Mike Kless – Das neue Laufen

Lauftreffs müssen nicht oldschool sein

Schlimme Kindheitserinnerungen können sich doch noch zum Guten wenden, weiß unser Laufkolumnist und Experte Mike Kleiß. Der Lauftreff von damals ist nicht mehr das, was er mal war. Gut so.

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Junge Sportler beim Lauftreff

Leute kennenlernen, gemeinsam laufen und Spaß haben: Lauftreffs „3.0“ klingen toll, findet Mike Kleiss.

Meine Laufleidenschaft ist – ich gebe es zu – zwar erst seit fast 4 Jahren zu einem für mich gesunden Wahnsinn geworden. 20 Jahre hatte ich das Laufen auf Seite gepackt, aber auch davor bin ich gelaufen. Viel. Und, im Gegensatz zu heute, nie alleine. Seit ich mich 2012 wieder auf den Weg gemacht habe, laufe ich alleine, nur mit meinen Hunden Spagna und Dante. Zwei Italienern aus einem Tierheim in den Abruzzen. Nur wir und die Natur. Das war damals ganz anders. Meistens lief ich in einem Lauftreff. Mein Vater hatte mich mal mitgeschleppt. Er war damals ein passionierter Lauftreff-Runner.

Das Trauma Trimm-dich-Pfade und Lauftreff

Dad, ich muss es dir jetzt nach all den Jahren sagen: Danke dafür, dass du mich zum Laufen gebracht hast, aber dieser Lauftreff war die Pest. Alleine das Wort Lauftreff hat bei mir immer einen Art Meniskusdauerschaden ausgelöst. Ähnlich wie „Dauerläufer“ oder „Trimm-dich-Pfad“. Auch auf dem Trimm-dich-Pfad bin ich mit Dad und seinen Studienkollegen oft gewesen. Und während ich das so schreibe, sehe ich die blauen Schilder vor mir, auf denen die Übungen beschrieben waren, die ich immer nicht verstand. Lauftreffs war gefühlt für mich sooo 70-er und sooo oldschool, und sooo Kegel-Rentnerclub.

Einer weiß es immer besser. Und Du willst eigentlich nur laufen

Ich mochte den Lauftreff nicht, weil es wohl in jeder dieser Vereinigungen immer dieselben Charaktere gibt, die mich alle genervt haben. Meist gibt es mindestens einen Oberlehrer. Der weiß immer alles besser. Er weiß, dass du zu schnell oder zu langsam läufst. Er weiß, dass deine Schuhe Mist sind. Er weiß, dass du eigentlich gar keine Pulsuhr brauchst, und dass dein Laufstil eine Katastrophe ist. Und er sendet dir während des ganzen Laufs ohne Unterbrechung ins Ohr. In jedem Lauftreff gibt es Jogger, die gerne Läufer wären, und die den ganzen Verkehr aufhalten. Während du längst fünf Kilometer weiter wärst, zwingen sie dich zum Schneckentempo, denn alle laufen ja zusammen! Gemeinschaftsgedanke und so. Und natürlich gibt es in jedem Lauftreff den Arzt. Der dir genau sagt, warum du dein linkes Bein nachziehst. Der, der dir genau ansieht, dass du eine Erkältung hast, noch bevor du es selbst weißt. Und dir dringend davon abrät, den Marathon nächste Woche zu laufen. Und sowieso weiß der „Arzt“ alles über Ernährung und warum du schon wieder oder noch immer Übergewicht hast.

Gibt es einen Lauftreff 3.0? Und wie wäre der so?

Ich kann mich gut erinnern, dass mir der „Oberlehrer“ vor 20 Jahren dazu geraten hatte, die Arme nicht anzuwinkeln. Sie eher beim Laufen hängen zu lassen. Seither ertappe ich mich dabei, dass ich immer wieder auf meine Arme achte, anstatt entspannt zu laufen. Ein Trauma quasi. Ein Trauma, das der Lauftreff gemacht hat. Der Lauftreff ist verantwortlich. Nur der Lauftreff. Und der Oberlehrer. Die Pest. Ich sags ja. Mir würden noch viele Gründe einfallen, die gegen diese Art Lauftreff sprechen. Was mir immer gut gefallen hat, war aber die Tatsache, dass man oft auch nette Begleitung hatte. Oft auch nette weibliche Begleitung. Und man lernte auch sonst mal Leute kennen. Und ich habe mich oft gefragt: Warum gibt es nicht den Lauftreff auch in cool? So eine Art Lauftreff 3.0!
Vielleicht könnte man den Lauftreff einfach „Meet cool Runners“ nennen? Damit es schonmal sexier klingt. Und lauter coole Leute, die alle ganz gut aussehen, und die alle irgendwie gut drauf sind, und lässig, und entspannt, und jung, und alles. Das wäre schön. Und mit keinem Oberlehrer drin. Und keinem „Arzt“ und keinem „Bummler“. Und als ich neulich so in Hamburg bin, in meiner Lieblingsstadt, da erzählt mir jemand von einem Lauftreff.
Gruppe läuft in Stadt

Laufen mit coolen Leuten, für Kleiss ein Traum.

