Knaller auf dem Smartwatch-Markt

Nokia schnappt sich Withings – Nothings kommt

Nokia, der schlafende Riese, hat den französischen Hersteller von Gesundheitsprodukten und Wearables – Withings – für 170 Mio. Euro gekauft. Was bedeutet das für uns?

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Die Nokia Withings Smartwatch

So könnte die Nothings aussehen.

Nokia, einst ein Name wie Donnerhall! Bis 2011 der weltgrößte Handyhersteller der Welt. Nokia verschlief die Entwicklung und wurde regelrecht vom Smartphone-Hype überrollt, den Apple mit dem iPhone 2007 auslöste. Nokias Handys wirkten über Nacht wie alte Knochen, die schon zu ihren besten Zeiten so bezeichnet wurden. Die Finnen konnten sich von dem Schlag aus Kalifornien nicht mehr erholen und verkauften am Ende des langen Leidensweges 2013 die Handysparte an Microsoft für 5,4 Mrd. Euro. Erst kürzlich landeten sie wieder einen großen Deal mit dem Verkauf ihrer Navigationskarten-Sparte in Höhe von 2,8 Mrd. Euro an ein Konsortium deutscher Autohersteller (Audi, BMW und Daimler).
So zogen sie sich vollends aus dem Endverbraucher-Markt zurück und konzentrieren sich seitdem auf Dienstleistungen und Produkte für Firmenkunden im Telekommunikationssektor. Aber sie vergaßen nie, wo sie in ihrer langen Geschichte seit ihrer Gründung 1865 herkamen und was sie einst groß machte. Produkte wie Gummireifen – die bis heute als Nokian Tyres erfolgreich verkauft werden – oder Handys. Produkte für uns Endverbraucher eben. Viele unter uns empfinden bestimmt eine große Nostalgie, wenn wir an unsere ersten Handys zurückdenken. Unter denen mit Sicherheit das eine oder andere Nokia-Modell zu finden war.

Galerie: Die alten, berühmten Nokia-Handys

Wandel ist bei Nokia Programm! Auf zum neuen Wandel. Was hat Nokia vor?

Nokia hat gut eingekauft

Der wankende Riese sucht einen Weg zurück, um an die glorreichen Zeiten anzuknüpfen. Womöglich hat er mit dem Kauf der Firma Withings, die mit ihren Gesundheitsprodukten seit 2008 auf dem Markt sind, einen guten Weg gefunden. Der Produktansatz der Franzosen lautet: schickes Design zu bezahlbaren Preisen, eine überschaubare Anzahl von Funktionen und ausgestattet mit Verbindungsmöglichkeiten ins Internet. Das bekannteste Produkt dürfte die Withings-Waage sein, die wir bereits vorgestellt haben und demnächst in einem ausführlichen Test in Augenschein nehmen. Doch auch die Smartwatch Activité Steel weiß im Test zu überzeugen. Im Test haben wir auch das Blutdruckmessgerät von Withings.

Galerie: Withings-Produkte in der Übersicht

Nokia schwärmt von den Chancen des digitalen Gesundheitsmarktes. Nicht ohne Grund. Denn die bisherigen Lösungen – angefangen bei den zahlreichen Fitnesstrackern bis hin zu anderen Wearables wie der Apple Smartwatch und weiteren Gesundheitsprodukten – wissen nicht so wirklich zu überzeugen. Allen fehlt eine entscheidende Sache: Als Insellösung mögen sie auf dem weiten Ozean der Gesundheit eine nette, abgelegene Möglichkeit bieten, sich bewusst fit zu halten. Fitnesstracker umschnallen und Smartphone-App zücken: dreitausendvierhundert Schritte. Wow! Und weiter? Woher weiß denn ein Endverbraucher – also wir –, was all die gemessenen Werte bedeuten bezogen auf unsere Gesundheit und auf unsere Fitness? Wer kennt die genauen Zusammenhänge zwischen Gewicht, Fitnessaktivitäten, Blutwerten, Blutzucker und all den anderen physiognomischen Grundlagen? Die Smartwatches etwa, die 200 Euro kosten, ersetzen weder Expertise noch guten Rat, der teuer ist.

