Klug oder fahrlässig? Diagnose-App jetzt auch in Deutschland

Figure 1: Medizin-Experten tauschen sich per Foto-App aus

Das Instagram für Mediziner heißt Figure 1. Die Diagnose-App, 2013 in den USA und Kanada gestartet, gibt es seit ein paar Monaten auch in Deutschland. Das Ziel: die medizinische Gemeinschaft weltweit zu vernetzen.

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Screenshots von Figure 1

Figure 1: Die Screenshots der Diagnose-App für medizinische Fachkräfte und Studenten zeigen hier eine harmlosere Diagnose-Anfrage für eine Röntgenaufnahme.

Bilder von amputierten Gliedmaßen, weißen Pusteln im roten Rachen und Röntgenaufnahmen schräger Wirbelkörper: Die App Firgure 1 bietet einiges, was Normalbürger eher abschrecken, Mediziner aber sehr interessieren dürfte: Sie holen sich über die App Rat von Kollegen für eine bestimmte Diagnose oder lernen Krankheiten und Verläufe kennen, die sie bislang noch nicht auf dem eigenen Tisch hatten. Zudem soll die App, so zumindest die Absicht, Leben retten. Entsprechend gibt es eine Kommentarfunktion, die augenscheinlich alle registrierten User nutzen können (Anmerkung der Redaktion: auch die Autorin, die weder Ärztin noch Medizinstudentin ist).
Die App – umgangssprachlich auch Instagram für Ärzte genannt – ging im Mai 2013 in den USA und in Kanada an den Start. Nach Unternehmensangaben rufen Nutzer sie täglich eine Million Mal auf. Nach der Einführung in Nordamerika, Großbritannien, Südafrika, Irland, Australien und Neuseeland gibt es sie seit Dezember 2014 auch auf dem deutschen Markt; und zwar für Android und iOS sowie fürs Web – kostenfrei. 150.000 Nutzer zählen laut Figure 1 mittlerweile zur Diagnose-Gemeinde.

Das Prinzip Instagram: Zeigen und kommentieren

Wenn du Fan von "Dr. House" und "Emergeny Room" bist, kannst du dir die App herunterladen und anschauen. Für schwache Nerven ist sie allerdings nichts. Auch, wenn du dich als Laie registrieren kannst: Figure 1 ist für medizinische Fachkräfte und Studenten gedacht.
Bevor Nutzer Bilder veröffentlichen können, sorgt ein Gesichtserkennungs- und Zeichentool dafür, dass die Patientengesichter und andere Erkennungsmerkmale wie Tattoos unkenntlich gemacht werden. Ein Moderator prüfe nach Unternehmensangaben zusätzlich alle Fotos vor der Veröffentlichung.
Nutzersprache ist zurzeit immer noch Englisch. „Wir arbeiten noch daran, unser deutsches Moderatorenteam auszubauen. (...) Derzeit können Nutzer in Deutsch und Englisch kommentieren, aber die deutschen Kommentare werden erst angezeigt, sobald genügend deutsche Moderatoren zur Verfügung stehen. Englische Kommentare von deutschen Nutzern werden gezeigt", sagt Dr. Joshua Landy, Facharzt für Intensivmedizin und Entwickler des Figure-1-Konzepts.

Wie sicher kann so eine Diagnose-App für Patienten und Mediziner sein?

Die Persönlichkeitsrechte der Patienten sind nach Unternehmensangaben mit den Tools zur Anonymisierung und einer Einwilligungserklärung gewahrt. Zudem arbeite das Team mit deutschen Anwälten zusammen, um auch mit dem Bundesdatenschutzgesetz konform zu gehen. Doch wie sehen Mediziner die Nutzung der App?
Marc Slomke ist Facharzt für Radiologie in Düsseldorf. Er sieht die App in vielerlei Hinsicht kritisch: „Figure 1 würde ich für meine Arbeit niemals nutzen", sagt er. Dabei spiele nicht nur der Datenschutz seiner Patienten eine Rolle. Bauchschmerzen würde er auch aus ethischen Gründen bekommen. Slomke ergänzt: „Du weißt doch gar nicht, wer dir da antwortet und wie vernünftig die Diagnose ist." In seiner Berufspraxis muss er täglich circa 30 Magnetresonanzttomographen, 20 Computertomographien und Röntgenbilder bewerten.
Gerade die Radiologie ist sehr fachspezifisch. Die Blickdiagnostik, die der App zugrunde läge, sei indes fachübergreifend. Wenn er sich bei einer Diagnose nicht sicher sei, habe er vertrauenswürdige eigene Quellen – teils im eigenen Haus, teils externe Kollegen, qualitativ hochwertige Quellen aus dem Internet, fachspezifische Bücher oder Radiologie-Apps. Als letzten Punkt kritisiert er: „Eine Röntgen- oder MRT-Aufnahme auf einem Handy zu bewerten, halte ich für unseriös. In unserem Fachbereich müssen wir Krankheitsbilder an besonders großen hochauflösenden Monitoren diagnostizieren. Das kann an einem Handy-Bildschirm nicht geleistet werden."
Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.

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