Mike Kleiß – Das neue Laufen

Wer Beziehung kann, wer Liebe kann, kann auch laufen

Diese Woche geht unser Kolumnist und Lauf-Experte Mike Kleiß in sich. Und erzählt, was das Laufen mit Liebe zu tun hat. Mit viel Herz. Habt Spaß beim Lesen!

Datum:
Junge Frau läuft

Laufen ist wie eine Beziehung, meint Mike Kleiss: Es geht auf und ab.

Es ist so ein Ritual geworden. Nach einem Sonntagslauf, einer langen Dusche, mümmelt sich der Kolumen-Kleiß immer mit einem dreifachen Espresso auf die Couch. In Wohlfühlklamotten. Kaputt, aber glücklich. Zur Zeit läuft es irgendwie nicht. Nicht ganz rund. Es ist wieder so eine Phase, die kennt jeder Läufer, da will es nicht so richtig. Da werden 30 Kilometer zu einer echten Qual. Da will der schnöde Körper eigentlich nicht mal mehr 5 Kilometer. Und die Knie quängeln, und die Beine sind Betonbeine, und es regnet. Und es ist Sonntag. Und es laufen super Filme im Fernsehen. Und es liegen gute Bücher rum, die man gekauft hat. Zu denen man nicht kam, von denen jedes Einzelne schreit: „Lies mich, lies mich!“ Es ist eine Phase, da ist einem alles egal. Und doch stürzt man sich raus. Und quält sich, und am Ende macht es doch Spaß. Oder vielleicht auch nicht. So läuft es bei mir gerade jeden Tag. Und ich weiß, es werden auch wieder andere Tage kommen. Aber in so einer Phase, auch das kennt jeder Läufer, da könnte man manchmal heulen. Vor Wut. Über den eigenen Körper. Und man wird echt gefühlig. Kennt ihr das? Mir geht das so. Und dann fällt mir ein eigentlich wunderbarer Vergleich ein. Den würde ich gerne aufschreiben. Dabei geht es um Liebe. Wrooaam. Jap, um Liebe. Liebe und das Laufen, das hat was miteinander zu tun. Und zwar sehr direkt. Aber ... ob ich hier in meiner Laufkolumne einfach etwas über Liebe schreiben kann? Wollt ihr das wirklich? Kann ich mich das trauen? Scheiß drauf, denk ich. Und mir fällt ein, dass Jack London mal geschrieben hat: „Wenn es dir möglich ist, mit nur einem kleinen Funken die Liebe in der Welt zu bereichern, dann hast du nicht umsonst gelebt.“ Also müsst ihr jetzt hier einfach durch! So!

Wie sich die Beziehung zum Laufen verändert

Als ich vor fast vier Jahren wieder anfing zu laufen, da waren wir sehr verliebt, das Laufen und ich. Wir hatten uns viel zu geben. Und wir verbrachten jeden Tag miteinander. So ist es auch heute noch. Aber unsere Beziehung hat sich verändert. Wir hatten gute und schlechte Zeiten. Das Laufen hat mich verändert. Ich bin zwar im Grunde noch immer derselbe, aber diese Liebe hat ihre Wirkung. Nicht nur das Gewicht hat eine andere Richtung genommen, ich sehe die Dinge heute auch anders. Teilweise bin ich sensibler geworden, ich schaue genauer hin. Das Laufen hat mir in unserer Beziehung beigebracht, wieder sensibler zu werden. Zum Beispiel für den eigenen Körper. Ich höre auch wieder genauer zu. Zum Beispiel den Menschen, denen ich auf meiner täglichen Strecke so begegne. Mir hat unsere Beziehung auch wehgetan. Das kann ich nicht verheimlichen. Immer wieder gab es Schmerzen. Die Knie und die Knochen fühlten sich oft an wie leer, wie irgendein hohles Ding. Der Rücken machte sich krumm, weil er die Last kaum noch tragen konnte. Und auch im Kopf und im Herzen hat es geschmerzt. Der tägliche Kampf mit dem inneren Schweinehund, der Kampf, 42 Kilometer zu bewältigen, das waren große Hürden in unserer Beziehung. Für den Kopf eine oft riesig hohe Latte. Das Herz hatte mächtig zu arbeiten.
Läufer auf Straße

Die Beziehung zum Laufen kann manchmal einsam sein.

Laufen erdet!

Diese Liebe hatte und hat wunderbare Tage. Sehr innige, sehr demütige Tage. Es ist oft sehr gut gelaufen zwischen uns. Am Meer entlang zu laufen, auf Fehmarn zum Beispiel. Das war so was wie Glück pur. Wenn man die salzige Luft auf der Stirn fühlen kann, weil sie eine Kruste bildet. Weil die Kraft des Meeres so sehr zu spüren war, eine Art Nähe bekam, wie wenn man verliebt ist. Und einem das Herz bis zum Hals schlägt. Diese Momente könnte ich immer und immer wieder haben. Jeder Lauf, wenn ich meine Großmutter im Westerwald besuche und durch den Wald meiner Kindheit laufe, während Großmutter ihren Mittagsschlaf hält, das ist Liebe. Diese Beziehung zwischen mir und dem Laufen hat mir Erdung gegeben. Und neuen Halt. So wie es in jeder ordentlichen Beziehung sein muss.

