Mike Kleiss – Das neue Laufen

Warum es völlig egal ist, wie sich Läufer ernähren

Wer oft genug läuft, kann essen, was er will. Wer sich Stress mit der Ernährung macht, wird nie ein guter Läufer. Behauptet unser Laufexperte und Kolumnist Mike Kleiss. Und erklärt auch warum.

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Läufer Ernährung

Solang man genug läuft, kann man essen, was man möchte, meint Mike Kleiss.

Seit einigen Tagen begleite ich Julia auf ihrem Weg. Sie möchte 10 Kilo abnehmen und sie möchte jeden Tag laufen. Julia raucht auch noch und damit will sie aufhören. Nicht nur mit der Fresserei. Julia hat genau die Diät-Vergangenheit, die viele haben. Mit einem Unterschied: Julia hat endlich den Mut, sich auf die Waage zu stellen. Um Klarheit zu bekommen. Sie redet über ihre Kindheit. Und über ihre Reiterhosen. Über den Schmerz, der in ihr steckt. Schon als Julia klein war, gab es ein Thema, das alles beherrschte: ESSEN! Es drehte sich alles nur ums Essen. Eine ganze Familie mit Übergewicht. Eine ganze Familie, die sich von einer Diät in die nächste schleppte. Diese Struktur hat Julia in sich. Das Dicksein ist quasi in ihrer seelischen DNA fest verankert. Kein Wunder, denn Julia ist wie Millionen Deutsche Opfer des Jojo-Effekts. Aber: Julia läuft. Immerhin.

Wenn Läufer scheitern

Sie ist gerade erfolgreich mit Metabolic Balance gescheitert. Eines dieser Marketing-Programme, wie auch Weight Watchers und viele andere, die sich gut auskennen. Mit willigen Opfern. Nicht die Menschen werden durch diese Programme nachhaltig dünn, sondern ihre Geldbörsen. Dick dagegen wird das Konto der Anbieter. Ich kenne niemanden, der nachhaltig schlank durch diese Methoden geworden ist. Die Frage ist in der Tat: Was kann man Menschen wie Julia raten? Bei der die Angst der Gewichtszunahme so groß geworden ist, dass sie grotesker Weise anfing zu rauchen. Weil sie sich dadurch versprach, weniger zu essen. Nach dem Motto: Rauch mehr, iss weniger und lauf! Läuft. Nicht!

Die ganze Welt der Läufer-Ernährung

Die Antwort ist recht einfach zu beschreiben. Und sie mag auch etwas esoterisch klingen: Wir machen uns alle zu viele Gedanken über das Essen!
Gerade unter Läufern nimmt das Expertentum zur perfekten Läufer-Ernährung immer mehr zu. Wie viele Kohlehydrate muss man wann zu sich nehmen, um gut durch den Marathon zu kommen? Welcher Energie-Riegel ist der beste? Sind vegane Läufer die besseren Runner? Kohlehydrate weg, Proteine rein, oder doch ganz anders? Wie viel Alkohol darf als Läufer sein? Milchprodukte ja oder nein? Und wenn ja, wann? Welche sind die besten Nahrungsergänzungsmittel aller Zeiten? Die Liste der Ernährungsthemen unter Läufern nimmt groteske Formen an. Jeder, der regelmäßig läuft, kennt das Bild: ein Läufer, bis an die Zähne bewaffnet mit Energie-Gels und -Riegeln. Und mindestens vier Trinkflaschen am Gürtel. Alles, um einen 10-Kilometer-Lauf gut zu schaffen. Und zwar so, dass man nicht verhungert. Man will gar nicht wissen, wie viele Gedanken sich dieser Läufer vor seinem Training gemacht hat. Wie viel Stress er hatte, um genau die Ration einzupacken, die ihm das nackte Überleben sichert, auf seinem Lauf ins Ungewisse. Wer von uns kennt sie nicht, die legendären Pasta-Partys. Vor jedem Marathon. Und Menschen, die sich gefühlt 1 Kilo Nudeln in 10 Minuten in den Magen knallen. Um die Kohlehydratspeicher zu füllen, für den großen Tag. Und wehe, es sind nicht genug Nudeln für alle da. Dann ist die Olympiateilnahme plötzlich in Gefahr. Der Traum von der neuen Bestzeit droht zu zerplatzen. Stress! Pur!

Wenn Essen zum Stress wird

Wer glaubt, 12 Stunden vor einem Marathon den Kohlehydratspeicher auffüllen zu können, der hat den Startschuss einfach nicht gehört. Im Grunde herrscht große Einigkeit unter den Läufern: Gesund muss es sein! Die Frage ist nur, was ist denn gesund? Wie sieht die gesunde Läufer-Ernährung aus? Schon wieder Stress! Chia-Samen, Quinoa, Granatapfel, Kohlrabi, sehr sexy sind gerade Süßkartoffeln und Amaranth, Kokosöl, Mandeln, dazu die richtigen Gewürze, das beste Dinkelbrot ... Es wird immer irrer.

Nur der weise Läufer isst, was er will

Ich erinnere mich an ein langes Gespräch mit der Lauflegende Herbert Steffny vor fast einem Jahr. Wir saßen vor dem Wiener Stephansdom. Herbert aß einen dicken Apfelstrudel und trank massenhaft Espresso dazu. Wir sprachen über Joschka Fischer. Herbert hatte Fischer dünn gelaufen, er war sein Trainer. Bis zu dem Tag, als 9/11 kam. Die Amerikaner untersagten Fischer zu laufen. Das sei als Außenminister einfach zu gefährlich. Fischer stellte das Laufen nahezu ein. Und das Ergebnis kennen wir alle. Er aß wieder. Erzählte mir Herbert. Viel wichtiger war aber folgendes Statement: „Weißt du, Mike, warum ich überhaupt gelaufen bin? Morgens 20 Kilometer, am Abend nochmal 20? Weil ich essen konnte, was ich wollte. Und ich mir nie Gedanken übers Essen machen musste. Gut, ich wurde schwer satt. Wenn ich abends zum Essen verabredet war, aß ich vorher zu Hause schon mal was. Damit ich nicht als Fresssack abgestempelt wurde. Sonst hätte ich die Karte hoch und wieder runter essen müssen.“
Wer Herbert Steffny nicht kennt, könnte auf den Verdacht kommen, dass er selbst zu viel und zu oft über das Essen nachgedacht hat. Und sich einfach einen freien Kopf erlaufen hat. Um nicht weiter über Kalorien nachdenken zu müssen. Wer Herbert kennt, weiß sein Statement zu deuten: Wer sich ausreichend bewegt, wer regelmäßig und oft läuft, kann im Grunde essen, was er will. Es spielt keine Rolle, ob Apfelstrudel, Pizza, Cola oder Eis. Es wird nicht unbedingt besser mit Dinkel, vegan, Obst und Gemüse. Wichtig ist nur, nicht mehr Kalorien zu sich zu nehmen, als man verbrennt. Und nur keinen Stress! So läuft es!
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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