Nokia kommt wieder

Genau hier könnte Nokia seine gewaltige Expertise auf dem Mobilfunksektor ausspielen. Das Wissen, wie man Daten von A nach B bringt. Das Wissen, wie man Daten veredeln muss. Das Wissen, was Firmenkunden brauchen. Diese gesamte Breite an Expertise bringt mit Sicherheit kaum eine andere Firma mit. Schon gar nicht eine Firma wie Withings oder andere, junge Firmen, die sich auf dem digitalen Gesundheitssektor auszutoben versuchen. Sollen diese jungen Firmen etwa mit dem Gesundheits- und Pharmasektor sprechen? Services und Produkte auf den Markt bringen, die alle Beteiligten miteinander so vernetzen, dass tatsächlich positive Gesundheitsaspekte daraus entstehen? Wohl kaum, denn so ein gesamtes Ökosystem aus Geräten und Systemen, die vom Endverbraucher bis über den Arzt und hin zu Krankenkassen vernetzt sind je nach Bedarf, braucht Unmengen an Personal und Kapital zur Entwicklung. Etwas, über das Nokia verfügt.
Nun meldet sich also Nokia zurück auf dem Endkundenmarkt. Für 170 Millionen Euro hat sich der Konzern Withings unter den Nagel gerissen. Wir können Wetten abschließen, dass Nokia am digitalen Gesundheitsmarkt mitverdienen will. Der allein in Deutschland über 4 Millionen beschäftigt und knapp 300 Milliarden Euro Umsatz vereinnahmt.

Welche Produkte und Services könnte Nokia voranbringen?

Nokia Withings Smartwatch

Ein Nokia-Logo auf einer Withings-Smartwatch: Noch ist es nur Photoshop, aber es sieht schon mal gut aus.

Machen wir uns nichts vor, ein „Nothings“ – wie wir es oben spaßeshalber genannt hatten – wird es nicht geben. Was wir aber wissen und kennen, sind gewisse Meta-Trends im digitalen Gesundheitsbereich. Daraus lassen sich Pfade ableiten, auf denen Nokia wandeln könnte.
Unter „Big Data“ versteht man die Möglichkeit, aus einer Unmenge an eingesammelten Daten Krankheiten früher zu erkennen, Präventionen effektiver umsetzen zu können, gar Heilungschancen zu verbessern. Sämtliche Geräte, die unsere Daten messen und über das Netz weiterreichen, sind dazu zu zählen. Wer kein derartiges Gerät anbietet, wird kein sogenannter „Gatekeeper“ sein. Einer, der den Datenfluss kontrolliert. Des Weiteren zählen Services wie Gesundheits-Coaching dazu. Ob nun per Experten oder über angepasste Informationsflüsse wird der Endverbraucher auch als Patient gezielt gecoached. Den Gang zum Arzt kann man sich erst mal sparen. Natürlich zählen auch sämtliche Medizintechniken dazu, ob nun im Smartphone oder aber als eigenständiges Gerät.
Unter dem Stichwort „smart“ und „künstliche Intelligenz“ verstehen wir eine neue, aufkommende Gerätegeneration mit einer Vielzahl an Sensoren, deren Software unser gemessenes Verhalten tagtäglich auswertet, erkennt und daraus sogar Tipps ableiten kann: „Beweg Dich heute für 20 Minuten, ich drehe derweil die Heizung etwas herunter. Mach Dir Fisch mit Salat zum Essen um 18:00 Uhr, ich regel dann auch den Mail- und Handyempfang herunter. Du bist seit Wochen auf einem hohen Stress-Level, der dir langsam schadet. Ach ja, und noch eines, sprich langsamer und atme tiefer ein, damit kommst du wie bisher auch gut herunter.“ Diese Art von Auswertung ist heute in der Form und ganzheitlichen Weise nicht machbar. Technisch denkbar schon.

