Gut und Böse

Martin Shkreli: Einfach nur ein Pharma-Raubtierkapitalist?

Mit Gesundheit spielt man nicht. So heißt es. Mit dem Geld von Gesunden und Kranken ebenso wenig. Doch was, wenn sich einer als Enfant terrible aufspielt und sich ganz offen zum Profit mit Medikamenten bekennt? Kann so einer im Grunde genommen ein zartbesaitetes, hilfreiches Kind im Herzen geblieben sein? Gut und Böse?

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Martin Skhreli bei der Anhörung des US Kongresses

Martin Shkreli während der Anhörung im US-Repräsentantenhaus.

Martin Shkrelis Story klingt nach einer Tellerwäschekarriere, dem Ur-Traum der Amerikaner. 1983 in Brooklyn als Kind von albanisch-kroatischen Einwanderern arm zur Welt gekommen. Er brach seine Schule mit 17 vorzeitig ab. Einer der damals bekanntesten New Yorker Hegdefonds – Cramer, Berkowitz and Company – fand Gefallen an dem Abbrecher, der sich schon früh lieber mit Aktienkursen als mit Spielzeug befasste.

Shkreli als Heuschrecke im Pharmabereich

Nach wenigen Jahren hatte er als Angestellter genug gesehen und gründete 2006 seinen ersten eigenen Hedgefonds namens Elea Capital Management, der aber bereits ein Jahr später pleiteging. Zu seinem Glück platzte just zur gleichen Zeit anno 2007 die Immobilenblase und er musste seinem Gläubiger keine 2,3 Mio. US-Dollar Schulden zurückzahlen. Der Gläubiger hieß Lehman Brothers, die ihr Geld nicht mehr eintreiben konnten, da sie selbst Konkurs im Rahmen der globalen Finanzkrise anmelden mussten.
2009 nahm er erneut Anlauf und gründete seinen zweiten Hedgefonds namens MSMB Capital Management. Drückt man es vorsichtig aus, waren seine Methoden rabiat. Er investierte in kleinere Pharmaunternehmen, kritisierte sie dabei öffentlich, indem er vermeintliche Schwächen aufzeigte. Wenn es sein musste, intervenierte er sogar bei den Gesundheitsbehörden, wenn es um Zulassungen von Medikamenten, Therapien oder medizinischen Geräten ging. Die gehandelten Papiere der Pharmafirmen fielen folgerichtig auf dem Kapitalmarkt. Nicht zum Leidwesen von Shkreli, der nicht rein zufällig auf fallende Preise im Vorfeld gesetzt hatte. Dieses Muster hatte er bereits in seinen jungen Lehrjahren bei Cramer, Berkowitz and Company erlernt.

Shkreli wechselt das Ufer: Er wird Pharmaunternehmer

2011 gründete er sein erstes Pharmaunternehmen namens „Retrophin“ und wurde zugleich deren CEO. Doch bereits 2014 wurde er als CEO entlassen, da er weder „reif noch fokussiert“ genug gewesen sei, ließ das Unternehmen verlautbaren. 2015 erging dann zusätzlich eine Strafanzeige in Höhe von 65 Mio. US-Dollar, weil Shkreli angeblich Gelder zugunsten seines MSMB-Fonds veruntreut haben soll.
2015 gründete er sein zweites Pharmaunternehmen namens „Turing Pharmaceuticals“. Die Idee war brillant und einfach: Das Unternehmen erwirbt Rechte an Medikamenten, deren Patentschutz ausgelaufen ist und die einen kleinen Markt bedienen, sprich seltenere Krankheitsbilder. Nach dem Rechteerwerb wird der Preis deutlich erhöht und man sahnt damit kräftige Renditen ab. Konkurrenz muss das Medikament nicht fürchten, wenn man smart eingekauft hat: Die Entwicklungs-, Distributions- und Zulassungskosten für Generika lohnen sich bei kleineren Umsatzvolumina meistens nicht. Rein ökonomisch gesehen wäre alles bestens.

