. Der Bundesregierung ist hinlänglich bekannt, dass Mineralölkohlenwasserstoffe auch auf verschiedenen anderen Wegen in Lebensmittel eingetragen werden können. Für weitergehende Regelungen, z. B. Grenzwerte im Lebensmittel allgemein, zur Erfassung auch anderer Eintragsquellen fehlt derzeit aber die benötigte Datenbasis. Aufgrund mehrfacher Vorstöße des BMEL hat sich die Europäische Kommission nun des Themas der Belastung von Lebensmitteln durch Mineralölbestandteile angenommen. Eine Befassung auf EU-Ebene ist sachgerecht, da sich das Problem nicht nur auf den deutschen Markt beschränkt. Der erste Schritt ist ein EU-Monitoring zur Generierung einer ausreichenden Datengrundlage, auf der mögliche EU-Maßnahmen abgeleitet werden können. Auf die Empfehlung (EU) 2017/84 der Kommission vom 16. Januar 2017 über die Überwachung von Mineralölkohlenwasserstoffen in Lebensmitteln und Materialien und Gegenständen, die dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in Berührung zu kommen, wird hingewiesen. Deutschland wird sich umfassend an diesem Monitoring beteiligen.“

Fazit: Unternehmen – handelt eigeninitiativ!

An dem EU-Monitoring sollte sich Deutschland genauso kooperativ wie andere EU-Mitglieder beteiligen. Dass es noch keine einheitliche Datenbasis gibt – solche Argumente für fehelnde umfassende Regelungen nutzen Verbrauchern nichts. Zumal sich deutsche Händler und Hersteller schon längst fragen sollten, ob sie ihre umverpackten Produkte guten Gewissens auf den Markt bringen können. Es darf jedenfalls nicht sein, dass Verbraucher gesundheitsgefährdende Produkte zu sich nehmen müssen, weil es potenzielle Schlupflöcher gibt und weil sich Unternehmen irgendwie selbst regulieren (oder das auch lassen) dürfen. Warum, zeigt das aktuelle Rossmann-Beispiel. Vielleicht braucht das Land mehr Unternehmen wie Aldi, die in dieser Sache voranschreiten.
Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.