Blick ins Babygehirn

Autismus-Test: Hirn-Scan sagt Erkrankung voraus

Kinder mit Autismus haben eigenartige Interessen und verhalten sich in Gesellschaft oft seltsam. Ein Autismus-Test deckt die Erkrankung jetzt vielleicht früher auf.

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Autismus-Test

Autisten leben in ihrer eigenen Welt – ein neuer Test gibt bereits im Babyalter Hinweise.

Autismus ist eine schwere Entwicklungsstörung, die Kinder schon früh im Leben erwischt. Sie greift tief in das soziale Verhalten, die Aktivitäten und Interessen ein. Autistische Kinder wissen sich in Gesellschaft anderer oft nicht recht zu verhalten, verstehen soziale Situationen nicht, haben für ihr Alter seltsame Interessen und sind schlechter als andere Kinder in der Lage, sich über die Sprache, Gestik und Mimik ausdrücken. Erste Anzeichen für die Autismus-Spektrum-Störung zeigen sich schon bei Babys: Manche reagieren nicht auf Blickkontakt, ihren Namen, eine vertraute Stimme oder ein Lächeln der Eltern. Sie ahmen keine Gesichtsausdrücke nach und gestikulieren nicht herum, um sich mit anderen nonverbal zu verständigen. Eltern fallen solche Autismus-Anzeichen oft schon im ersten Lebensjahr ihres Babys auf. Jetzt entwickelten US-Forscher einen Autismus-Test in Form eines Hirn-Scans, der Autismus schon früh aufspürt. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachblatt "Science Translational Medicine" (englische Version).

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Autismus Test: der Blick ins Baby-Gehirn

Die Forscher von der University of North Carolina in Chapel Hill und anderen Universitäten legten 59 schlafende Säuglinge im Alter von sechs Monaten in die Röhre eines Magnetresonanztomographen (MRT). Der MRT-Scanner arbeitet mit starken Magnetfeldern und liefert scheibchenweise Bilder des Gehirns. Die Babys hatten allesamt Geschwister, die schon unter Autismus litten. Aufgrund der familiären Häufung hatten die Babys ein erhöhtes Risiko, später selbst an der Autismus-Spektrum-Störung zu erkranken. Dass die Gene bei Autismus mitspielen, zeigt die Tatsache, dass elf der 59 Kinder später mit zwei Jahren die Diagnose Autismus erhielten.
Die Forscher konzentrierten sich in ihrer Untersuchung auf die Verbindungen zwischen den einzelnen Hirnregionen. Dafür setzten sie die sogenannte funktionelle Magnetresonanztomographie ein, die spontane Veränderungen der Hirndurchblutung misst. Diese entstehen, wenn das Gehirn gerade nicht aktiv an der Lösung von Aufgaben arbeitet. Die Veränderungen lassen darauf schließen, wie gut die Verbindungen zwischen einzelnen Hirnzentren funktionieren. Eine spezielle Software wertete die Daten aus und versuchte Auffälligkeiten herauszufischen. So sagte der Computer immerhin bei neun von elf Kindern, die später an Autismus erkrankten, die Diagnose korrekt voraus. Noch besser schnitt die Software bei den anderen 48 Kindern ab: Sie stufte die Babys im Autismus-Test per Hirn-Scan als unauffällig ein und tatsächlich erkrankten sie in den nächsten Jahren auch nicht.

Frühzeitiger Autismus-Test für bessere Behandlung

Die funktionelle Magnetresonanztomographie sei eventuell eine neue Möglichkeit für einen frühzeitigen Autismus-Test, hoffen die Forscher. Dann ließen sich vielleicht auch Therapien finden, die dem Ausbruch von Autismus vorbeugen oder zumindest die Symptome abschwächen. Erst dann sei ein Autismus-Screening in frühen Lebensmonaten sinnvoll. Ärzte haben bislang keine Möglichkeit, Autismus frühzeitig zu diagnostizieren, zum Beispiel über einen Bluttest. Heute stellen sie die Diagnose nicht vor dem 18. Lebensmonat.

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Autismus-Ursachen sind noch nicht genau bekannt

Warum ein Kind an Autismus erkrankt, ist noch nicht restlos aufgeklärt. Forscher vermuten, dass mehrere Faktoren zusammentreffen müssen, damit ein Kind Autismus entwickelt – „die eine“ Autismus-Ursache gibt es nicht. Bekannt ist, dass die Gene beteiligt sind und der Autismus angeboren ist. Kinder erwerben die Autismus-Spektrum-Störung somit nicht im Lauf ihres Lebens. Vermutlich beeinflussen biologische Faktoren die Entwicklung des Nervensystems schon sehr früh, wahrscheinlich schon vor der Geburt. Kinder mit Autismus haben hirnorganische Störungen, die ihnen Defizite in der Sprache, dem sozialen Austausch und dem Verhalten bescheren.
Ärzte fassen heute die drei Autismus-Typen Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom und Atypischer Autismus unter Autismus-Spektrum-Störungen zusammen. Der Grund ist, dass die Krankheitsbilder zwar Unterschiede, aber auch viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Forscher gehen davon aus, dass mindestens eines von 160 Kindern an einer Autismus-Spektrum-Störung leidet. Jungen sind etwa zwei- bis dreimal häufiger als Mädchen von Autismus betroffen.

Autismus-Bücher

Ingrid Müller

von

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