Mike Kleiß – das neue Laufen

Von der Querschnittslähmung zum Halbmarathon

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ – Unser Laufexperte Mike Kleiß ist auch dieses Jahr wieder Experte beim Wings For Life Worldrun am 8. Mai. Und er erinnert sich an eine besondere Begegnung im letzten Jahr.

Datum:
Mike Kleiß Michi Kurz

Für Mike Kleiß ist der „Wings for Life World Run“ eine Erfahrung, die jeder Läufer einmal machen sollte.

Der „Wings for Life World Run“ ist nun fast ein Jahr her. Und ich bereite mich gerade wieder auf dieses tolle Event als Experte in der TV-Sendung vor. Beinahe 75.000 Läuferinnen und Läufer erliefen 2015 4,2 Millionen Euro unter dem Motto: „Wir laufen für die, die nicht laufen können.“ Und noch immer sehe ich den Startschuss in St. Pölten vor mir. Und noch immer bekomme ich eine dicke Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Laufen für die, die nicht laufen können

Ich durfte auch letztes Jahr in der siebenstündigen Live-TV-Sendung mitwirken, an einer der wohl wunderbarsten Ideen des Laufsports. Egal, wie man zu Red Bull steht, und man kann sicher einiges kritisch sehen, Wings for Life ist nicht nur ein spannendes TV-Format. Wings for Life zeigt, dass Läufer füreinander da sind, sich einsetzen, sich kümmern, Herz zeigen. Wings for Life hat in seiner erst zweiten Auflage die Teilnehmerzahl beinahe verdoppelt. Und mit diesem World Run entsteht gerade eine Laufveranstaltung der Superlative. Es entsteht etwas Großes, und das ist zunächst einmal gut so. Denn die Erlöse fließen zu 100 Prozent in die Rückenmarksforschung.

Heute sind alle gleich

Für mich groß sind meist die kleinen und sensiblen Momente, das kennt ihr bereits von mir. Während die Kameras bei den Läuferinnen und Läufern waren und unsere Expertenrunde gerade Pause hatte, hörte ich Lauf-Ikone Herbert Steffny zu. Ich hatte ihn auf meinem In-Ear-Kopfhörer. Er war Co-Kommentator letztes Jahr. Und er verpasste mir mit einem einzigen Satz die zweite Gänsehaut an diesem Tag, als er sagte: „Am Ende ist es egal, ob Top-Athlet, Vollprofi oder Freizeitläufer – sie alle sind heute gleich. Sie alle verlieren gegen das Catcher Car. Sie verlieren für einen guten Zweck. Das verbindet sie. Und das ist gut so.“ Das Catcher Car fährt hinter den Läufern her und wird dabei immer schneller. Holt das Catcher Car die Läufer ein, müssen sie stoppen. So ist die Regel. Herbert brachte es mit diesem Satz so wunderbar auf den Punkt. Und man hörte, wie er selbst ergriffen war. Ausgerechnet Herbert Steffny. Der persönlich alles erreicht hat, der es geschafft hat, selbst Joschka Fischer in Bewegung und zum Marathon zu bringen, ist ergriffen, ist angezündet.

