Komme ich wohl durch?

Selbstversuch Xletix-Hindernislauf: Lasst mich bitte nicht hängen!

Allein tritt Autorin Wibke Roth bei der Xletix-Challenge an, schreit Wohhaaaaa und will wissen, ob sie allein bleibt oder ob ihr – so wie es in den Werbevideos aller Hindernisläufe gezeigt wird – jemand unter die Arme greift, wenn sie Hilfe braucht.

Datum:
Wibke Roth

Um überhaupt starten zu können, musste Autorin Wibke Roth erst über eine Wand klettern.

Einschätzung
der Redaktion

Fazit: Das müssen Sie wissen

Dieser Hindernislauf hat richtig viel Spaß gemacht. 79 Euro für die S-Distanz ist mir persönlich zwar immer noch zu viel Geld für einen Start, aber wenn du früher buchst, zahlst du weniger. Bei 39 Euro geht es los. Wertvoll ist so ein Event jedoch allemal. Da steckt viel Arbeit drin. Meine beiden Mitläuferinnen haben für diese Veranstaltung sogar noch Fahrtkosten von über hundert Euro in Kauf genommen. Sie haben früher gebucht und nach eigenen Angaben 54 Euro für das Event bezahlt.

Pro

  • Du schaffst viel mehr, als du glaubst
  • Du triffst viele nette und hilfsbereite Menschen
  • Das Ambiente gleicht einem Festival
  • Es gibt Trainingspläne zur Vorbereitung

Kontra

  • Eine Wasserstation mehr und eine Banane zwischendurch wären toll gewesen
Gelsenkirchen, Nordsternpark. In dem Landschaftspark auf dem Gelände der gleichnamigen ehemaligen Zeche brennt die Sonne. 35 Grad ist es heiß und es ist voll und laut. Eben kommt eine Gruppe grün angemalter Menschen an mir vorbei: Hulks. Es folgen Athleten als Ärzte oder als Krankenschwester mit roten Highheels verkleidet. Der Nordsternpark, der die Gelsenkirchener Stadtteile Horst und Heßler verbindet, wird hier vom Rhein-Herne-Kanal und der Emscher geteilt. Normalerweise zerstreuen sich die Besucher auf dem riesigen Gelände.

Es gilt, 6.500 Schweinehunde zu schlagen

An diesem Tag ist der Park ein Areal, um den inneren Schweinehund zu überwinden und um - so suggerieren die Werbefilme - Menschen zu Teamplayern zu verbinden. Durch einen Container voller Schlamm kannst du dich ja vielleicht noch alleine suhlen, aber wenn du über eine drei Meter hohe Holzwand klettern willst, brauche zumindest ich Hilfe. Ich trete um 11 Uhr als eine von rund 6.500 Läufern an, trage ein pink-farbiges Bändchen, ein Stirnband mit Teilnehmernummer und kenne zum Starttermin niemanden außer meinen Fotografen-Kollegen. Doch der wird mir auch nicht helfen können, wenn ich die 15 Hindernisse überquere. Der schwitzt schon, um mich rechtzeitig an drei verabredeten Stationen zu erwischen.
Woohaaa gehört dazu: Posing vor dem Lauf

Vorher kann ja jeder stark tun: Also brülle auch ich Wooohaaa in die Kamera, obwohl kein Ton dabei ist.

Nadine Reichmuth, Caro Töpfer und Wibke Roth

Ich bin zwar allein angetreten, habe aber schon am Start ein Team gefunden: die Schweizerin Nadine Reichmuth (22) und Caro Töpfer aus Berlin (27) luden mich spontan ein, mit ihnen zu laufen (v. links).

Ich behalte dich im Auge!

Ich stehe also im Start-Bereich, schaue mich nach anderen Menschen mit pinken Bändchen um: Pink bedeutet heute S-Distanz (6-8 Kilometer). Es gibt auch noch Challenger mit andersfarbigen Bändchen für die M- beziehungsweise L-Distanz (2-16/18-26 Kilometer). Ich mache einen Mann ausfindig, dem ich förmlich androhe, ihn im Auge zu behalten. Er lacht. Ich auch. Puh. Ob ich jetzt vielleicht nervös werde? Ob ich ihn im Auge behalten kann, wird sich in dem riesigen Pulk zeigen. Dann gesellen sich zwei junge Frauen zu mir. Sie tragen pink. „Lauft ihr auch die S-Strecke?", frage ich rhetorisch. „Ja. Bist du allein? Willst du mit uns zusammen laufen?" Was für eine Frage: „Ja, sehr gern." Und zack: wird aus dem Duo aus Luzern und Berlin ein Trio.

Woooohaaaa!!!

Die Schweizerin ist nach Angaben ihrer Kollegin "krass fit". Die Berlinerin, die ursprünglich aus Köln kommt, trainiert zwei Mal pro Woche Crossfit und läuft cirka einmal pro Woche. Wir haben drei Dinge gemeinsam: Die Lauf-Premiere, die Hitze und den Respekt vor den Hindernissen. Dann machen wir uns gemeinsam mit dieser von insgesamt 17 Start-Wellen warm. Ein Presenter steht oben zusammen mit einem Fitness-Trainer und wir hüpfen uns gemeinsam noch wärmer, rufen im Takt "Woooohaaaa". Das ist xletisch für Aufbruch, Wahnsinn und Stimmung. Ein paar Regeln für den Notfall bekommen wir auch. Dann geht es los.
Dadrüber? Da kann wirklich nur noch ein Wunder helfen...

Da soll ich drüber? Da kann wirklich nur noch ein Wunder helfen ...

Helfende Hände

... oder helfende Hände. Ich schaffe dieses Wunder tatsächlich: mit meiner Kraft, zwei Räuberleitern - eine unten, dann hochziehen, dann eine weitere oben, Gleichgewicht halten, dann Bein drüber. Wohaaaa.

