Gute Idee, die Umsetzung ist fragwürdig

Care4Today: Erinnerung für Medikamenteneinnahme

Wenn Ärzte nach der Therapietreue ihrer Patienten gefragt werden, erntet man nicht selten Stirnrunzeln. Gerade wenn es um die Frage der regelmäßigen Medikamenteneinnahme geht. Die kostenlose Smartphone-App Care4Today möchte die Therapietreue verbessern.

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Care4Today App mit Erinnerungs- und Alarmfunktion

Care4Today Smartphone-App mit Erinnerungs- und Alarmfunktion.

Die Smartphone-App Care4Toay ist recht simpel aufgebaut, um die Therapietreue hinsichtlich der Medikamenteneinnahme zu steigern. Sie fokussiert sich vor allen Dingen auf den Faktor menschliche Vergesslichkeit. Die Maschine vergisst hingegen nichts.

Funktionsweise

Nach der Installation (iOS 40 MB und Android 23 MB) verlangt die App eine Zwangsregistrierung vom User. Warum und wozu er sich registrieren soll, wird nicht begründet. Wo die Daten landen, wird auch nicht hinreichend erklärt.
Erst dann kann in der App die gesamte Medikamentation punktgenau eingegeben werden: Dosis, Häufigkeit, Intervall und Uhrzeiten. Die Datenbank von über 60.000 Medikamenten stellt eine befriedigende Auswahl zur Verfügung, manuelle Eingaben sind natürlich auch machbar. In der Praxis gestaltet sich die manuelle Suche zwar befriedigend, aber ein Barcode-Scanner fehlt und die Angabe einer PNZ-Nummer ist leider nicht möglich.
Sobald die Eingabe erledigt ist, wird der User am Smartphone wie bei einem Kalendereintrag auch an die Einnahme des Medikaments erinnert. Ein simpler Klick auf das Medikament zur passenden Uhrzeit reicht und schon wird es abgehakt. Wer eine Tablette mehrfach täglich einnehmen muss, dem werden mehrere Check-Boxen angeboten.
Care4 Today Funktionen

Die einzelnen Funktionen der App.

Ein witziges Randdetail soll nicht unerwähnt bleiben: Wer ein intimeres Verhältnis zu seiner Pille entwickelt, kann ihr einen Spitznahmen vergeben. So erscheint dann in der Erinnerungsmeldung „Bluti einnehmen“ anstelle einer schnöden Benachrichtigung.
In einer 30-Tages-Ansicht werden die Einnahmen übersichtlich dargestellt. So kann dem Arzt gegenüber die tolle Therapietreue – der sogar als Wert dargestellt wird – vorgegaukelt werden. Ok, drücken wir es freundlicher aus: Ist der User zu sich selbst ehrlich, kann er seinem Arzt stolz die grünen Farbpunktreihen präsentieren.
Care4Today Planer

Die Planübersicht in einer 30-Tage-Ansicht.

Familienmitglieder mit einbinden

Stichwort Benachrichtigung: Familienmitglieder können mit eingebunden werden, sodass z.B. die Tochter eine Warnmeldung erhält, wenn die Mutter eine Tablette nicht zeitig eingenommen bzw. die Einnahme in der App nicht abgehakt hat. Diese Funktion ist leider etwas unglücklich umgesetzt. Zunächst einmal gibt der User seinen Vornamen und Handynummer ein. Es wird aber nicht wirklich gut erklärt, wozu das notwendig ist. Im Folgeschritt muss er eine Mailadresse und einen kurzen, eigenen Benachrichtigungstext eingeben. Der Empfänger bekommt dann folgende Mail, ohne Links wohlgemerkt:
„Hallo, ich habe mich bei Care4Today angemeldet, ein Service, der mich an meine einzunehmenden Medikamente erinnert. Ich bitte Dich, mir zusätzlich dabei zu helfen, indem Du Dich auch dort anmeldest. Im Bereich Care4Family kannst Du dann sehen, ob ich meine Medikamente eingenommen habe und kannst dabei aus verschiedenen Einstellungen wählen, zu denen Du Dich benachrichtigen lassen willst. Nach Deiner Anmeldung kannst Du meine Einladung annehmen. Die Informationen, die du über mich einsehen kannst, darfst du aber nicht weitergeben und musst sie geheim halten. Neben der Internetversion gibt es diesen Service auch als gleichnamige App. Bitte antworte dem Absender ...@care4today.com dieser Mail nicht. Danke für Deine Unterstützung. Hier geht es zur Anmeldung:Care4Today“
Der US-Pharmariese Johnson & Johnson – der letztlich verantwortlich für die App ist –, hat hier zu sehr geschludert und sollte die Handhabung, aber auch die Informationstexte auf modernere Standards anheben. Die Smartphone-App an sich geht absolut in Ordnung, die Umsetzung beim Initiieren der Familienfunktion ist schlampig.

Kritisches Fazit

Obgleich die App einen guten und absolut praktischen Nutzen bietet, sollte das Schleifen der Kanten und Ecken nicht allzu lange auf sich warten lassen.
Zumal sich eine Frage per se stellt: Will man einem Pharmakonzern seine gesamte Medikamentation überlassen? Die USA haben weitaus lockerere Datenschutzbestimmungen denn die Unternehmen mit Sitz in Deutschland. In den Datenschutzerklärungen wird eigens betont, dass man nicht nur Johnson & Johnson als Konzernmutter die Daten weitergeben darf, es ist sogar die Sprache von Geschäftspartnern, „mit denen wir Werbung mit gemeinsamen Marken und gemeinsamer Vermarktung anbieten“.
Hier haben wohl Systemplaner aus Vereinfachungsgründen bestehende Datenschutzerklärungen auch über die App salopp darübergelegt. Was in Zeiten der starken, mobilen Nutzung eigentlich so nicht mehr zeitgemäß ist.
Es fällt ein weiteres Stück schlampiges Vorgehen auf: Die Datenschutzerklärung spricht generell und weitläufig von Webseiten-Services. Die eigentliche App selbst wird nicht namentlich erwähnt!
Was ebenso verwirrend ist: In den Erklärungen wird als Vertragspartner von der „Janssen-Cilag GmbH“ gesprochen, einer deutschen Tochter des US-Konzerns. Als Anbieter der Android-App wiederum wird die „Janssen Healthcare Innovation“ (San Diego, USA) genannt und bei der iOS-Version „Janssen Biotech, Inc“. Die Anbieternamen der Apps wechseln wie Fußballspieler die Reservebank.
Das muss nicht heißen, dass die Daten fleißig weitergegeben werden, aber sie könnten es. Das alles ist wenig vertrauenerweckend, speziell beim Thema Gesundheit.
Wie gesagt, die App ist nützlich (iTunes Store, Google Play Store), an einigen Stellen könnte sie verbessert werden. Beim Thema Datenschutz, Transparenz über die Weitergabe der Daten und einer kohärenten Auflistung der zuständigen Rechtspartner besteht dringender Ausbesserungsbedarf! Bei anderen Smartphone-Apps, die weniger als kritisch zu betrachten sind, darf man etwas laxer sein, aber hier geht das so nicht.
Robert Basic

von

Seine Passion sind Menschen, sein Antrieb ist die Neugier.

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