Ohrensausen adé!

Tinnitus-App „Tinnitracks“: Musik gegen Ohrgeräusche

Tinnitus loswerden mit Musik? Das verspricht die Tinnitus-App „Tinnitracks“. Sie wählen Ihre Lieblingsmusik aus der Playliste des Smartphones aus und rücken dem Ohrensausen musikalisch zu Leibe.

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Tinnitus App Tinnitracks

Die App Tinnitustracks arbeitet mit Frequenzen Ihrer Lieblingsmusik.

Ein Tinnitus geht den Betroffenen meist gehörig auf die Nerven. Das ständige Summen, Brummen, Rauschen oder Brausen im Ohr stört den Alltag und Beruf erheblich. Die Geräusche im Ohr rauben die Konzentration, Leistungsfähigkeit, das Denkvermögen und die Lebensfreude. Tinnitus ist kein Einzelfall: Jeder vierte Bundesbürger hatte schon einmal im Leben Ohrensausen. In vielen Fällen lässt sich keine Ursache dafür finden, manchmal steckt ein Hörsturz oder Knalltrauma dahinter. Ein akuter Tinnitus klingt innerhalb kurzer Zeit meist von selbst wieder ab. Etwa 250.000 Tinnitus-Patienten haben weniger Glück: Bei ihnen bleiben die Ohrgeräusche länger als drei Monate nervige Alltagsbegleiter – ein chronischer Tinnitus entsteht. Wie den lästigen Tinnitus wieder loswerden? Das fragen sich die meisten. Mit einem akustischen Gegenprogramm: Musik! Das verspricht die Tinnitus-App „Tinnitracks“. Doch wie funktioniert sie genau?

Tinnitus-App prüft Ihre Musik auf Tauglichkeit gegen Ohrensausen

Als Erstes geben Sie in die App Ihre Tinnitus-Frequenz ein, denn diese ist nicht bei jedem Tinnitus-Patienten gleich. Die einen hören einen hohen Pfeifton, die anderen ein tiefes Brummen. Die Tinnitus-Frequenz ermittelt Ihr HNO-Arzt oder Hörgeräteakustiker. Danach durchforstet die Tinnitus-App ihre Lieblingsmusik auf dem Smartphone, analysiert und filtert sie und bereitet sie für die Tinnitus-Therapie auf. Nicht jeder Musiktitel eignet sich nämlich für Ihr individuelles Ohrgeräusch. Bei weniger passender Musik erhalten Sie einen Hinweis (rote Ampel), dass die Frequenzen im Song weniger gut oder gar nicht für Ihren Tinnitus geeignet sind. Eine grüne Ampel besagt, dass der Musiktitel zu Ihrer Tinnitus-Frequenz passt.
Wenn Sie eine sehr hohe Tinnitus-Frequenz haben, besitzen viele Musikstücke oft ein geringeres Therapiepotenzial, weil Musik in diesen Frequenzregionen meist energieärmer ist. Dies gilt vor allem für Jazz oder klassische Musik. Rock- und Popmusik leistet dagegen oft bessere Therapiedienste bei hohen Tinnitus-Frequenzen. Anhand dieser Kriterien stellen Sie sich selbst eine Playlist mit Ihren Lieblingsmusikstücken zusammen. Jetzt stülpen Sie sich einen Kopfhörer über die Ohren und lauschen der Musik entspannt zuhause auf dem Sofa oder unterwegs im Park. Wichtig ist, dass Sie mindestens 90 Minuten pro Tag für etwa zwölf Monate die ausgewählten Musikstücke hören, damit die Tinnitus-Behandlung Wirkung zeigt.

Tinnitus-App: Verfremdete Musik ohne nervende Tinnitus-Frequenz

Die Tinnitus-App setzt im Gehirn an und macht sich die Fähigkeit des Denkorgans zunutze, sich zu verändern. Ein subjektiver Tinnitus entsteht, weil bestimmte Nervenzellen im Hörzentrum des Gehirns überaktiv sind. Je betriebsamer diese Neuronen sind, desto lauter empfinden Menschen ihren Tinnitus. Die Tinnitus-App filtert Ihre Lieblingsmusik so, dass sie im Bereich Ihrer individuellen Tinnitus-Frequenz keine Signale mehr beinhaltet. So entsteht eine hörbare Kerbe (engl. notch) im musikalischen Klangspektrum. Die Tinnitus-Therapie, die mit verfremdeten Klängen arbeitet, heißt auch „tailor-made notched music training“ oder abgekürzt TMNMT. Die Frequenzen, die Ihnen auf die Nerven gehen, fehlen also in Zukunft im geliebten Song der Rolling Stones, Udo Lindenbergs oder Adeles. In der Folge beruhigen sich die überaktiven Nervenzellen und feuern nicht permanent. Die menschliche Wahrnehmung gewöhnt sich an den ungewohnten, leicht veränderten Klang und die Intensität des Tinnitus nimmt ab.

Galerie: Was Krankenkassen bezahlen und was nicht

Tinnitus-App „Tinnitracks“ gibt es auf Rezept

Studien ergaben laut Hersteller, dass der Tinnitus schon nach kurzer Anwendung der Tinnitus-Behandlung weniger laut ist. Je länger Sie die Musiktherapie anwenden, desto nachhaltiger ist offenbar der Erfolg. Auf die Belastung durch den Tinnitus habe die Behandlung aber kaum Einfluss, schreibt die Deutsche Tinnitus Liga e.V. unter Berufung auf eine aktuelle Studie der Universität Münster (2016).
Die Tinnitus-Therapie gibt es bei einigen gesetzlichen Krankenkassen (vollständige Liste) auf Rezept. Bei einem Tinnitus, den ein HNO-Arzt diagnostiziert hat, übernehmen diese Kassen die Kosten für eine Jahreslizenz. Fragen Sie bei Ihrer Versicherung am besten nach, bevor Sie die App herunterladen. Tinnitracks kostet 19 Euro pro Monat für beliebig viele Musiktitel aus Ihrer Sammlung und ist in den jeweiligen Stores für IOS und Android erhältlich. Einen Kopfhörer bezahlen die Krankenkassen übrigens nicht. Tinnitracks Lite ist eine kostenfreie Testversion der App, bei der Sie fünf eigene Musikstücke auswählen und diese auf Dauer kostenfrei hören. Ein Austausch der Songs ist aber nicht möglich. Auch andere Tinnitus-Apps arbeiten mit der verfremdeten Musik, zum Beispiel „Tinnease“ und „My noise“. Allerdings bezahlen die Krankenkassen diese Tinnitus-Apps meist (noch) nicht.

Tinnitus-Bücher

Ingrid Müller

von

Journalismus, Medizin und Gesundheit sind echte Faibles. Es geht immer darum, medizinisches Kauderwelsch für Patienten und medizinische Laien verständlich, aber auch spannend zu machen.