Das Konzept fliegt ihm um die Ohren

Der Griff in diese Trickkiste liest sich gut. Wären da nicht der Patient, das Gesundheitswesen und die Öffentlichkeit. Als Shkreli im August für 55 Mio. US-Dollar die Rechte am Medikament Daraprim erwarb, erhöhte er sogleich im September den Preis von 13,50 US-Dollar – pro Tablette – auf 750 US-Dollar. Die Öffentlichkeit zerrte sein Geschäftsgebahren ans Licht. Denn das Medikament barg Explosives in sich: Schwangere mit einer entsprechenden Infektion müssen sich mit Daraprim behandeln lassen. Ebenso wie AIDS-Erkrankte und andere Menschen mit Immunschwächen.
Die Presse stürzte sich auf ein gefundenes Fressen, denn es war nicht das erste Mal, dass Pharmaunternehmen derartig vorgehen. Doch Shkreli gab aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur ein exzellentes Angriffsbild ab: Seine Bekenntnisse zu Profitgier, zum Unternehmertum, seiner Selbstverständlichkeit im Handeln, seine Kritikunfähigkeit gepaart mit seiner Art, in den sozialen Medien zurückzufeuern. An dem Honigtopf konnten selbst Hillary Clinton und ein Donald Trump nicht vorbeigehen, ohne das Thema aufzugreifen. Immerhin ist Wahlkampfzeit.
Selbst dem US-Kongress wurde es zu bunt und er lud Shkreli zu einer Anhörung. Wo er sich wie zuvor als Enfant terrible aufspielte. Die Abgeordneten versuchten, Shkreli zur Räson zu bringen. Vergeblich. Das Video ist erschreckend!

Der Saulus will ein Paulus sein

Shkreli führte sich mit seinen 32 Jahren bei der Anhörung absolut uneinsichtig auf. Obgleich er in Interviews, die er zuvor geführt hatte, kritisch über die US-Pharmaindustrie und deren Preisgebahren vom Leder zog. Er selbst stellte sich als Held dar, dem nichts mehr als das Wohl kranker Kinder und Mütter am Herzen liegen würde. Einer Vice-Reporterin gegenüber gab er sich als zartbesaitete Kinderseele aus.
Wenn sich ein Patient das Medikament nicht leisten könne, dann würde er es ihm kostenlos hergeben. Wenn ein Krankenhaus seine Vorräte nicht auffüllen könne, dann gäbe er dem Krankenhaus einen kräftigen Nachlass und reduziere die Menge an Tabletten pro Pillendose. Warum aber sollen die reichen Konzerne – die für die Krankenversicherung ihrer Angestellen aufkommen – nicht ordentlich bezahlen? Zumal, er sei kein Preistreiber. Die Pharmaindustrie scheffelt 500 Mrd. US-Dollar Umsatz pro Jahr, so Shkreli. Sein Unternehmen sei ein winziger Teil dieser gigantischen Geldmaschinerie. Er wolle lediglich neue Medikamente erforschen, wozu er nun einmal Profit machen müsse. Sämtliche Gewinne würden in die Forschung gesteckt.

Fazit

Verhaftung von Martin Shkreli

Am 17. Dezember 2015 nahm das FBI Martin Shkreli an seinem Wohnsitz in Manhattan in Haft und überführte ihn dem Haftrichter, der ihn gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 5 Mio. US-Dollar auf freien Fuß entließ.

Ein Fazit sieht man im Bild. Sein Treiben hatte das FBI veranlasst, einen Haftbefehl auszustellen. Wo es ihn noch hintreibt, lässt sich schwer sagen. Laut US-Medien beträgt sein Vermögen rund 100 Mio. US-Dollar, womit er ein gutes Auskommen haben dürfte, wenn nicht allzu viel schiefgeht. Ob er tatsächlich der Böse ist oder nur ein missverstandener Samariter? Sein Werdegang und seine Handlungen sprechen nicht unbedingt für die Samariter-Version. Er scheint lediglich jemand zu sein, der die Gesetze der Ökonomie in den USA nur zu gut verstanden hat. Letztlich, wenn er als Polarisationsfigur dazu beiträgt, dass sich das US-Gesundheitssystem weiterhin lichtet, war er willentlich oder unwillentlich ein Samariter.

Daraprim in Deutschland

Daraprim wird auf dem deutschen Markt vom ehemaligen Rechteinhaber GlaxoSmithKline zum gleichen, alten Preis vertrieben (13,20 Euro). Da in Deutschland Pharmabetriebe ihre Preise nicht ohne die Krankenkassen einfach so festsetzen können, ist eine derartige Preistreiberei nicht wirklich vorstellbar. Auszuschließen ist das aber nicht!
Entwickelt wurde Daraprim übrigens von Gertrude Belle Elion und George Hitchings. Die zusammen mit James W. Black 1988 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie für ihre Entdeckungen zu wichtigen biochemischen Prinzipien der Arzneimitteltherapie erhielten.
Robert Basic

von

Seine Passion sind Menschen, sein Antrieb ist die Neugier.

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