Die Kolumne von Mike Kleiss

Verlieren ist immer erlaubt. Nur den Glauben, den niemals!

Auch in dieser Woche findet Kolumnist und Lauf-Experte Mike Kleiss wieder deutliche Worte. Diesmal zum Thema Laufen und Übergewicht. Viel Vergnügen beim Lesen!

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Korpulente Läuferin

Den Kampf mit den Pfunden aufzunehmen, ist für Kleiss eine Spitzenleistung, die Respekt verdient.

Es gibt Momente, da bekomme ich als ehemaliger Dicker bis heute einen Schreck. Vor allen Dingen als ehemaliger Dicker, der durch das Laufen fast 50 Kilo verloren und ein neues Leben gewonnen hat. Und dann auch noch darüber schreibt. Und immer wieder versucht, andere Menschen zu motivieren. Mit guten Absichten. Sonst nichts. Immer mal wieder liest man hier und da Kommentare nach dem Motto: „Oaaah, nicht schon wieder eine Story einer/eines Dicken, der durchs Laufen abnahm. Nicht noch so eine langweilige Geschichte, in der sich jemand halbiert hat. Nicht wieder so eine Heldenstory, die nervt.“ Oder noch schlimmer, Kommentare wie: „Diese Leute sollten erst gar nicht so viel fressen, dann würden sie nicht fett werden und uns nicht mit ihren Abnehm-Laufgeschichten belasten.“ Mich berühren solche Aussagen, die ab und an in Kommentarfeldern zu lesen sind. Oft höre ich solche Aussagen sogar von genervten Redakteuren, die solche Storys „uncool“ oder „unsexy“ finden. Immer wieder lese oder höre ich das und werde tief traurig. Nicht, weil auch ich einst uncool, unsexy und dick war. Das ist es nicht. Nicht mehr jedenfalls. Ich habe lange nachgedacht. Was mich daran traurig macht, ist der fehlende Respekt in solchen Aussagen. Das nötige Gefühl, die notwendige Achtung vor Menschen, die es „geschafft“ haben. Und solche Aussagen ignorieren einen wichtigen Faktor. Einen Aspekt, der beinahe religiös klingt, ohne es in diesem Themenfeld wirklich zu sein: Solche Aussagen torpedieren den Glauben. Den Glauben daran, es schaffen zu können. Den Glauben daran, wieder gesund zu werden. Den Glauben daran, dass das Laufen einen Heilungsprozess anschieben kann. Den Glauben an sich selbst.

Uncoole Storys gibt es nicht

Deutschland ist übergewichtig, Tendenz steigend. Das Statistische Bundesamt spricht davon, dass 52 Prozent der Erwachsenen in Deutschland übergewichtig sind. 62 Prozent der Männer, 43 Prozent der Frauen im Land haben zu viel auf den Rippen. So sieht’s mal aus. Und vielleicht nehmen wir das einmal als Fakt hin. Warum das so ist, dafür gibt es viele Gründe. Und im Prinzip spielen sie zunächst einmal keine Rolle. Das Laufen kann helfen. Und vielen hat es bereits den Weg in ein neues Leben geebnet. Ich bin der festen Meinung, dass es gar nicht genug Erfolgsgeschichten geben kann. Und dass sie ruhig alle erzählt werden sollen. Nicht eine dieser Geschichten ist unsexy oder uncool. Denn noch immer gibt es viele Menschen, die sich mit den Pfunden rumquälen. Und für die es pure Motivation ist, diese Erfolgsgeschichten zu lesen. Um den Glauben wieder zu bekommen. Den Glauben, auch etwas an sich selbst zu verändern. Den Glauben, eines Tages vielleicht selbst die Laufschuhe anzuschnallen.

Einst Sportler, heute dick

Eine wunderbare Geschichte, die anderen neuen Lebensgeist einhauchen kann, ist die Geschichte von Michael Klotzbier. Der Mann ist ein ganz normaler Typ. Nur mit dem Unterschied, dass er bis vor Kurzem noch 160 Kilo wog. Einst war er sehr sportlich, sogar leidenschaftlicher Fußballer, wog 80 Kilo. Eine Verletzung veränderte alles.
Manchmal kommt das eben so. Gerade Menschen, die viel Sport gemacht haben und plötzlich damit aufhören, nehmen stark zu. Weil sie sich noch immer so ernähren wie zu Sportzeiten. Weil plötzlich aber die Bewegung fehlt. Und so steigt das Gewicht. Nicht rasant. Aber doch stetig. Oft kann man das bei ehemaligen Fußballprofis beobachten. So war es bei Michael Klotzbier. So war es übrigens auch bei mir.
Kleiss-Kolumne 3-2

Aller Anfang ist schwer, doch jeder, der es versucht, ist nach Kleiss' Meinung ein Held.

Es ist nicht so, dass man nicht mitkriegt, wie man zunimmt. Aber man verdrängt es ganz gerne. Und je mehr Gewicht auf den Rippen dazu kommt, desto mehr schwindet der Glaube, es eines Tages auch wieder zu verlieren. Eine üble und negative Spirale. Und es braucht vielleicht einen Michael Klotzbier, der 2016 einen Marathon laufen will, um vielen genau diesen Glauben wiedergeben zu können. Für 42 Kilometer braucht man einen enormen Glauben an sich selbst. Einen viel größeren benötigt man jedoch auf dem Weg dorthin. Und jeden, der sich einfach auf den Weg macht, der anfängt zu laufen, der sich bewegt, kann man gar nicht genug feiern. Denn das sind die kleinen alltäglichen Geschichten, die anderen Hoffnung machen.

Kein Erfolg ohne Rückschläge

Wer den Laufglauben erst einmal wiedergefunden hat, wer hart trainiert und plötzlich Ehrgeiz entwickelt hat, der muss eines Tages mit Rückschlägen rechnen. Denn ... das Laufen ist wie das Leben. Es verschafft uns Gesundheit, Freude, jubelnde Momente. Es gibt uns Glauben und Hoffnung, es ist Balsam für die Seele. Wenn Michael Klotzbier den Marathon 2016 schafft, wird er wahrscheinlich mehr wollen. So wie Thorsten Firlus-Emmrich. Er fing zunächst mit dem Laufen an, erlangte neuen Glauben, rannte Ultra Marathons, schließlich musste es Triathlon sein. Seine Zeiten wurden besser, sein Körper stählte sich, er wollte mehr. Er wollte immer besser werden. Um noch mehr Glauben an sich zu erlangen. Und er landete in einer „programmierten Niederlage“.
Er hatte sich übernommen. Sein Glauben versetzte zunächst Berge. Kurz vor dem Gipfel ist er abgestürzt. Ich kann nicht sagen, wie schwer er sich seelisch verletzt hat. Aber ich werde ihn das fragen. Und gerne werde ich das dann erzählen. Fest steht: Thorsten hat sein Ziel nicht erreicht. Er hat eine derbe Niederlage erlitten. Aber: Er hat den Glauben nicht verloren.

Heldengeschichten

Das sind nur zwei Geschichten von vielen, die gerade aktuell sind. Heldengeschichten in meinen Augen. Sie mögen uncool sein, unsexy, weil man sie schon tausendfach gehört oder gelesen hat. Na und? Überall gibt es solche Storys. Von Läufern, die trotzdem oder wieder an sich glauben. Von Menschen, denen das Laufen den Glauben an ein neues Leben gegeben hat. Wir brauchen mehr von diesen Geschichten. Weil wir alles verlieren dürfen. Nur den Glauben an uns selbst nicht. So läuft es.

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