Ganz schön hoch, die Wonderwall!

Am Rand stehen Gassi-Geher und Familien nehmen an schattigen Plätzchen Platz, machen ruhrgebietstypisch Picknick oder geben kumplige Kommentare. Natürlich werden die Teilnehmer von ihren Freunden und Partnern angefeuert. Und nachdem ich auf allen Vieren unter Draht durchgekrabbelt bin, stehe ich vor der Wonderwall. Ich gehe ran. Klettern geht an dieser nackten Holzwand nicht. Oben auf der anderen Seite taucht plötzlich ein Mitläufer auf. Nadine bietet mir Räuberleiter an. Und der Rest am ersten Hindernis: läuft.

Safety first

Wir feiern uns. Im Team macht das natürlich echt Spaß. Wir sind uns einig, dass wir die 15 Burpees – als Strafe für Hindernisverweigerung – nur zur Not machen wollen. Not heißt für uns Safety und Gesundheit first. Also lieber richtig einschätzen und aufhören, als verletzt mit Sonnenstich weg. Mit dieser inneren Einstellung scheind es fast perfide, dass wir anschließend konsequent Sandsäcke im Zenit der Sonne auf die Halde schleppen, und über Autoreifen im Container stapfen. Da freue ich mich förmlich auf die nächste Station: Das Eisbad.

Tauchen im Eisbottich

An meiner Technik, um unter dem Hindernis im Eiswasser durchzutauchen, muss ich definitiv noch arbeiten. Auf dem Rücken, mit zugehaltener Nase, funktioniert es jedenfalls nicht. Es gilt wie bislang: Augen zu und bauchlings durch. Ein kurzer Zwischenstopp und eine Getränkepause wird jetzt angeboten und muss jetzt auch sein.
Einmal eiskaltes Bad, bitte! Danke!

Brrrrrr. Beim Durchtauchen des ersten Beckens dachte ich noch: erfrischend. Beim zweiten musste ich dann die Luft anhalten, weil sich alles in mir zusammenzog.

Anlauf nehmen, rennen, hochsprinten, Arme ausstrecken...

Die Pipe: Anlauf nehmen, rennen, hochsprinten, Arme ausstrecken ... und dann hoffen, dass dir jemand hilft ...

An der Pipe darf niemand hängen gelassen werden.

... und selbst dann ist es anstrengend.

Die schwarze Power-Pipe

Nass stehe ich ein paar Minuten später vor der Power-Pipe: Die hat es mit ihren 4,5 Metern Höhe echt in sich. Was bleibt mir übrig, als die Sonnenbrille abzunehemen und loszusprinten: Wohaaaaaa! Und dann, als ich gerade dachte, dass ich an meiner Rücken-/Schulter- und Armmuskulatur echt noch arbeiten muss, ziehen mich vier Arme nach oben.

Wenn du es bis hierhin geschafft hast ...

Dabei die beruhigenden Worte: "Wenn du es bis hierhin geschafft hast, hast du es geschafft!" Als ich mit der Hüfte über der Reeling liege, glaube ich es; und ich bedanke mich mindestens dreimal aus tiefstem Herzen. Meine beiden Mädels haben es nicht geschafft und vernünftigerweise abgebrochen. Links neben der Pipe liegt ein Verletzter. Nach Angaben des Veranstalters sei jedoch am gesamten Tag nichts Schwerwiegendes geschehen. Zwei Abtransporte, einer mit Verdacht auf Rückenverletzung und eine Platzwunde am Kopf. Sie machen 15 Burpees, ich zähle.

Wo geht es lang?

Wir genießen die schattigen Abschnitte, die uns die Haldenlandschaft immer wieder bietet, vermissen hinter dem Aufstieg der Pipe einen Wasserstand oder eine Banane. Gemeinsam kommen wir mit anderen Läufern ins Gespräch. Wir sind uns zwischendurch nicht sicher, ob wir jetzt hätten links abbiegen sollen, oder ob wir sonst den L-Weg laufen. Da waren zwar zwar Pfeile, aber keine Hinweise am Wegesrand. Da bei so vielen Läufern aber immer einer weiß, wo es langgeht, läuft es wie in der Fahrschule: immer geradeaus, solange keiner was sagt. Und da fällt uns allen auch wieder der Streckenplan ein. Der wurde dieses Mal nach Angaben einer Mitarbeiterin nicht in gedruckter Version ausgegeben, um den Müll vor Ort zu vermeiden.

Rutschen fällt ins Wasser

Wir balancieren noch über Netze, Balken, tauchen auf dem Rücken liegend unter Hindernissen hindurch, ziehen zu Dritt einen Autoreifen hoch, nehmen ein Seifenblasen-Bad, müssen nur die Wasserrutsche ausfallen lassen; die war vorübergehend gesperrt.

Ziel!

Nachdem wir durch den Schlammcontainer durch sind sehen wir das Ziel vor Augen: Das erreichen wir grinsend und recht entspannt nach rund einer Stunde und 20 Minuten. Doch das ist mit Blick und die überwundenen Hindernisse Nebensache. Wir haben es geschafft. Und ab sofort habe ich einen Hindernislauf erlebt und nicht nur darüber geschrieben.
Wohaaaaa-Zielprost: Unser alkoholfreies Weizen haben wir uns

Wohaaaaa-Zielprost: Unser alkoholfreies Weizen haben wir uns verdient - wir haben es geschafft! Merci, Mädels!

Veranstalter Jannis Bandorski hat schon verraten, dass er 2017 nicht nur in der Rhein-Main-Region (April) und in Berlin (Mai) starten will. Er hat auch wieder den Ruhrpott im Visier.
Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.

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