Mike Kleiss – Das neue Laufen

So erkennt Ihr, ob Ihr laufsüchtig seid!

Kann Laufen süchtig machen? Was sagt die WHO dazu? Und was sagt unser Laufexperte und Kolumnist Mike Kleiß dazu? Fragen über Fragen. Hier werden sie beantwortet. Wie so oft: Mit ner Spur Humor und Bissigkeit. Perfekt für den Sonntag.

Datum:
kleiss-29-11

Zuviel? Nicht jeder weiß, wo seine Grenze liegt und manch einer kann gar nicht mehr aufhören.

Ganz klarer Fall, also...ich muss mir keine Sorgen Machen. Ich auf gar keinen Fall. Ich laufe täglich 20 Kilometer. Das mache ich ganz locker. Ich fühle mich nicht kaputt. Ich lasse mich jedes Jahr komplett durchchecken. Das tägliche Laufen ist meine Art der Meditation. Mehr ist es nicht. Gut, ich laufe 5-6 mal Marathon im Jahr, und noch so den ein oder anderen Ultra Marathon, alles in echten Wettkämpfen gerechnet, könnte mit Training ein bisschen mehr sein. Ein bisschen. Dazu eventuell noch den ein oder anderen Spaßlauf. Ein paar Hindernisläufe, manchmal. Aber laufsüchtig? Ich? Auf gar keinen Fall. Ich laufe einfach. Einfach aus Gesundheitsgründen. Schließlich will man ja nicht verfetten. Damit kenne ich mich aus. Das möchte ich nun wirklich nicht mehr. Aber süchtig? Nein, echt nicht. Lächerlich. Dann könnte ich mich ja gleich für den Bund der anonymen Laufoholiker anmelden. Freunde, wo kommen wir denn da hin?
Es gibt keine Laufsucht. Gäbe es die WHO nicht.
Außerdem mal Klartext. Es gibt doch gar keine Laufsucht. So wie es Bielefeld gar nicht gibt. Also. An dieser Stelle kann die Kolumne für heute enden. Und wir laufen einfach weiter. Gut? Ah, okay, Ihr habt die Headline gelesen. Und...Ihr seid eventuell betroffen. Sonst hättet Ihr die Headline ja nicht gelesen. Und Euch entschieden, mal ein wenig weiter im Text zu gehen. Vielleicht habt Ihr ja ein Problem? Das tut mir leid. Ich habe so was ja nicht. Aber gut, gut. Gehen wir mal wissenschaftlich an die Sache ran. Diplom Psychologe Laszlo Pota vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) hat vor kurzem öffentlich gesagt: „Wer regelmäßig ein Rauschmittel konsumiert, ist laut Definition der WHO süchtig.“ Und weiter: „Abhängig ist, wer nicht über längere Zeit, etwa eine Woche, auf etwas verzichten kann“. Also, ich kann locker bis zum nächsten Tag auf das Laufen verzichten. Und Ihr so? Schafft Ihr auch, oder?
4 Kriterien der Laufsucht. Ihr müsst jetzt stark sein.
Gut. Dann sind wir ja alle fein raus. Wir sind auf keinen Fall suchtgefährdet. Schauen wir uns einmal die 4 Kriterien der WHO an, an denen die echte Sucht laut der Gesundheitsorganisation festgemacht werden kann:
1.) Ein unbezwingbares Verlangen, zur Einnahme und Beschaffung des Mittels.
Also, ich stehe jeden Morgen auf. Beschaffe mir meine Laufsachen, nehme einen Kaffee, und zwinge mich an die frische Luft. Wie geht es Euch so? Ich bezwinge mich quasi selbst! Damit ich überhaupt laufen kann. Auch während des Laufens bezwinge ich mich immer wieder. Um das alles durchzuhalten. Von Sucht kann hier nun wirklich nicht die Rede sein.
2.) Eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung)
Am Anfang wollte ich immer mehr laufen. Das war am Anfang. Als das Laufen noch neu war. Einen Marathon im Frühling, einen im Herbst. Und die Zeiten mussten immer besser werden. Damals wäre ich fast süchtig geworden. Heute sind es am Ende eines Jahres, rechnet man die Trainingskilometer mit, so um die 150 Marathons im Jahr. Aber ich will ja nicht mehr immer schneller werden. Deshalb: Dosissteigerung? Sucht? Nein. Auf gar keinen Fall. Scheidet bei mir aus. Wie ist das bei Euch? Seid Ihr auch so intolerant wie die WHO? Von wegen Toleranzerhöhung. Die WHO sollte viel toleranter mit uns normalen Läufern sein, finde ich.
3.) Die psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge
Spätestens hier ist ganz klar: Das Suchtfaktor gilt nicht. Also für mich nicht. Ich merke keine Wirkung. Für mich gehört das Laufen dazu. Wie das Zähneputzen. Was denn für eine Wirkung? Wovon sprechen die bei der WHO? Also, ich merk nichts mehr. Wenn das stimmen würde, was die WHO so sagt, dann würde ich ja auch mal Schmerzen spüren. Die hab ich aber nicht. Ich merk gar nichts mehr. Und Ihr so?
4.) Die Schädlichkeit für den einzelnen und/oder die Gesellschaft
Die WHO ist doch wirr. Jetzt ist das Laufen auch noch schädlich? Für den einzelnen Läufer? Hallo? Ich habe 45 Kilo abgenommen. Ich habe Blutwerte wie mit 20 nicht. Mein Herz ist tip top. Ich habe einen Ruhepuls von 38! Und jetzt kommt mir ne Gesundheitsorganisation und sagt, das sei schädlich für mich? Wir Läufer schaden also uns selbst. Nee, is klar. Und wir schaden der Gesellschaft. Hallo? Wir sind die, die zwar eine Krankenkasse haben, sind aber gleichzeitig die, die nie krank sind. Im Gegenteil. Weil wir so verdammt gesund sind, zahlen wir den Dauerkranken die Behandlung mit. All denen, die durch das Rauchen und durch falsche Ernährung und Übergewicht Folgeerkrankungen provozieren. Und dann wird uns also Schädlichkeit für die Gesellschaft unterstellt. Nur weil wir vielleicht jeden Tag etwas für die Gesundheit und somit auch etwas für die Gesellschaft tun. Na, vielen Dank auch.
So, Ihr wolltet es ja unbedingt wissen. Also, ob Ihr nun laufsüchtig seid oder nicht. Seid Ihr nicht, oder? Wie ich. Ich auch nicht. Aber, ich habe mich jetzt gerade in Rage geschrieben. Ich muss mal Dampf ablassen. Ich geh mal laufen.
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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