Mike Kleiss – Das neue Laufen

Urban Running. Morgens, 7 Uhr, wenn die Stadt erwacht!

Ist Berlin wirklich sexy? Kann man laufen wie Thomas Gottschalk? Und das auch noch toll finden? Was können Stadtläufe? Und was ist so besonders an diesem Trend? Unser Laufkolumnist und Experte Mike Kleiss kennt die Antwort.

Datum:
Frau joggt morgens

Urban Running: Ungewohnte Pfade beschreiten und die vermeintlich bekannte Umgebung entdecken.

Mir geht es so, wie Vielen in Deutschland. Die Jobs kommen nicht zu mir. Ich fahre zu den Jobs. Und wie alle, die dennoch gerne laufen wollen, stelle ich mir immer wieder die Frage: Wie und wo schneide ich mir die Zeit dafür im Alltag aus den Waden? Wie kratze ich 2 Stunden zusammen, die nur mir alleine gehören? 2009 gründete ich meine Kommunikationsagentur Medienhafen Köln. Ich fahre teilweise 3000 Kilometer die Woche. Und muss immer und immer wieder auf den Punkt konzentriert sein, wenn ich beim Kunden bin. Es hilft mir, wenn ich vor meinem ersten Termin meine 16 bis 18 Kilometer gelaufen bin. Dann ist der Kopf frei, dann bin ich knallwach, dann beginnt für mich wieder ein Vollgastag.

Topmanager laufen. Und nehmen sich Zeit.

Toll am Laufen ist, dass man es wirklich überall tun kann. Und deshalb ist das Laufen auch bei Topmanagern der Sport überhaupt. Karl-Thomas Neumann, Vorstandsvorsitzender von Opel, der Intendant des WDR Tom Buhrow oder auch CDU Politikerin Julia Klöckner, um nur einige zu nennen. In einer Studie, die im Rahmen des Frankfurt-Marathons erstellt wurde, stellte man fest, dass mehr als 35 Prozent der befragten 3.906 Marathonläufer auf Führungsebenen beschäftigt sind – nahezu die Hälfte davon im Bereich des Senior Managements. Und sie alle verbindet eine Tatsache: wenig Zeit, und doch willens zu laufen. Die Frage ist nur: wo? Und wie? Ich habe endlich seit einiger Zeit eine Lösung gefunden! Urban Running ist das Zauberwort! Laufen durch die Stadt. Quer durch. Auf Asphalt. Hart, ungerecht für die Wade, aber wunderschön! Wetten?

Nur der Duft von Asphalt ist der wahre Duft des Läufers

Bevor der nächste Aufschrei passiert, nach dem Motto: „Wie kann der Kolumnen-Kleiß nur?“ Auf Asphalt zu laufen ist doch Käse für die Gelenke! Die Knochen leiden. Wie kann man nur dazu raten? Allen Aufschreiern sei gesagt: Man muss nicht immer vernünftig sein, wenn es ums Laufen geht! Man kann auch einfach nur Spaß dran haben. Ich weiß, Spaß und Deutschland passen nicht so super zusammen. Man regt sich gerne viel lieber auf. Gerade dann, wenn ein Läufer in der „Welt“ das schreibt, was ich nun loslasse! Sind alle Aufschreier bereit? Gut! Dann festhalten!
Ich bekenne mich, liebe Aufschreier. Ich liebe plötzlich den Duft von Asphalt. Der weiche Waldboden kann mir wegbleiben. Jedenfalls ab und zu. Letzte Woche war ich tatsächlich jeden Tag in einer anderen Stadt. Und wachte jeden Morgen in einem anderen Hotelbett auf. Alleine. Versteht sich. Und jeden Morgen hatte ich eine Verabredung mit mir selbst. Manchmal auch mit lieben Bekannten oder Freunden. „Urban Running“ wird immer mehr ein echter Trend. Man er-läuft sich quasi eine Stadt, die man nicht wirklich gut kennt. Achtung! Wichtig! Für alle Datenjunkies: Und dabei spielt die Zeit und die Kilometerzahl keine Rolle! Man läuft einfach los. Und genießt die Stadt, die Ecken, die man mit dem Auto gar nicht erreicht. Darauf kommt es an!
Läufer in Berlin

Laufen in Berlin, für Kleiss heute ein Genuss.