Konkrete Ideen

Grundlage ist, dass die Geräte – die wir am Körper mit uns tragen, aber auch zu Hause oder im Büro sind – nicht nur messen können, sondern auch untereinander vernetzt sind. Daraus lassen sich eine Reihe verbesserter Versionen an Withings-Produkten ableiten (wir nennen es „spinnen“):
- Die Withings-Waage wird in Zukunft ein Foto von unserem Körper machen und erkennen, wie sich die Hautfarbe und Mimik, aber auch der Bewegungsablauf verändert. Bewegen wir uns mühsam, passiv oder hopsen wir fröhlich durch die Wohnung? Ziehen wir ein trauriges Gesicht und sind aschgrau? Die Waage nennt sich zwar „Smart Body Analyzer“, aber da fehlt noch etwas. Womöglich genau diese Erkennungsfunktion. Best Buddy Scanner statt Body Analyzer.
- Die Withings Activité Smartwatch ist ein nettes Stück Uhrendesign mit einem Schrittzähler und Schlaftracker. Wenn die Waage der Uhr ein Warnsignal mitteilen kann, weil sie erkannt hat, dass es uns nicht gut geht und warum es uns nicht gut geht, wird die Activité mittels Vibrationssignal Atemtiefe und -frequenz steuern können. Yoga on the fly sozusagen. Was macht die Uhr heute? Sie misst wie gesagt die Schritte und zeigt die Uhrzeit an. Breath-Watch statt Activité Smartwatch.
- Das Blutdruck-Messgerät fragt automatisch beim Setup nach, bei welcher Krankenkasse man Kunde ist und wer der behandelnde Arzt ist. Sämtliche Werte werden von nun an dem Arzt im System zur Verfügung gestellt. Zusätzlich hat die Krankenkasse die Erlaubnis, die Werte abzufragen, via Big Data mit anderen Daten abzugleichen und bei der Erkennung von kritischen Verläufen den Arzt frühzeitig zu informieren. Der Arzt gibt eine Behandlungsmethode vor, woraufhin sich ein Experten-Service-Team beim Träger der Activité meldet. Was macht das Blutdruckgerät heute? Es zeichnet lediglich die Daten in der Smartphone-App auf. Bloody Meter statt profaner Blutdruckmesser.
- Die Smartwatch und die Waage arbeiten zusammen, analysieren gemeinsam, tauschen ihre Daten aus. Der „Ofen-Doc“ von Miele bekommt eine Auswertung der Daten und leitet daraus mögliche Kochrezepte ab. Er kontaktiert den Kühlschrank, der Ebbe meldet, da wichtige Zutaten fehlen. Kurze Zeit später erscheint die Meldung auf dem Smartphone: „Du hast Glück. Es fehlen Milch, Eier, Käse, Trauben. Im Supermarkt in Laufweite um die Ecke sind alle Sachen vorrätig. Wenn du die Sachen holst, nutze das Stadt-Leihrad. Du bekommst 100 Punkte bei der Krankenkasse gut geschrieben. Das spart dir 3,50 Euro an Krankenkassenbeitrag. Diesen Monat hast du bereits 85,43 Euro eingespart. Mach weiter so.“
Das eine oder andere mag gruselig erscheinen, nach Fremdkontrolle und Einmischung riechen oder auch nach Preisgabe unserer Vitaldaten. Ja, das ist der Preis womöglich. Die Vernetzung all der Geräte und Sensoren, die Auswertung der Daten über Software und die Weitergabe zu Analysezwecken wird zugleich ein Fluch und ein Segen sein. Doch halt: Wir sprechen nicht mehr von einer komischen Zukunft. All dies passiert bereits heute. Nur eben in einer weitaus kleineren Dimension. Vom digitalen Gesundheitsmarkt verspricht sich Nokia eine goldene Zukunft.

Withings Produkte

Robert Basic

von

Seine Passion sind Menschen, sein Antrieb ist die Neugier.

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