Tückische Erkrankung

Delir: Der Schrecken der Intensivstation

Wer früher weiße Mäuse auf der Intensivstation sah, wurde als kurzzeitig halluzinierend abgetan. Das hat sich mittlerweile geändert, seitdem man das Delir und dessen Folgen genauer kennt. Was hat es damit auf sich?

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Intensivstationen und die Erkrankung Delir

Lange unerkannt: Das Delir.

Das Delir ist ein Verwirrtheitszustand, der sich auch im besagten Phänomen ausdrücken kann, dass man weiße Mäuse sieht. Was früher eher belächelt und als temporäre Erscheinung abgetan wurde, gilt mittlerweile als ernsthafte Komplikation für stationäre Patienten. Gerade Intensivpatienten können je nach Alter, Schwere der Erkrankung und OP aber auch ihrer Konstitution in bis zu 80% aller Fälle ein Delir erleiden. Wie man sich denken kann, trifft es vor allen Dingen ältere Patienten und Kinder.

Wie definiert es die Fachmedizin?

Folgende Merkmale werden genannt:
- Störung des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit,
- Änderungen der Wahrnehmung (Gedächtnis, Orientierung, Sprache, Auffassung),
- Akuter Beginn und fluktuierender Verlauf,
- Vorliegen eines medizinischen Krankheitsfaktors.
Die Merkmale können akut, temporär oder dauerhaft auftreten. Und ja, ein Delir ist in der Tat reversibel, allerdings kann es Jahre dauern.

Was kann ein Delir verursachen?

Wir möchten es uns nicht wirklich ausmalen, aber wie würden wir uns fühlen, wenn wir in einem Intensivzimmer aufwachen? Umgeben von fremdartigen Maschinen, einer beängstigenden Geräuschkulisse und lauter fremden Menschen? Zumal unser Körper nach der OP unter schwerem Schock steht, mit diversen Medikamenten vollgepumpt wurde. Wer soll da nicht Angst und Panik bekommen? Wer soll da überhaupt in Ruhe schlafen können, um sich wirklich schnell zu erholen? Die Medizin weiß mittlerweile, dass nämlich all das Faktoren sind, die ein Delir verursachen können.

Was macht ein Delir so fatal?

Seitdem Ärzte auf dieses Phänomen aufmerksam wurden und es genauer untersuchten (wir sprechen hier von den letzten Jahren und nicht Jahrzehnten!), kennt man die Schwere der Folgen eines Delirs: Es ist eben keine kurzfristige Erscheinung, sondern kann noch jahrelang nach dem Aufenthalt im Krankenhaus auftreten. Die Sterblichkeitsrate vergrößert sich für akute Patienten deutlich und ist selbst nach der Entlassung bis zu dreimal so hoch. Die Patienten liegen zudem deutlich länger auf der Intensivstation, anstatt so schnell wie nur möglich zu genesen.
Konkret? Die Oma war vorher einigermaßen fit, kommt ins Krankenhaus, aber nach der Entlassung wirkt sie nicht nur dement, sondern sie hat Demenz. Das ist nur ein möglicher Verlauf.

Was tut man gegen ein Delir?

Seitdem das Delir als brandgefährlichste Komplikation auf Intensivstationen erkannt wurde, werden ganze Pflegehandbücher umgeschrieben. Der medizinische Kostendruck tut sein Übriges, um sich mit dem Thema weltweit auseinanderzusetzen: Wer länger liegt, verursacht höhere Kosten. Man versucht daher, das medizinische Personal darin zu schulen, ein Delir genauer erkennen zu können. Bis heute sind die Erkennungsraten leider noch zu niedrig. Zugleich werden Patienten weitaus weniger schweren Medikamentendosen ausgesetzt. Auch wird weitestgehend versucht, auf das künstliche Koma zu verzichten. Im Zentrum steht der Gedanke, den Patienten so schnell wie nur möglich zu mobilisieren, wie es in der Fachsprache heißt. Ansprechen, bewegen, aufrichten, sprechen lassen, wahrnehmen lassen.
Auch auf einem anderen Gebiet bewegt sich etwas: Man experimentiert mit einer anderen Raumgestaltung. Die ruhiger, heller und vor allen Dingen geräuschärmer auf den Genesungsverlauf positiv einwirken soll. Es handelt sich teilweise um einfachste Maßnahmen, die ohne Kostenproblematik umgesetzt werden können: Der Müllkorb wird aus dem Intensivzimmer verbannt. Warum? Spielen wir ein Geräusch nach: RATSCH!!! So klingt es nämlich, wenn die Schwester die Spritze aufreißt. Wie man da noch in Ruhe schlafen soll? Eben! Also raus mit dem Müllkorb. Generell heißt es, den Geräuschpegel des Zimmers deutlich zu senken, damit der Patient zur Ruhe kommen kann. Gespräche des Fachpersonals werden außerhalb des Zimmers geführt. Die Türen werden so gedämmt, damit sie nicht mehr laut zuschlagen.
Es geht aber nicht nur um Geräusche. Auch die richtige Dosis an Licht ist extrem wichtig: Keine grellen, blendenden Lampen mehr. Mit dem richtigen Licht wird in Zukunft verstärkt gearbeitet, um den Abbau von Melatonin zu fördern, seitdem sich die Vorteile von Lichttherapien herumsprechen. Melatonin ist ein extrem wichtiges Schlafhormon, das den Tag-Nach-Rhythmus regelt. Die Betonung liegt auf Rhythmus: Es ist wichtig, dass sich der Patient wieder in einen gewohnten Tagesrhythmus einpendelt. Nur mit der korrekten Lichtdosierung gelingt der Abbau von Melatonin. Und nein, ein Bett am Fenster reicht nicht. Schon ab einem Meter Entfernung ist die natürliche Lichtquelle zu schwach, um wirklich wach zu werden.

Ausblick

Die Summe der Maßnahmen senkt das Risiko, an einem Delir zu erkranken. Dies wird in Zukunft dazu führen, dass Stück für Stück die bisher gewohnten Anblicke der maschinell wirkenden Intensivzimmer der Vergangenheit angehören werden. Weitere Erkenntnisse werden dazu führen, die Faktoren einzukreisen, die besonders wirksam sind, um ein Delir zu vermeiden. Einige sehr kostengünstige Maßnahmen haben wir oben beispielhaft genannt. Krankenhäuser weltweit haben bereits mit der Umgestaltung der Zimmer und Abläufe begonnen. Wir können es nur erahnen, aber es wird Jahre brauchen, bis die Erkenntnisse in jedes Krankenhaus rund um den Globus vordringen. Dafür hat man das Delir als gefährliche Komplikation erst viel zu spät erkannt und untersucht. Bewusstseinsstörungen lassen sich weder wiegen noch messen. Das soll daher nicht wie ein Vorwurf klingen, warum es solange gebraucht hat.
Robert Basic

von

Seine Passion sind Menschen, sein Antrieb ist die Neugier.

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