Die Angst vor Impfungen

Gehören Impfgegner wirklich ins Gefängnis?

Die WHO meint, mit der Bekämpfung des Masernvirus’ sei man in Europa weit gekommen. Nur in Deutschland will es nicht so recht klappen. Was sind die Gründe? Impfgegner?

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Masern, Impfgegner und Konsequenzen

Man stelle sich besorgte Eltern vor, die im Knast sitzen, weil sie ihre Kinder nicht impfen lassen wollten.

Das europäische Regionalbüro der WHO (Weltgesundheitsorganisation) frohlockte angesichts der Tatsache, dass 30 von 50 europäischen Ländern auf einem guten Weg seien, Masern – um die es hier explizit gehen soll – zu eliminieren. Was nichts anderes bedeutet, als dass auf 1.000.000 Einwohner maximal ein Maserninfekt über einen bestimmten Zeitraum auftritt. Natürlich blies die deutsche Pharmaindustrie ins Horn mit. Denn leider ist nicht alles so rosig in Europa.
18 Länder seien davon noch entfernt, dass Masern als eliminiert gelten können. Wozu auch ausgerechnet Deutschland gehört, dessen milliardenschweres Gesundheitssystem doch zu einem der größten weltweit gehört. Wieso ausgerechnet Deutschland?

Die Fakten: Masernentwicklung seit 2001

Masern Vorfälle in Deutschland seit 2001

Die WHO hat als Ziel 1 Maserninfekt auf 1.000.000 Einwohner (0,1 Personen auf 100.000 Einwohner) definiert. Diese Zielmarke wurde in Deutschland seit 2001 im jeden Jahr verfehlt.

Masern Vorfälle in Deutschland seit 2001

Beruhend auf der Meldepflicht für Masern ist keine stetige Abnahme der Masernvorfälle seit 2001 zu beobachten. Es gibt immer wieder markante Ausreißer nach oben. Seit 2001 wurden rund 24.000 Infekte behördlich gemeldet. In diesem Zeitraum verstarben davon sechs Personen an den Folgen des Infekts (0,025% bzw. 1 Person bei 4.000 Masern-Infektionen).

Das ist des Pudels Kern. Maserninfekte treten in Deutschland regelmäßig auf. Die Zielmarke von 0,1 Masernfällen auf 100.000 Einwohner wird partout nicht erreicht. Die Impfquoten sind nicht ausreichend.
Das vorneweg: Wir können nun lange rätseln, woran das liegen kann. Unglaublich detaillierte Zahlenreihen aufstellen. Was für die Masernimpfung spricht, was Herdenimmunität bedeutet, wieso mindestens 95% geimpft sein sollten, ab welchem Alter geimpft wird, welche Vorteile Masernimpfungen mit sich bringen, welche Nachteile dazu relativ die Nebenwirkungen haben, noch und nöcher. Zahlen über Zahlen, Statistiken über Statistiken. Aber darum geht es nicht. Mir vor allen Dingen nicht, obwohl ich selbst ein großer Fan evidenzbasierender Aufklärung bin. Was nichts anderes bedeutet, als nach wissenschaftlichen Standards Ursache und Wirkung zu untersuchen. Anstelle von bloßen Annahmen, die unbewiesen bleiben. Rein aus didaktischen Gründen sei mir noch ein Chart erlaubt, das das Grundproblem der ungenügenden Impfquote aufzeigt.
Impfquoten in Deutschland seit 2004

Die Entwicklung der Impfquoten (Erst- und Zweitimpfung) in Deutschland von 2004 - 2012. Die Entwicklung ist stetig positiv.

Wir können erkennen, dass die Erstimpfung einen Spitzenwert von über 95% bei Kindern bis zum Alter von 36 Monaten erreicht hat. Anders herum gesagt, 95 von 100 Kindern werden gegen Masern geimpft. Doch bei der Zweitimpfung – die immens wichtig für das Erreichen einer als ausreichend sicher geltenden Immunität gegen Masern ist – sind wir weit davon entfernt. Nicht einmal 90 von 100 Kindern werden zum zweiten Mal gegen Masern geimpft. Die Wissenschaft selbst ist sich einig, dass die Masernimpfung zweimal vorgenommen werden muss, damit eine Immunisierungsquote von 95% erreicht wird. Wie man auf die 95% kommt? Es handelt sich um rein mathematische Modelle, hinter denen der Gedanke steht, dass sich ein extrem ansteckender Infekt wie Masern nicht mehr in der Bevölkerung ausbreiten kann. Findet das Masernvirus keinen menschlichen Überträger mehr, stirbt es aus. So die Grundlogik des Gedankens. Je mehr immun sind, umso geringer die Chancen für das Virus, weitere Wirte zu finden. Verlassen wir nun das Gebiet der Zahlen, verlassen wir das Gebiet der Wissenschaft. Das hat einen bestimmten Grund.

Impfgegner sind Verbrecher und gehören ins Gefängnis?

