Mike Kleiss – Das neue Laufen

Mike Kleiss: „Hört auf zu posen. Werdet Lebensläufer!“

Klare Ansage von evivam Laufkolumnist und Experte Mike Kleiss. Wearables sind viel, aber nicht alles. So kann man es auch sehen.

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Frau macht Yoga

Eine schöne Frau vor malerischem HIntergrund - dopch um Posen sollte es beim Laufen nicht gehen, findet Mike Kleiss.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bekenne mich. Ich finde Selfies ganz witzig, ich mag Tablets, ich finde Smartphones eine tolle Erfindung. Das alles gehört zu unserem Leben, auch Facebook- ob man es mag oder nicht- hat eine wichtige Rolle innerhalb der Kommunikation übernommen. Und es ist auch wahr, dass Online Print abgelöst hat. Alleine diese Kolumne lesen so sicher mehr Menschen, als würde sie „nur“ in Printform erscheinen. Unsere Gewohnheiten, auch die wie wir mit der Mediennutzung umgehen, hat sich deutlich geändert. Auch was das Laufen angeht. Soweit so gut.

Laufen wir doch einfach gleich nackt!

Ich finde es wichtig, dass man sich für das Laufen Ziele setzt. Und es ist ganz sicher witzig und gesund, bei Wettbewerben an den Start zu gehen. Es macht durchaus Sinn, dass wir uns Motivation holen, indem wir über unsere Leistungen sprechen. Und wenn es eine App sein muss, dann ist es eben eine App. Aber- merken wir eigentlich noch etwas? Die „Ich teile was das Zeug hält, ich teile jeden einzelnen Lauf“- Mentalität nimmt Formen an, da wird die Debatte um den Nacktscanner einfach nur noch albern. Wir machen uns im Grunde ständig nackig und finden das auch noch sehr sehr super. Supergeil, quasi. Fast wie der Mann im Trenchcoat im Park. Nur wird der dafür bestraft, wenn er erwischt wird.

Wir posten schneller als wir laufen können

Die sozialen Netzwerke werden geflutet mit Läuferdaten. Wir zeigen per Karte die Strecke an, die wir gelaufen sind. In welcher Zeit wir diese gelaufen sind. Wieviele Kalorien wir verbrannt haben, wie der Trainingseffekt war. Wir stalken andere Läufer, und wollen auch so schnell werden wie sie. Wir messen uns an anderen, im Netz hat ein völlig kranker, virtueller Kampf begonnen. Die größte Weltmeisterschaft überhaupt. Online. Die größte Weltmeisterschaft der verdammten Eitelkeiten.
schlanke frau läuft

Schlank ja, dürr nein: Mike Kleiss warnt vor Übertreibung, um täglich neue Ziele zu erreichen.

„Hallo, wie kann ich meine Geschwindigkeit steigern? Wer hat dafür Trainingspläne? Oder Techniken“, fragt Joe aus Frankfurt. Und erhält in 10 Minuten über 80 „Expertentipps“. Jana aus Erfurt postet täglich ein Foto von ihrer Uhr. Und sie ist stolz, dass sie immer wieder ihre Zeiten nach unten drückt. Selfies von halb verhungerten Menschen schwirren in Läuferforen herum, die noch mehr abnehmen wollen, um noch besser und schneller zu werden. Öffentlich werden diese Fotos gepostet, und eine ganze Community jubelt und schaut zu, wie sich ein Läuferkollege in die Magersucht joggt. Und dann postet Markus aus Potsdam ein Foto von sich. Er ist in High Heels bei einem Lauf gestartet. Es scheint ihn, sagen wir...sexuell weitergebracht zu haben. Und er erntet tosenden Applaus der Gemeinschaft. Und eventuell wird ihn heute sein Chef darauf ansprechen. Und ihn fragen, wie er sich die weitere Zusammenarbeit so vorstellt. Darüber hat sich Markus sicher beim Posten keine Gedanken gemacht.

Wo ist der Spaß? Wo sind die Lebensläufer?

