Quälen bis zur Erschöpfung

Freeletics: Mit Drill und Disziplin Schmerzgrenzen überwinden

Das Fitnessprogramm Freeletics verspricht, normale Menschen innerhalb weniger Wochen in athletische Vorzeigekörper zu verwandeln. Der Weg dorthin ist hart – physisch und mental.

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Freeletics

Ob zu Hause oder im Freien – Freeletics lässt sich überall problemlos ausüben.

Aufgeben ist keine Option: Freeletics baut auf Drill, Disziplin und Durchhalteparolen. Mehr als vier Millionen Menschen motiviert der militärische Ton der entsprechenden App – gelockt von der Hoffnung auf eine perfekte Strandfigur in minimaler Zeit. Dazu brauche es nicht mehr als das eigene Körpergewicht, ein paar Turnschuhe und eisernen Willen, verspricht das Unternehmen: „Jeder kann ein Athlet sein.“

Erfolg gemessen an Wettstreiter-Werten

Hinter der Idee dreier Münchner Hochschulabsolventen steckt eine Art Zirkeltraining auf Hochleistungsniveau. Ziel ist es, eine bestimmte Anzahl und wechselnde Abfolgen von Übungen so schnell wie möglich zu absolvieren. Liegestützen, Klimmzüge und Eigenstütz ersetzen die Sportgeräte, eine App den Personal Trainer. Seit seiner Gründung vor zwei Jahren ist das Unternehmen auf mehr als 60 Mitarbeiter gewachsen, die Workouts sind in fünf Sprachen und 160 Ländern verfügbar.
Anfangen kann jeder, ohne Vorkenntnisse und zu jeder Zeit. Wer sich auf der Unternehmens-Homepage registriert, erhält kostenlosen Zugang zu den einzelnen Übungen. Der personalisierte wöchentliche Trainingsplan als App kostet 13 Euro für einen Monat, 80 Euro für ein ganzes Jahr. Eine Stoppuhr misst die Abfolge der Übungen; dabei geht es nicht nur um eigene Bestzeiten, sondern auch darum, möglichst schneller zu sein als andere, deren Trainingserfolge man im Netz verfolgen kann.

Die griechische Mythologie leitet an

Schon der Einstieg lässt selbst Sportliche (ver)zweifeln. Liegestützen, Klappmesserübungen, Kniebeugen. Viele, immer wieder, sehr schnell. Bei Freeletics heißen sie Pushups, Jackknives und Deep Squats. Für die meisten Übungen bedarf es lediglich eines Paars Turnschuhe, als Klimmzugstange kann ein Tor auf dem Fußballplatz herhalten. Das Programm endet mit einer „Hell week“, in der jeden Tag mehrere Einheiten anstehen – bis zur völligen Erschöpfung.
Die Übungsabfolgen lehnen sich an Götter der griechischen Mythologie an. „Iris“ etwa besteht aus einem Kilometer Rennen, fünfmal hintereinander jeweils 100 Jumping Jacks (Hampelmänner) und Climbers (eine Kombination aus Liegestütz und Wechselsprung) sowie abschließend erneut einem Kilometer Rennen. Und sich „Poseidon“ zu widmen, klingt nun mal eindeutig cooler, als von Liegestützen und Klimmzügen zu sprechen.
Freeletics

Freeletics verwandelt deine Umgebung in ein Fitnesscenter und Alltagsgegenstände in Trainingsgeräte.

Fitnesstraining „2.0“: Verbreite deinen Erfolg

Der Götter-Clou verrät viel über die Freeletics-Strategie: Neu sind weder der militärische Ton noch die Übungen an sich – sondern die Kombination mit sektenähnlichem Auftreten. Fitness muss süchtig machen, der innere Wille zählt. Dazu passt, dass sich alles um persönliche Erfolgsgeschichten dreht, auf der Homepage, in den Blogs, in den Facebook-Trainings-Communitys, die es mittlerweile in fast allen deutschen Städten gibt. Fotostrecken dokumentieren die rasch sichtbaren Erfolge: Bauchmuskeln wachsen, der Oberkörper wird straffer, Fettpölsterchen schmelzen.

Geeignet für die, die sich darauf einlassen

Scheitern ist in diesem System nicht erlaubt. Wem das Spaß macht, für den kann Freeletics der Beginn eines neuen Körperbewusstseins und nie geahnter Fitness sein. Aussehen und innere Antriebskraft ändern sich tatsächlich schnell. Ob sich die Grundlagen auch in Partnerschaft, Beruf und finanziellen Verhältnissen wandeln, sei dahingestellt.
Sportliche Einsteiger schließen sich womöglich eher einem lebenden Fitnesstrainer an; Freeletics beschreibt die einzelnen Übungen zwar per Video, doch niemand korrigiert einen; außerdem ist ja eine schnelle Abfolge das Ziel, was der exakten Ausführung im Weg stehen kann und die Verletzungsgefahr erhöht.

Turnvater Jahn lässt grüßen

Freeletics dient eigentlich dem Muskelaufbau, kann aber durchaus dazu beitragen, ein paar Kilos loszuwerden. Wer Ernährungstipps möchte, kann sich für knapp 30 Euro einen entsprechenden Ratgeber dazu bestellen – die meisten dieser Vorschläge indes lassen sich auch anderswo finden. Genauso wie das ganze Programm letztlich wenig anderes ist als ein clever inszeniertes Comeback für Turnvater Jahn, den Gründer der deutschen Turnbewegung. Nur dass das damalige Motto „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ eindeutig mehr nach Spaß klingt.

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