Das Wunder von Michi Kurz

Und dann begegnete ich Michael Kurz. Er war Gast in unserer Expertenrunde. Ein sehr hagerer Mann, Anfang 40. Michi Kurz strahlt vor der Kamera so etwas wie Ruhe und Frieden aus. Er hat seinen Frieden gefunden, sagte er mir später. Und es war für ihn ein langer Weg, seinen inneren Frieden zu finden. Der Osttiroler ist kein Mann der leichten Wege, geht körperlichen Anstrengungen nie aus dem Weg. Michael Kurz war Skitourenläufer, Radfahrer und Spitzensportler, als er bei einem Skitourenrennen in Pierra Menta in Frankreich im März 1999 bei einer der letzten Abfahrten in einer Schneewechte so abrupt auf Null gebremst wird, dass er sich einen Kompressionsbruch der Halswirbel zuzieht. Nach der Erstversorgung in Albertville und der OP in Grenoble machen ihm die Ärzte Hoffnung, erst in Innsbruck die niederschmetternde Diagnose:
Rollstuhl! Lähmung halsabwärts. Doch Michael Kurz gibt sich selbst nicht auf, glaubt an die Rückkehr in ein normales Leben und nimmt seine Reha selbst in die Hand. Und es geschieht ein kleines Wunder. Michi konzentriert sich noch im Krankenhaus auf seinen Mittelfinger, und tatsächlich ... nach etwas Geduld und Willen bewegt sich der Mittelfinger ein kleines bisschen. Das ist für Kurz der Start in ein zweites Leben. Mehr und mehr kann er sich wieder bewegen. Nur zwei Jahre nach seinem Sturz schafft Michi Kurz das schier Unfassbare. Um seine Psyche zu stärken und wirklich seinen inneren Frieden zu finden, will er die Abfahrt, die er durch seinen schweren Sturz natürlich nicht beenden konnte, zu Ende fahren. Und – er schafft es. Und es gelingt ihm noch viel mehr. Bei Paralympics-Veranstaltungen weltweit hagelt es Preise wie Schneeflocken. On top absolviert er 2009 als Radfahrer den Jakobsweg.
Ich traf Michi am Abend nach der Sendung an der Hotelbar. Er war an diesem Tag beim Wings for Life World Run beinahe einen Halbmarathon gelaufen. In ca. 1 Stunde und 40 Minuten. Das ist nur unwesentlich langsamer, als ich die 21 Kilometer laufe. Als er mir von seiner Zeit erzählte, hatte ich Gänsehaut Nummer drei für diesen Tag. Und ich fragte mich: Wie geht das alles? Wie schafft ein einst Querschnittsgelähmter diesen Wandel? Woher nimmt er die Kraft? Was ist sein Motor? Ich stellte ihm all diese Fragen auf einmal. Michi Kurz wurde sehr leise. Ich musste sehr nahe an ihn herantreten und ich merkte, wie schwer es ihm fiel, darüber zu sprechen. Und wie froh er doch war, es loswerden zu können: „Weißt du, Mike, ich hatte kurz vor dem Unfall gerade geheiratet, ich habe zwei Kinder. Im Moment des Sturzes dachte ich, ich müsse sterben. Mir war ganz klar, dass ich nun sterben müsse. Aber ich wurde zurückgeschickt. Irgendwas schickte mich zurück. Meine Zeit war noch nicht gekommen. Und sofort war da ein Wille. Und eine Angst. Ich wollte auf gar keinen Fall in einem Rollstuhl mein Restleben verbringen. Auf keinen Fall. Das wollte ich meiner Frau und den Kindern nicht antun.“
Michi Kurz ist an diesem Tag als Behinderter, als Mann mit inkompletter Querschnittslähmung für alle gelaufen, die nicht laufen können. Er hat gezeigt, dass es möglich ist – sofern man den Willen dazu hat –, das Unmögliche möglich zu machen. Schaut man Michi Kurz in die Augen, sieht man, was ihn in den letzten Jahren geprägt hat. Ein Mix aus Tränen, harter Arbeit, Hoffnung, Trauer, Freude und das Gefühl, als Sieger ins Ziel zu kommen. Er trägt seine Emotionen auf der Zunge. Auch wenn es ihm schwerfällt zuzugeben, dass er nie ohne Behinderung sein wird. „Es gibt Dinge, die kann ich nicht einmal meiner Frau erklären. Zum Beispiel, warum ich die Abfahrt, die zum Sturz führte, unbedingt zu Ende fahren musste. Oder warum ich heute einen Halbmarathon gelaufen bin. Aber es muss wohl Dinge geben, die muss man einfach tun. Für sich selbst. Und für die, die nicht laufen können. Bei denen es gerade nicht läuft. Aus welchen Gründen auch immer. Und wenn ich auch nur einen heute durch meinen Lauf motivieren konnte, dann war es das wert. Denn mein Leitmotto ist und bleibt: Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Ich hoffe, ich werde Michi dieses Jahr wiedersehen. Und wenn ihr viele solcher Geschichten erleben und durch euren Lauf etwas Gutes tun wollt, dann meldet euch an. Und lauft einfach mit.
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

Kommentare

Die Technik der Kommentarfunktion „DISQUS“ wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.