Nein. Nein. Nein. Das hat nichts mehr mit dem normalen Posen zutun. Nochmal: gegen das Posing ist grundsätzlich nichts zu sagen. Das Posing ist so alt wie der Sport. Und bis zu einem gewissen Grad auch total legitim. Die Fussball Weltmeisterschaft ist voller Poser. Für 4 Wochen alle auf einem Haufen. Christiano Ronaldo, Mario Balotelli, selbst die zu engen Hemden von Löw und Hansi Flick sind ein Posingfaktor par excellence. Und wir freuen uns drüber, wir lachen drüber, es ist Teil der Show. Bei den oben beschriebenen Beispielen hört der Spaß leider auf, finde ich. Ich vermisse den Spaß. Ich vermisse eine gesunde und gute Haltung zu unserem Sport. Von mir aus nennt mich ab sofort den Spießer-Kolumnen-Kleiß, aber: Ja, ich vermisse die Werte des Laufens. Ich vermisse die Lebensläufer unter den Läufern. Die, die mit Spaß, Mut und vor allen Dingen der richtigen inneren Haltung laufen. Die, die nicht brüllen müssen, die das Posing hinter sich haben. Lebensläufer sind die wirklich „coolen Säue“. Die, die die leisen Töne mögen. Und einfach laufen. So wie Dieter Baumann. Er war einer der erfolgreichsten Langstreckenläufer Deutschlands. Und in einem wunderbaren Interview (http://www.weser-kurier.de/sport/region/delmenhorster-kurier66_artikel,-Baumann-Grosse-Freude-daran-langsam-zu-laufen-_arid,878124.html) hat er einen einfach richtigen Satz gesagt: „Ich bin ein Lebensläufer. Ohne das Laufen geht es nicht. Ich laufe fast jeden Tag. Das ist für mich ein Wohlfühl-Programm. Ich sage immer: „Das Laufen gönne ich mir.“ Natürlich bin ich in dem Sinne jetzt ein Freizeitläufer. Nur weil ich irgendwann mal zufällig schnell gelaufen bin, muss das ja nicht lebenslänglich so sein. Ich habe große Freude daran, langsam zu laufen. Bitte erwartet nicht mehr, dass ich irgendeinen schnellen Schritt mache. Diese Zeit ist vorbei.“

Ziele haben und erreichen

Alleine in diesem Satz steckt genau die Haltung, die wir brauchen. Wir dürfen und müssen stolz sein. Darauf, dass wir uns Ziele stecken, sie erreichen. Darauf, dass wir uns täglich bewegen, und mit Spaß. Darauf, dass wir ein Leben lang Freude am Laufen haben werden. Es geht eben nicht um das „Höher, schneller, weiter“. Es darf gerne einfach auch langsam sein. Mit Würde. Und das ist durchaus ein fettes Posing wert. Aber vielleicht nicht aufdringlich per Foto und Täterä. Vielleicht reicht auch ein einfacher Satz. Die Lebenslauferei hat übrigens viele tolle Gesichter. Gesichter, die viel öfter ein Posing verdient hätten. Wie zum Beispiel die Lebensläufe der Welthungerhilfe (http://www.welthungerhilfe.de/sportlich-aktiv.html). Seit 1996 laufen Menschen gegen Armut und Hunger. Das laufen hat den Anfang gemacht, es sind bereits andere Sportarten dazu gekommen. Jeder einzelne Helfer hätte viel und mit Recht zu posen. Diese stillen Helfer tun es aber nicht. Weil sie es einfach für sich tun. Und für die, denen sie helfen wollen.
Während die Poser in den sozialen Netzwerken ihrem „Lauf des Lebens“ hinterher hecheln, sind die Lebensläufer die wahren Läufer. Und sie verdienen unseren absoluten Respekt. Haile Gebrselassie, Äthiopier und wohl einer der Superstars unter den Langstreckenläufern wurde einmal gefragt, was wir Deutschen von den Äthiopiern wohl lernen können. Kurz und knapp fiel seine Antwort aus: „Geduld!“
Lebensläufer haben Geduld. Lebensläufer laufen für sich selbst. Lebensläufer laufen ohne Posing, aber mit Haltung. So geht das neue Laufen!

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