Ein Selbstversuch

Ommmmm to go: Meditieren per App

Wer meditieren nicht von der Pike auf gelernt hat, kann sich meist nicht regelmäßig wiederkehrend darauf einlassen. eVivam-Autorin Wibke Roth meint, wir sind einfach schlecht im Stillsein – und hat zwei Meditations-Apps getestet.

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Wie bekommst du Stille in deinen Kopf?

Heißt Meditieren, sich einfach hinzusetzen und die Augen zu schließen? Oder gibt es auch ommmm to go?

Lenken wir uns extra mit E-Mails, WhatsApp- und Facebook-Nachrichten von unserer geistigen Stille ab, weil wir vor nix Angst haben? Ich weiß es nicht. Vergangene Woche habe ich mir zum ersten Mal Meditation per App verabreicht. Die Dosis: Zweimal täglich habe ich mir insgesamt 20 Minuten digitale Mindful-Medizin gegönnt. Die Konzepte stammen von verschiedenen Anbietern:
1) Sportwissenschaftler, buddhistischer Mönch und Gründer von Headspace Andy Puddicombe ist mit der gleichnamigen App, Events und Büchern nach Unternehmensgründung 2010 mittlerweile in über 190 Ländern unterwegs (Unternehmensangaben).
2) Zwei Studenten der anthroposophischen Universität Witten/Herdecke und der Zen-Lehrer und Führungskräfte-Berater Paul J. Kohtes haben 2014 das Start-up 7Mind ins Leben gerufen.

Kinder können das – wir brauchen das

Meditation ist weder Fremdwort noch -tat für mich; im Prinzip konnte ich beides im Vergleich zu heute als Kind am besten: Da habe ich mich aufs Sofa gelegt und mich im Beobachten der Bäume verloren – Tag geträumt, an nichts gedacht, meinem Geist Erholung gegönnt; und zwar ohne zu wissen, dass ich das tat. Für meinen kleinen eVivam-Praxis-Text habe ich mich entschieden, neben meinen zurzeit leider etwas eingeschlafenen anderen Meditationen ein App-gesteuertes Meditationstraining direkt nach dem Aufstehen zu absolvieren.
Geht auch so: Meditieren im Büro.

Geht auch so: Meditieren im Büro.

Es kann losgehen: Tag 1

Headspace
Klar: Headspace läuft auf Englisch. Ich entscheide mich für das Take-Ten-Programm: Statt zehn Tagen gönne ich mir wie mit der Redaktion ausgemacht drei Tage lang je 10 Minuten. Ich komme recht schnell rein ins Englische. Sehr angenehme Männerstimme. Atmen steht im Fokus: Ich soll fühlen, an welchen Körperstellen der Atem sich befindet und meine Atemzüge zählen: Einatmen 1, Ausatmen 2, Einatmen 3 … bis 10. Dann von vorn. Gedanken dürfen kommen und gehen.
Fazit: Tut gut.
7Mind
Ein allgemeines Intro über Meditation kann ich überspringen. Setzen soll ich mich erst mal, wie ich will. Weitere Informationen übers richtige Sitzen sollen folgen. Die weiche warme Männerstimme sagt mir, dass ich in meinem Bauchraum wahrnehmen soll, was sich wahrnehmen lässt. Ich lerne, dass ich mich beim Einatmen noch mehr auf den Bereich unter meinem Bauchnabel konzentrieren soll; dann Brustraum, dann oberer Rücken, dann Schultern und Nacken. Dauert sieben Minuten.
Fazit: Fühle mich irgendwie aufgeräumt danach.