Auch Urban Running ist Liebe

Durch das Laufen habe ich Städte neu lieben gelernt. Berlin zum Beispiel. Bis vor nicht allzu langer Zeit fand ich diese Stadt eher so mittel. Groß, viel Smog, arm und null, aber auch null sexy. Anonym, lieblos, schnodderig und vor allen Dingen unfreundlich. Seit ich einige Termine in der Hauptstadt habe, erlaufe ich mir die Stadt. Und entdecke tatsächlich meine Liebe zu ihr. Ganz vorsichtig entsteht da etwas zwischen Berlin und mir. Vor einigen Wochen lief ich mehrmals um den Schlachtensee, um anschließend einfach reinzuspringen. Morgens, recht früh. Und der Tag fühlte sich wunderbar an. So ging es mit vielen Städten und Gegenden, die ich bis zu diesem Zeitpunkt immer nur aus dem Auto oder dem Taxi gesehen hatte. Jeder von euch wird diese Momente kennen. Und jeder, der läuft, wird seine eigenen Momente haben. Im Kopf, im Herzen.

Wenn es nicht mehr läuft

In jeder Beziehung kommt einmal der Punkt, da entscheidet sich, wie sie so weiterlaufen soll. Oder vielleicht auch nicht. Wenn man ehrlich ist, kommt dieser Punkt mehrfach, je länger die Zeitachse ist. Und oft muss eine Entscheidung getroffen werden. Und meist ist diese Entscheidung weder einfach noch fair. Manchmal läuft es einfach in eine andere Richtung. Und manchmal weiß man gar nicht so recht, warum. Ist es Zeit für eine Trennung? Oder rauft man sich zusammen? Weil man eben zusammengehört. Oder weil man weiß, dass eine Beziehung auch immer Arbeit ist. Immer. Ich glaube wirklich: Wer Beziehung kann, der kann auch laufen. Wer lange Beziehungen kann, wer tief und innig lieben kann, der kann auch laufen. Der kann sogar ein Lebensläufer werden. Das bedeutet aber auch, dass man die ein oder andere Hürde nehmen kann. Vor allen Dingen dann, wenn die erste Liebe zum Laufen verschwunden ist. Wenn es eben mal nicht mehr so läuft. Wenn es Arbeit wird, „dranzubleiben“. Wenn der Kopf etwas anderes sagt als das Herz, oder eben umgekehrt. Es kommt der Punkt, da kann man gar nicht so richtig sagen, was eigentlich los ist. Weil man es eben nicht weiß. Weil es sich wirr anfühlt. Fakt ist: Es ist immer der Punkt, an dem es drauf ankommt. Nur das weiß man. Und das ist schon viel.

Es muss nicht immer einen Plan geben

Was bei Beziehungen, die auf der Kippe stehen, oft unsägliche Paartherapien sind, sind für mich die Laufpläne. Sie kommen oft dann ins Spiel, wenn nichts mehr so richtig geht. Und hinzugezogen wird dann mindestens ein Laufexperte. Und schon wird rumgedoktert, und analysiert, und ausprobiert. Und es wird krampfig und schwer. Und es gibt blaue Flecke und Schmerzen. Und die Schuld wird auf die Zeit geschoben, und es gibt noch andere Ausreden. Und die Liebe bleibt mehr und mehr auf der Strecke. Bei der Paartherapie wie beim Laufplan. Bis man stolpert. Und am Ende doch recht hart aufschlägt. Und dann steht niemand mehr so einfach auf. Weil endgültig alles wehtut.
Geht man so mit Liebe um? Nein, so läuft es nicht. Und auch auf die Gefahr hin, dass ihr mich für ein hoffnungsloses Romantikopfer unter den Läufern haltet, ich bin mir sehr, sehr sicher:
Wir neigen oft zum Perfektionismus. In Beziehungen ist das so. Beim Laufen ist das so. Und genau hier liegt meiner Meinung nach das Problem. Und das gilt es mal aus den Herzen und Köpfen zu verbannen. Gerade dann, wenn es eben mal nicht so läuft! Wenige können das derart wunderbar auf den Punkt bringen wie Oscar Wilde, der schrieb: „Es sind nicht die Vollkommenen, sondern die Unvollkommenen, welche der Liebe bedürfen. Wurde einem eine Wunde zugefügt, sei es durch die eigene oder die fremde Hand, dann sollte die Liebe herannahen und ihm Heilung schenken – aus welchem Grunde sonst existierte die Liebe?“

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