Die knallharte Asphalt-Tour und ihre Geschichten

Ich startete in Berlin. Ich und Berlin, wir sind nie Freunde geworden. Immer war mir diese Stadt einfach zu groß. Zu viel Smog. Zu viel Hauptstadt, zu schnoderrig. Um 7:00 Uhr klingelte mein Wecker. Um 7:30 Uhr wartete Sven auf mich. Vor dem Hotel, das direkt am Zoo liegt. Wenn die Hauptstadt noch schläft, und die Sonne das Lauteste ist, was man spürt, dann könnte man das als Frieden bezeichnen. Wir machten uns auf den Weg. Und plauderten. In einem recht männlichen Tempo, aber doch angenehm. Durch den Tiergarten. Vorbei am Reichstag, vorbei an der Wohnung von Angela Merkel. Durch Kreuzberg, durch den Tiergarten, zurück zum Hotel. Und an jeder Straßenkreuzung gab es eine Geschichte zu erzählen oder zu entdecken. Jede Ecke der Stadt roch anders. Sven war mein Stadtführer. Nur eben laufender Weise. So entdeckte ich kleine Bäckereien, Geschäfte, die es sonst in keiner anderen Stadt gibt. Menschen, die man so nur in Berlin sieht. Ein Obdachloser im Anzug, der für andere Obdachlose eine Rede hielt. Seine Bühne war eine Holzpalette unter einer Brücke. Und überall eine unglaubliche Ruhe. So liefen wir. Und genossen unglaubliche 21 Kilometer. Wir liefen einen Halbmarathon. Auf Asphalt. Und starteten danach in den Job. Verzeiht mir diesen sentimentalen Ausbruch: Ich sehe Berlin heute mit ganz anderen Augen. Ich bin ein bisschen in Berlin verliebt. Der Asphalt ist schuld. Und das Zauberwort: Urban Running!

Wetten dass...das neue Laufen so sein kann?

Einen Tag später. 7 Uhr. Der Wecker klingelte. Meine nächste Station war Kulmbach. Ich atmete die gleiche Luft ein, die Thomas Gottschalk einst eingeatmet hat. Gottschalk wuchs hier auf, ist Ehrenbürger der Stadt. Wenn man den Smog von Berlin noch in den Lungen hat, und plötzlich die Klarheit von Kulmbach einatmet, dann ist es fast, als ob der Körper von innen geputzt wird. Per Dampfstrahler. Die kleine Pension liegt weit unterhalb der Plassenburg. Und es führt ein Weg an Bahnschienen entlang. Durch die wohl grünste Wiese, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Und überall liegt ein wenig „Wetten Dass...!?“ in der Luft. Der Asphaltweg bleibt konsequent an den Bahnschienen. Und ab und an wird die Ruhe durch einen Regionalexpress jäh unterbrochen. Was muss Jens wohl gedacht haben, als er sich vor einen dieser Regionalzüge geworfen hat? Warum war Jens so fürchterlich verzweifelt? So, dass er sich das Leben genommen hat. Ich stoppe vor seinem Holzkreuz. Direkt am Bahngleis. Neben dem Kreuz ein Foto von Jens, der nicht älter als 16 geworden ist. Und die Briefe seiner Freunde, die seinen Namen auf einen Stein geschrieben haben. Ich merkte plötzlich, wie schwer mir das Weiterlaufen fiel. Ich änderte meine Laufrichtung und lief durch die Stadt. Vorbei an kleinen Geschäften, durch winzige Gassen, und auf dem Berg hoch oben immer die mächtige Plassenburg. Und immer wieder die Frage, was wohl mit Jens war. Und plötzlich vergaß ich die Zeit. Meine GPS Uhr zeigte sachliche 25 Kilometer an, als ich wieder vor Matteos Pension stehe. Matteo, ein freundlicher Italiener, lächelt mich an. „Mike, Espresso?“. Mike nimmt einen Espresso. Einen vierfachen! Nach diesem Urban Run dringend notwendig. In den Knien und in den Knochen nicht nur Asphalt. Sondern auch noch jede Menge Kopfsteinpflaster und Gedanken an das Leben.
Die nächsten Tage führten mich durch Frankfurt am Main, Köln und wieder Frankfurt. Und obwohl ich beide Städte mehr als gut kenne, sehe ich sie plötzlich mit ganz anderen Augen. Überall sind Geschichten zu finden. Und täglich neue Geschichten. Und ich habe mir vorgenommen: Gerade in den Städten, die ich eigentlich gut kenne – dort will ich gerne immer wieder andere Wege laufen. Und egal in welche Stadt mich mein Job bringt: Immer, immer werde ich meine Laufschuhe dabei haben. Und immer werde ich mir die Stadt neu erlaufen. Und weil ich so ein verrückter Fuchs bin, werde ich die Aufschreier ignorieren. Und trotzdem auf dem Asphalt der Stadt laufen. Und wisst Ihr was? Wenn Ihr demnächst einen verrückten Kolumnen-Kleiß in Eurer Stadt laufen seht, wisst Ihr was? Ich wäre euch sehr verbunden, wenn Ihr mitlauft. Und mir ein wenig die Stadt zeigen würdet. Und mit mir den Asphalt zum Schmelzen bringt.
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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