Nicht in Form: Tag 2

Headspace
Die Stimme bringt mich dazu, mich nach ein paar tiefen Atemzüge auf meinen Atem, meinen Körper und meine Verbindung mit dem Stuhl zu konzentrieren. Ich soll mir ein Bild vorstellen, wie sich mein Körper anfühlt. Immer wenn mich meine Gedanken wegtragen wollen, raunt die Stimme, solle ich mich wieder auf den Atem konzentrieren. Heute gibt es mehr Stille zwischen den Sprechsequenzen.
7Mind
Ich soll heute in meiner inneren Mitte ruhen. Die Stimme sagt mir, dass ich mich dabei beobachten solle, wie mein Atem fließt; bis wohin er fließt: nur in den Oberbauch oder auch in den Unterbauch? Hier unten liege östlichen Sichtweisen zufolge das Kraftzentrum: körperlich wie energetisch. Mein Atem solle dort beginnen, enden und frei fließen. Irritiert frage ich mich an einer Stelle, warum der Sprecher meint, dass das Zwerchfell auf der Höhe meines Unterbauchs liegt. Oder habe ich mich verhört? Mir gelingt es aber, den Gedanken wieder abzuschütteln und mich auf meinen Atem zu konzentrieren.
Fazit: Am zweiten Tag ist es mir deutlich schwerer gefallen, mich auf beide Meditationen einzulassen. Gleichermaßen habe ich die stilleren Abschnitte bei Headspace gut ertragen. Insgesamt konnte ich mich schlechter konzentrieren. Andere Tagesform.

Galerie: Meditations-Apps im Praxis-Check

Die Dosis vergessen oder wie Tag 3 zu Tag 4 wurde

An Tag 3 habe ich meine Mindful-Dosis vergessen und sie mir dafür an Tag 4 genommen. Da am Morgen des vierten Tages viel los war, habe ich mein Digi-Date auf die Mittagszeit gelegt: an meinen Schreibtisch.
7Mind
Heute geht es ums achtsame Atmen. Dieses Mal lasse ich die Augen auf. Ich freue mich auf die Still-Zeit und sehe es als Luxus, dass sich die App um mich kümmert. Einatmend soll ich wahrnehmen, wie sich der Unterbauch hebt und ausatmend senkt. Meine Gedanken klingen ab. Obwohl ich um das Prinzip weiß, dass sich die Gedanken quasi wegatmen lassen und sich so der Geist klärt, ist es wieder eine tolle Erfahrung, das zu spüren. Ich soll „Einatmen“ beim Einatmen denken und „Ausatmen“ beim Ausatmen; später nur noch „Ein“ und „Aus“.
Fazit: Hat gut getan. Ist leicht gefallen.
Headspace
Vor der Meditation gab es in der App eine Animation: Im Prinzip geht es darum, dem Geist zu erlauben, dass er sich auf Dinge konzentriert, die er sich aussucht – statt Teil des chaotischen Verkehrs aus Emotionen, Themen oder Außenreizen zu sein, geht es darum, einen Blick von außen darauf zu bekommen. Mit diesem Bild vor Augen, die ich dieses Mal wieder schließe, weil ich mich dann besser auf meinen Atem konzentrieren kann, nutze ich wieder die Bis-zehn-Zähl-Methode.
Fazit: Mein Geist genießt den Raum jedenfalls. Ich fühle mich konzentrierter und klarer.
Gesamtfazit
  • Beide lassen sich leicht anwenden.
  • Beide haben Erinnerungsfunktionen.
  • Beide haben kostenfreie Einsteigerprogramme.
  • Als nicht English-Native-Speaker solltest du dir überlegen, ob du dich besser auf Deutsch einlassen kannst.
  • Das Take-Ten-Programm von Headspace ist kostenfrei. Entscheidest du dich für das Gesamtpaket, gibt es verschiedene Preis-Modelle, die nach Jahren gestaffelt sind. Das Jahrespaket kostet dich 71,88 Euro im Jahr (5,99 Euro monatlich).
  • Willst du bei 7Mind mehr als das Einsteigerprogramm, hast du die Wahl zwischen einer jährlichen Abrechnung (47,99 Euro, was umgerechnet rund 4 Euro sind) oder einer monatlichen Rate von 8,99 Euro.
  • Mir hat 7Mind insgesamt mehr zugesagt: Die Zusatzinformationen waren einfach besser aufbereitet. Dass sie zudem günstiger ist, macht mir eine potenzielle Wahl leichter.
So eine App ist ganz praktisch, wenn du eh mit einem Smartphone oder Tablet ausgestattet bist. Du brauchst nichts sonst. Du kannst das aber natürlich auch in Yoga-Schulen oder bei Experten lernen, ohne smarte Technik. Es gibt zig verschiedene Methoden, mit denen du üben kannst, Platz und Stille für deinen Geist zu gewinnen, um so beispielsweise konzentrierter zu werden. Insgesamt gilt für das Meditieren: Die Regelmäßigkeit ist für den Erfolg entscheidend.
Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.

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