Ich wurde vorab von zahlreichen Freunden gewarnt, mich mit dem Thema Impfung auseinanderzusetzen und es öffentlich aufzugreifen. Die Problematik sei nicht die mangelnde Impfquote. Dies sei nur das Ergebnis aus einer Mischung von Zweifeln, Desinformation und Grabenkämpfen. Es ginge nicht um Evidenz und reine Zahlen. Die Fronten seien längst verhärtet, es ginge extrem emotional zu. Vernunft und Logik, Wissenschaft und Evidenzbasiertheit wären kein Ansatz, einen Artikel über das Impfthema zu verfassen. Die Fronten? Es gibt auf der einen, sehr diffusen Seite die absoluten Impfkritiker, die fast schon ins Religiöse abdriften. Hier geht es um Lebenseinstellungen. Es gibt auch die Impfskeptiker, die nicht grundsätzlich, nicht so dogmatisch wie Impfkritiker gegen Impfung sind. Die aber nach einem Abwägungsprozess zum persönlichen Urteil kommen, dass die Impfung ihrer Kinder keine Option sei. Auf der anderen Seite gibt es ebenso fast schon Impfgläubige, die ihre Religion in der Zahlenwelt suchen und wie einen Schild vor sich tragend in die Schlachten ziehen. Es gibt diejenigen, die über eine gesetzliche Pflicht nachdenken. Und es gibt diejenigen, die Impfgegner pauschal als kriminell betrachten.
Die Diskussionen untereinander und gegeneinander entziehen sich meinem Verständnis. Oder besser gesagt meiner Geduld. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es nicht um den Austausch von Argumenten geht, sondern um die Verteidigung der eigenen Position zwecks Selbstfindung in der eigenen Meinungsgruppe. Wen wundert es da, wenn es so schnell hochkocht. Ein Wort führt zum nächsten, Beleidigungen werden immer drastischer, die Emotionen sprudeln über. Alles in der Sorge um unsere Kinder? Interessanterweise eint das alle, aber es trennt zugleich.

Amoklaufende Wissenschaftler?

Um ein winziges Beispiel im Meer an aberwitzigen und unzähligen Diskussionen zu nennen: Impft Eure Kinder! Die Masern sind zurück! 1.338 Diskussionsbeiträge zu einem im Grunde genommen simplen Artikel. Im Rahmen einer Webseite, auf der Wissenschaftler versuchen, ihr Fach und ihre Erkenntnisse Laien verständlich zu vermitteln. Der Autor des Artikels ist ein anerkannter Wissenschaftler und Forensiker, dessen Sachverstand niemand anzweifelt. Ein Mann dieser Begabung und ein Mann der Vernunft fordert darin auf: „Wer sein Kind mutwillig damit infizieren lässt, gehört ins Gefängnis!
Ich hatte zuvor alles gesehen, bis ich auf diesen Artikel stieß. Abstruse, total verrückte Thesen, was Masern sein sollen (ihr wollt es nicht wissen, wie unfassbar kreativ Menschen sein können, die daran auch noch glauben). Ich sah Meinungen über internationale Konzerne, die nur unser übelstes Übel suchen. Ich zwang mich, über dunkle Machenschaften nachzulesen, wie verfälschte Studien zustandekommen. Es reifte ein Gefühl von Verwirrtheit in mir, anders kann ich es nicht mehr nennen. Ich sah im übertragenen Sinne lauter Menschen in Markenklamotten vor meinem geistigen Auge, die mit bemalten Gesichtern um das Feuer tanzten, den Gott der Masernwinde anriefen und um Gnade flehten. Ich sah Aliens, die Menschen in ihren UFOs mitnahmen. Mein Zeigefinger kreiste schon über der Löschtaste, um den Artikel über Impfung und Masern von der Festplatte zu bannen. Beknackt, bescheuert, lauter Irre um mich!
Aber ein Wissenschaftler, der vor lauter Verzweiflung und Wut mit den Gesetzen anstatt seiner wissenschaftlichen Expertise herumfuchtelt? Spätestens da wurde mir vollends klar, dass meine Bekannten absolut recht hatten. Wo war ich bloß hineingeraten? Wie sollte ich da bloß wieder herauskommen? Löschen? Einfach vergessen und all die Wirrungen unkommentiert sein lassen?

Das fehlende Element

Irgendwann machte es Klick in mir. Den Sprung wagend fragte ich mich: „Was ist, wenn sie das notwendige Element sind, das Feuer legt, das für Unruhe sorgt? Was ist, wenn sie gegen den Strom schwimmend diejenigen mitreißen, die es sich gemütlich gemacht haben? Was ist, wenn sie diejenigen sind, die uns weiter nachforschen lassen?
Hat es dazu beigetragen, dass sich nicht nur Politiker den Kopf machen, immer wieder? Hat es nicht dazu beigetragen, dass wichtige Organisationen wie das Robert-Koch-Institut, das Paul-Ehrlich-Institut und die Ständige Impfkomission ebenso wie Wissenschaftler an Universitäten und in Pharmabetrieben das weitere Quäntchen an Schritten unternehmen? Sind Ärzte wirklich unberührt von den gefühlten Emotionen? Informieren sie nicht ausführlicher die besorgten Eltern? Sind Hebammen nicht auch informierter und darin sensibilisierter? Ich kann nicht umhin, den Impfgegnern auf beiden Seiten eine gewisse Sensibilisierung zugutezuhalten. Wie alles im Leben braucht ein Gewicht ein Gegengewicht.
Angst und Fürsorge. Wissen und Glauben. Gefühl und Verstand. Es mutet beinahe wie der Kampf Gut gegen Böse an. All das, weil wir uns Sorgen um unsere Kinder machen? Kinder stehen auf Superhelden. Es gibt passenderweise eine bestimmte Szene in einem bekannten Hollywood-Streifen namens „Batman – The Dark Knight“. Joker und Batman sitzen sich gegenüber, schauen einander hasserfüllt an und unterhalten sich dennoch. Bis der eine zum anderen sagt: „Du ..., du machst mich erst vollkommen!
Robert Basic

von

Seine Passion sind Menschen, sein Antrieb ist die Neugier.

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