Pharma zahlt eine halbe Milliarde

Bekommt Ihr Arzt Geld von der Pharmaindustrie?

Ein ewiges und oft sehr scharf diskutiertes Thema: Sind Ärzte beeinflussbar, gar korrupt wenn sie Geld von der Pharmaindustrie annehmen? Und wie viel bekommen sie überhaupt? Eine neue Datenstudie wertete die Zahlungsströme aus.

Datum:
Pharmareferent trifft Arzt

Der übliche Besuch des Pharmareferenten beim Arzt.

Letztes Jahr haben 54 Pharmaunternehmen erstmalig die Zuwendungen an Ärzte, Krankenhäuser und Forschungseinrichtungen veröffentlicht: 575 Millionen Euro gingen 2015 an Ärzte und Institutionen. Da die Daten jedoch nicht in auswertbarer Form vorlagen, haben Spiegel Online und die privat finanzierte Journalistenstiftung Correctiv.org eine Datenbank auf die Beine gestellt.
Mit Hilfe der Datenbank können Sie einsehen, ob Ihr Arzt oder Ihr Krankenhaus Zuwendungen erhalten hat. Allerdings sei betont, dass rund 30% aller Ärzte einer Veröffentlichung ihres Namens bei der Grunddatenerhebung seitens der Pharma zugestimmt hatten. Sie werden demnach in zwei von drei Fällen keinen Treffer haben. Anders herum gesagt: Von 71.000 Ärzten haben 20.000 einer Offenlegung zugestimmt.

Wie teilt sich die Summe der Gesamtzahlungen auf?

119 Mio Euro (20%) wurden für Reisekosten, Teilnehmergebühren, Vorträge und Verpflegung aufgewendet. Hintergrund ist: Ärzte sind verpflichtet, sich weiterzubilden. Was absolut notwendig ist. Die Kosten für die Kongresse übernehmen mittlerweile die Pharmaunternehmen.
90 Mio Euro (16%) wurden in Form von Sponsoring, Stiftungen und Spenden an medizinische Institute gezahlt.
366 Mio Euro (64%) wurden als Foschungs- und Entwicklungsgelder an Ärzte und Institute überwiesen (wie viel davon für die Anwendungsbeobachtungen bezahlt wird, ist nicht weiter aufgeschlüsselt. Anwendungsbeobachtungen sind Auswertungen der Ärzte, die den Pharmabetrieben Nebenwirkungen bei Verabreichung bestimmter Medikamente melden. Dafür erhalten Ärzte ein Honorar je Patient).

Wie sind die Zahlungen zu bewerten?

Natürlich hauen Spiegel und Correctiv in die gleiche Kerbe, so der Spiegel z.B.: „Jede finanzielle Verbindung von Ärzten zur Industrie birgt die Gefahr, dass die Mediziner nicht mehr unvoreingenommen urteilen können. Werden Mediziner gefragt, ob die Zusammenarbeit einen Einfluss auf ihr professionelles Urteilsvermögen habe, antworten sie zwar meistens mit nein. Mehrere Untersuchungen konnten jedoch zeigen, wie die Verbindungen das professionelle Urteilsvermögen beeinflussen können.“ Das ist immerhin die Aufgabe eines Spiegels oder auch des jungen Correctiv-Organs. Die latente Frage bleibt immer im Raum stehen, wie hoch der Anteil Sensationsgier ist? Denn, verschafft man sich einen Überblick zu all den Dossier-Artikeln, wird richtig wild auf die Korruptions-Kerbe gehauen.

Was sollen wir glauben?

Zunächst einmal gilt stets und zuerst: Wenn Ihr Arzt Gelder angenommen hat und dies öffentlich angibt, ist das ein gutes Signal! Wer es nicht getan hat, den kann man ja nach seinen Beweggründen fragen. Vielleicht wollten 2/3 der Ärzte dies nicht, weil sie eh wissen was danach passiert?
Zweites gilt, Medien tendieren – speziell der Spiegel – zu einer Art Weltuntergangsberichterstattung. Wir wissen daher nie, wie viel an einer Story dran ist und was eher journalistische Übertreibung darstellt. Wir können die gleichen Fakten auf Basis von Daten in völlig unterschiedliche Richtungen werten.
Drittens gilt, dass Pharmabetriebe wirtschaftliche Unternehmen sind, die selbstverständlich wie alle anderen Unternehmen auf Gewinn und Umsatz ausgerichtet sind. Warum sollte es ihnen verwehrt sein, teure Produkte an den Mann zu bringen? Verbietet man Porsche und Daimler auch den Verkauf dann? Billigere Autos aus Rüsselsheim haben immerhin auch vier Räder und ein Lenkrad. Zugleich handelt es sich um eine Branche, die mit Abstand den meisten Regularien unterliegt. So wie es der Spiegel darstellt und vermuten lässt, dass man bewusst zum Wohle der Patienten und zu Lasten der Gesundheitskosten im Dunkeln agiere, bespielt lediglich die Angst. Angst um die eigene Gesundheit. Damit lässt sich wunderbar spielen.
Viertens gilt, dass wir seit jeher mal mehr mal weniger beeinflussbare Menschen vorfinden werden. Warum soll das bei Ärzten anders sein? Natürlich verkaufen die keine Heißtluftballons, sondern kümmern sich um unsere Gesundheit. So kann man sich fragen, ob Ärzte zu unserem Schaden handeln, wovon diverse Studien sprechen. Beeinflusste Ärzte würden Nebenwirkungen unterschätzen. Allerdings sind wir heute alle in der Lage, Beipackzettel zu lesen und nachzuhaken. Die Nebenwirkungen werden deutlich und mathematische leicht verdaulich aufgezählt. Arztbesuch heißt nicht, dass der Patient das Hirn im Wartezimmer abgibt.
Fünftens vermisse ich – typisch Spiegel , dem jungen Correctiv mag es nachgesehen sein – Verbesserungsvorschläge. An welche Stelle sind Sollbruchstellen, die das Vertrauen zwischen Arzt und Patient nachhaltig schädigen, wo werden Ärzte bewusst oder unbewusst beeinflusst, wie kann man mehr Neutralität bei der Information über neue Methodiken und Verabreichung neuer Medikamente besser bewahren? Wie viel wurde davon bereits in der Praxis umgesetzt? Darüber würde ich gerne informiert werden. So wurde in diesem Frühjahr ein neues Gesetz zur Bekämpfung von Korruption erlassen, das es erstmalig ermöglicht, auch Ärzte und Pharmareferenten bei nachgewiesenen Korruptionsfällen unter Haftstrafe zu stellen. Was bis dato so nicht möglich war.
Robert Basic

von

Seine Passion sind Menschen, sein Antrieb ist die Neugier.

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