Lässiger, cooler, Hamburg eben!

Von einem sehr lässigen Lauftreff, quasi von einem Lauftreff 3.0! Da bin ich fast verrückt geworden. Und der, der mir von diesem lässigen Lauftreff erzählt, spricht plötzlich von Spaß. Die „Tide Runners“ treffen sich immer mittwochs, um 21 Uhr. Und sie „erlaufen sich die Stadt zurück“. Wenn die Autos langsam weniger werden, der Asphalt noch von Autoreifen glüht, holen sich die Tide Runners die Straße zurück. Das klingt cool, das ist cool, das ist lässig. Und „Tide Runners“ klingt auch lässig, und auch sexy. Noch lässiger sind die Kriterien, die Spielregeln der Tide Runners. Ich muss sie hier aufschreiben, weil sie lässig sind. Und sehr 3.0! Ihre Leitlinien beschreiben sie selbst so:
„1) Der oder die Langsamste gibt das Tempo vor. Danach wird sich mindestens insofern gerichtet, dass in überschaubaren Etappen auf zurückliegende Läufer gewartet wird. Alle freuen sich über die Nachzügler, keiner drängelt, keiner hetzt. Es gibt auch in Hamburg genügend Laufcrews, in denen man sich in Sachen Tempo messen kann. Wer bei den Tide Runners die Laufschuhe anzieht, zieht sein Ego aus.
2) Wir laufen immer ca. 15 Kilometer mit mindestens einer Möglichkeit auszusteigen oder abzukürzen.
3) Start ist jeden Mittwoch um 21 Uhr das 25 hours Hotel in der Hafencity (Überseeallee 5). Dort besteht die Möglichkeit Eure Sachen zu hinterlegen. Nach dem Lauf hat die Bar geöffnet, evtl. kann man auch noch eine Kleinigkeit essen. (PS: 21 Uhr heißt 21 Uhr.)
4) Zeig Interesse an dem, der neben Dir läuft. Die Chance ist groß, dass er oder sie saunett ist.
5) Wir laufen bei jedem Wetter. Bei jedem.
6) Kalorienzählen, Sportlernahrung,Trainingspläne oder die richtigen Laufschuhe können zwar ruhig mal Thema sein, aber wahrscheinlich ist man woanders besser aufgehoben, wenn man es bei diesen Themen sehr genau nimmt. Bei uns geht’s auch mal um Pale Ale, Politik oder St. Pauli, um Katerfrühstück, Klamotten und Kokolores.
7) Wir werden versuchen, immer wieder auch neue Strecken auszuarbeiten und zu laufen, um neue Ecken Hamburgs zu entdecken. Unsere Stadt bietet mehr Laufstrecken als die Runde um die Alster.
8) Die Tide Runners sind seine Läuferinnen und Läufer. Nach innen, wie nach außen. Wir mögen Menschen, die Respekt, Fairness, Offenheit und Kreativität zu schätzen wissen.“
9) Wer mitlaufen möchte, muss kein Profi sein, sollte aber konditionell +/- 7 km am Stück laufen können. Den Rest schaffen wir zusammen.“

Laufen mit Haltung. Das ist neues Laufen.

So geht Lauftreff heute, finde ich. Ein Mix aus Oldschool und hanseatischer Lässigkeit. Das trifft mich voll ins Läuferherz. Und ich dann stoße ich dazu noch auf der Facebookseite der Tide Runners (https://www.facebook.com/tiderunnershh/timeline) auf einen Eintrag. Dieser Eintrag macht zudem die Haltung der Läufer klar. Ein Mix aus Haltung und Rock’n’Roll:
„Not everybody welcome!
Tide Runners bedeutet für uns nicht nur gemeinsames Laufen, sondern auch und manchmal in erster Linie Brücken zu bauen und Mauern einzureißen. Wir interessieren uns nicht die Bohne für Nationen, Religionen, Geschlecht, sexuelle Orientierung und andere Konstrukte – uns verbindet die Liebe zum Laufen und bei uns ist jeder willkommen, der zu uns passt und unsere Werte teilt. Jeden Mittwoch trifft sich deshalb ein recht unterschiedlicher Haufen bunter Köpfe und genau das macht auch die Tide Runners aus. Zum Laufen braucht man eigentlich nicht viel außer einem Paar Laufschuhen, und das macht alle Läuferinnen und Läufer erstmal gleich.“
Ich schreibe Michael von den Tide Runners an. Und bevor ich überhaupt fragen kann, ist für ihn klar, dass wir uns am Mittwoch zum Laufen sehen. Dann bin ich wieder in Hamburg. Und nach 20 Jahren werde ich wieder in einem Lauftreff laufen. Wir brauchen mehr solcher Lauftreffs. Sexy müssen sie sein, Haltung müssen sie haben, lässig müssen sie sein. 3.0 eben! So geht das neue Laufen.
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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