Mike Kleiss - das neue Laufen

Weil es mal gesagt werden muss: Danke, Dad!

Dieses Mal ein persönlicher Dankesbrief unseres Laufkolumnisten und Experten Mike Kleiss an seinen Vater. Er findet: wir müssen mehr Dankesbriefe schreiben. Alle. Unbedingt. Und es hat so viel mit dem Laufen zutun.

Datum:
Mann und Sohn am Strand

Ein starkes Band zwischen Vater und Sohn - für Mike Kleiss ein einscheidendes Erlebnis.

Als ich gerade so laufen konnte, da bin ich auf eine Mauer gestiegen. Du hast mich nur an der Hand festgehalten. Erinnerst Du Dich? Am Ende der Mauer wollte ich auf den Bürgersteig springen. Es war hoch. Und ich muss es ein wenig mit der Angst zutun bekommen haben. „Spring ruhig, mein Sohn. Spring einfach runter. Nur Mut.“, sagtest Du ruhig und mit sanfter Stimme. Ich zögerte. Jedoch nicht lange. Es drängte sich eine kindliche, aber berechtigte Frage auf. „Und wenn ich fell? Und wenn ich fell?“ (Kleinkindsprache, übersetzt: „Und wenn ich falle? Und wenn ich falle?“, Anmerkung des Autors), plumpste es aus meinem Kindermund. „Dann fange ich Dich auf, dann fange ich Dich einfach auf“, sagtest Du. Ich sprang in Deine Arme. Und landete sicher in Deinem dunkelbraunen Wildledermantel, der etwas nach Patschuli roch. Und nach Leder. Ich konnte Vertrauen haben. Und dieser Moment gab mir Sicherheit. Vor lauter Freude rannte ich. Den Bürgersteig hinunter.

Laufen, hinfallen, aufstehen. Man kann es nicht früh genug lernen.

Ich rannte oft. Schon damals als Kind. Ich rannte schnell. Ich lief immer und immer wieder den langen Flur der Wohnung entlang. Stundenlang. Einfach so. Den Gang hinunter, um dann rechts in die Küche abzubiegen. Immer bekam ich so gerade eben die Kurve. Knapp war es. Ich schaffte es immer. Bis zu dem Tag, an dem ich ausrutschte. So ging es für mich nicht rechts in die Küche, sondern links ins Badezimmer, mit hoher Geschwindigkeit. Unkontrolliert. Mit dem Kopf zuerst gegen einen Hocker. Die Wunde hätte genäht werden müssen. Ich lief einfach weiter. So war es. So ist es heute noch. Aufstehen, und weiter geht’s.

Gemeinsam laufen und fürs Leben lernen

Wir sind viel gelaufen, wir beide. Und das Laufen hat uns immer wieder gemeinsame Geschichten beschert. Wir sind einen langen Weg gemeinsam gelaufen, um uns auch einmal eine Zeit zu trennen. Unsere Wege haben sich jedoch immer wieder gekreuzt. Und wir sind weiter zusammen gelaufen. So war es immer. Erinnerst Du Dich an den Tag, als wir in die Stadt gelaufen sind? Es muss kurz nach dem Sprung von der Mauer gewesen sein. Du trugst wieder den Wildledermantel. Und er roch wieder nach Patschuli. Es war noch immer Winter, und der Weg in die Stadt war für meine kurzen Beine weit. Aber das Laufen machte mir Spaß. Irgendwie. Wir trafen Deine Freundin Almut, und ihren Mann aus Amerika. Almut hatte einen Farbigen geheiratet, und die ganze Kleinstadt redete darüber. Ich hatte noch nie einen schwarzen Mann gesehen. Ich war fasziniert. Und konnte mir nicht erklären, was mit dem Mann passiert war. Wie kam er nur zu dieser Farbe? Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, nur um diese Frage zu stellen: „Hast....hast...hast...hast Du Schokolade gegessen?“ plumpste es dieses Mal aus mir hinaus. Stille. Plötzlich. Jim lachte. Laut. Du versankst in den Boden vor Scham. Du klärtest mich auf, und wir liefen weiter. Ein bisschen schneller als sonst. Ich glaube, Du wolltest einfach nur noch schnell weg. Wir liefen. Zusammen. Was habe ich das oft genossen.
Altes Paar joggt im Wald

Laufen im ALter - für Kleiss eine gute, gesunde Sache.

Laufen verbindet. Ein Leben lang.

Du hattest immer mal wieder mit Deinem Gewicht zu kämpfen. Ich kann es verstehen. Ich ja auch. Wir Kleissens essen ganz gerne. Das war wohl schon immer so. Ausserdem sind wir ab und an wirklich faule Säcke. Wir stürzen uns lieber in die Arbeit, anstatt uns ausreichend zubewegen.
Es war Sommer. So in den 90igern. Und plötzlich wurdest Du immer dünner. Das wollte ich auch sein. Wieder. Du hattest einen Lauftreff gefunden und liefst 3 Mal die Woche durch den Wald. 10 Kilometer, manchmal mehr. Da war es also wieder, das Laufen. Unser Laufen. Ich klinkte mich ein.

Laufen schafft Nähe und Kommunikation

Und wir liefen wieder, und wir redeten. Über dies und das. Wir liefen, und redeten über das Vatersein, über das Sohnsein, über Politik, über die Liebe. Wir teilten Herzschmerzen und wir lachten. Alles beim Laufen. So war es immer. Laufen und Kommunikation, eine „verrückte“ Kombi. Das gehört zu uns. Seit nunmehr über 40 Jahren. Viele sind gegangen, auch Dein Vater, mein Großvater. Laufen und Kommunikation sind geblieben. Vor einigen Monaten sind wir das erste mal gemeinsam gelaufen. Zu seinem Grab. Auch diesen Weg sind wir zusammen gelaufen. Und es war kein einfacher Gang. Es war gut, dass Du an meiner Seite warst, als wir den Weg zurückgingen. Es fühlte sich fast so an, wie sicher von einer Mauer springen zu können.

Lauf-Rituale machen Sinn. Für jeden.

Heute laufe ich Marathon. Du, dem Alter entsprechend, durch den Wald. Und auch wenn uns 300 Kilometer trennen, habe ich oft das Gefühl, dass wir gemeinsam laufen. Ab und an tun wir es auch, wenn wir Deine Mutter besuchen, meine Großmutter. Wir pflegen auch dort unser Ritual. Klinken uns für 2 Stunden aus, und laufen. Und reden. Lachen, sind nachdenklich, atmen die selbe Luft. Auch in 2 Wochen wird das wieder so sein. Und ich freue mich darauf. Weil wir wieder gemeinsam laufen können. Alle Eltern bringen ihren Kindern das Laufen bei. Das war so. Das wird immer so sein. Dennoch wünschte ich, jeder hätte einen so speziellen Laufvater wie ich. Jeder sollte von Mauern springen können, peinliche Fragen stellen dürfen, um dann schnell wegzurennen. Ich bin dankbar dafür.
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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