Therapeut in der Hosentasche

Magersucht-App: Behandlung dank Smartphone

Magersüchtige hungern sich fast alle Pfunde vom Leib. Die Smartphone-App „Jourvie Research“ hilft ihnen, Ihr Essverhalten und Ihre Gefühle aufzuschreiben und gibt Tipps in Krisen.

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Mädchen mit Salatblat auf der Gabel

Magersüchtigen ist oft ein einzelnes Salatblatt zu viel: Eine App hilft!

Dünn, dünner, am dünnsten! Menschen mit Magersucht nehmen oft nur noch Salatblätter zu sich und treiben exzessiv Sport, um immer weiter abzunehmen. Sie finden sich selbst dann noch zu dick, wenn die Hüftknochen hervorstechen und sich das Skelett unter der Haut abzeichnet. Ihr Abnehmwunsch ist zwanghaft und sie können ihn meist nicht steuern. Magersucht ist gefährlich und endet sogar manchmal tödlich. Das gemeinnützige Unternehmen "Jourvie" entwickelte nur eine gleichnamige Magersucht-App fürs Smartphone. Jugendlichen mit Anorexia nervosa hilft sie, ihr Essverhalten und ihre Gefühle zu dokumentieren sowie neue Strategien im Umgang mit der Essstörung zu finden. Auch unterstützt der digitale Therapeut für die Hosentasche Magersüchtige mit verschiedenen Tipps, wenn sie in psychische Krisen geraten. Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz testen nun, ob sich die Magersucht mit Hilfe der App besser in den Griff kriegen lässt.

Galerie: Arten von Essstörungen

Magersucht: Sag`s dem Smartphone!

Mit Hilfe der Smartphone-App „Jourvie Research“ notieren Magersüchtige digital und unbemerkt von anderen, welche Lebensmittel sie wann und mit welchem Gefühl gegessen haben. Das Handy haben die meisten ohnehin immer dabei und niemand kann sehen, ob sie gerade auf Facebook Nachrichten oder in die App ihren emotionalen Zustand tippen. Diese Essprotokolle helfen den Jugendlichen, bestimmte Denkmuster und wiederkehrende Verhaltensweisen im Zusammenhang mit dem Essen aufzudecken.
Die App besitzt außerdem eine Funktion, die Jugendliche in Krisenfällen unterstützt. Geraten die Magersüchtigen in eine Situation, in der sie höchstwahrscheinlich mit gestörtem Essverhalten reagieren würden, schlägt ihnen die App Alternativen vor: Musik hören, lesen oder sich an etwas Schönes erinnern. Ziel der App-Therapie ist es, dass Patienten mit Anorexie an Gewicht zulegen oder es zumindest halten. Es gilt zu verhindern, dass die Magersucht eine lebensbedrohliche Entwicklung nimmt. Eine Seltenheit ist das nämlich nicht.

Magersucht-App – kein langes Warten auf den Therapieplatz

Ob die Magersucht-App tatsächlich das Gewicht stabilisiert, erforschen Wissenschaftler derzeit in der sogenannten SELTIAN-Studie. Beteiligt sind die Universitätsmedizin Mainz, die Charité-Universitätsmedizin Berlin und die Kinder- und Jugendpsychiatrie Neuwied. Ein Vorteil der Smartphone-Behandlung ist, dass Kinder und Jugendliche mit Magersucht nicht monatelang auf einen Therapieplatz warten, sondern sofort professionelle Hilfe bekommen. Bis zu drei Monate Geduld brauchen Patienten mit dieser Essstörung normalerweise, um einen ambulanten Therapieplatz zu ergattern. Aber nicht nur die Technik unterstützt sie, sondern Kinder- und Jugendpsychiater führen alle zwei Wochen Einzelgespräche mit ihnen und diskutieren die Essprotokolle. Dann entwickeln sie gemeinsam Strategien, wie sich das Gewicht halten und besonders schwierige Situationen besser bewältigen lassen.
Daneben spielen die Erfolge und Misserfolge bei der Umsetzung der Ziele eine wichtige Rolle, denn in einer Krise vergessen viele die besprochenen Lösungsansätze schnell. Die App erinnert die Magersüchtigen an ihre persönlichen Strategien. Eine Maßnahme, von der sich die Ärzte eine effektivere Therapie erhoffen. Ab einem kritischen Untergewicht müssen Magersüchtige sich stationär in einer spezialisierten Klinik behandeln lassen, weil Lebensgefahr besteht. Die Forscher haben die Hoffnung, dass der digitale Helfer in Zukunft die Anzahl der Klinikaufenthalte verringert.

Galerie: Abnehmen zwischen Lüge und Wahrheit

Essstörungen: so gefährlich ist Magersucht

Magersüchtige tun alles, um abzunehmen: Erst streichen sie kalorienreiche Lebensmittel vom Speiseplan, dann essen sie immer weniger (Kalorienarmes) und schließlich lassen sie ganze Mahlzeiten ausfallen. Auch treiben sie exzessiv Sport, um Kalorien zu verbrennen und Pfunde zu verlieren. Meist tun sie sogar beides: wenig essen und sich viel bewegen.
Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter Essstörungen. Dazu gehören die Magersucht (Anorexia nervosa), Ess-Brech-Sucht (Bulimie), Binge-Eating-Disorder, die mit heftigen Essattacken einhergeht, sowie die Fettsucht (Adipositas). Allein in Deutschland leiden rund 2,3 Millionen Menschen unter Anzeichen einer Essstörung, schätzt das Robert Koch-Institut. Bei einem Fünftel der Kinder und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren finden sich Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten - Mädchen sind fast doppelt so oft betroffen wie Jungen. Unter Magersucht leiden vor allem Mädchen in der Pubertät, aber die Jungen holen auf. Denn auch für sie ist Schlanksein heute erstrebenswert und gilt als Schönheitsideal. Magersucht betrifft auch Erwachsene: Schätzungsweise 1,1 Prozent der Frauen und 0,3 Prozent der Männer sind magersüchtig.
Die Anorexia nervosa zählt wie alle Essstörungen zu den psychischen Erkrankungen, die oft schwierig zu behandeln sind. So verursacht die Magersucht schwere körperliche Schäden aufgrund der Mangelernährung, aber auch die Psyche leidet mit. Die Anorexia hat oft eine schlechte Prognose - nicht selten endet sie sogar tödlich. Deswegen ist eine frühzeitige und ausreichende Behandlung so wichtig!

Magersucht-Bücher

Ingrid Müller

von

Journalismus, Medizin und Gesundheit sind echte Faibles. Es geht immer darum, medizinisches Kauderwelsch für Patienten und medizinische Laien verständlich, aber auch spannend zu machen.