Die neue Kolumne auf eVivam

Mike Kleiss – das neue Laufen: Echte Läufer laufen mit Pulsuhr!

Diesmal gibt unser Kolumnist Mike Kleiss seine Sichtweise zu Pulsuhren und deren Nutzung preis – wie immer mit deutlichen Worten zum Schmunzeln oder Aufregen. Viel Spaß dabei!

Datum:
Jogging mit Pulsuhr

Laufen ohne Pulsuhr – für Mike Kleiss keine gute Idee.

Ich kann es nicht mehr hören. Jeder, aber auch wirklich jeder erfahrene Läufer ist sich sicher, dass er genau weiß, wie sein Herz tickt. Wie oft sein Herz unter welcher Belastung und Geschwindigkeit schlägt. „Ich weiß schon, ich fühl’ schon, wie schnell ich bin, wie hoch der Puls ist“, diese Antwort ist völliger Standard, wenn man die Gewissenfrage stellt: „Läufst du mit oder ohne Pulsuhr?“
Und ich frage mich: Warum immer und immer wieder dieser falsche Stolz? Fast könnte man meinen, dass eine Pulsuhr nur etwas für Laufanfänger ist. Dass sie per se unsexy ist und im Grunde nur etwas für Weicheier und Kontrollfreaks.

Bio über alles – warum vergessen wir das Herz?

Läufer investieren in Laufschuhtests, in teure Laufklamotten. Bei der Ernährung kauft man natürlich gerne Bio. Und wenn man ein richtiger Hipster ist, kauft man seine veganen Lebensmittel nur im Reformhaus. Dazu ein veganes Laufbuch. Das Teuerste und qualitativ Hochwertigste ist dem Läufer gerade gut genug. Läufer lassen keine Laufmesse aus, um sich mit den neuesten, oft teuren Trends einzudecken. Jeder Läufer hat den Keller voll Nahrungsergänzungsmittelchen, die noch schneller machen sollen. Für noch mehr Muskeln sorgen. Den Körper bestens mit allen Vitaminen und Mineralien versorgen. Und das, was uns antreibt, das Herz, bleibt komplett auf der Strecke. Warum ist das so? So schaue ich ebenso wie du immer und immer wieder in ein tiefes und schwarzes Loch der Läuferunwissenheit.

Die herzige Geschichte mit Lilly

Fakt ist: Es gibt Läufer, die seit Jahren mindestens dreimal die Woche auf die Strecke gehen. Und sich wundern, dass sie sich nicht verbessern. Und sie sind sich sehr, sehr sicher, dass sie alles für ihre Gesundheit tun. Denn sie laufen ja. So wie meine Bekannte Lilly. Lilly ist eine Bilderbuchläuferin. 1,75 m groß, gertenschlank, top Figur, Beine bis zum Himmel, achtet auf ihre Ernährung, schläft ausreichend. Lilly ist ein Sonnenschein und wirkt top gesund. Ihr Arzt hat ihr dringend geraten, etwas dafür zu tun, den Kreislauf zu stabilisieren. Auch aus diesem Grund läuft sie. Seit Jahren. Ich hatte immer einen Verdacht. Wie so oft. Denn Lilly läuft seit Jahr und Tag ohne Pulsuhr. Und auch bei ihr ist klar: Sie weiß, was die Uhr geschlagen hat. Es hat lange gedauert, bis sie sich auf einen kleinen Test eingelassen hat. Und der war recht einfach. Sie ’ne Pulsuhr, ich ’ne Pulsuhr. Sie den Polar V800, ich den M400. Beide Uhren sind mit GPS ausgerüstet, über beide Uhren ist es möglich, recht genaue Daten über den Trainingsverlauf zu bekommen. Bereits vor dem Loslaufen bekam Lilly einen Schreck. Schon ihr Ruhepuls lag bei 100! „Mike, ich hab 100, was hast du?“, flüsterte sie. „45, Lilly, aber das kann man nicht direkt miteinander vergleichen“, beruhigte ich sie zunächst. Ich laufe täglich, ich laufe Marathon, es gibt sicher tausend Gründe, die einen Unterschied machen. Fakt ist aber, dass es einen Grund gibt, dass Lillys Arzt ihr dringend geraten hatte, den Kreislauf zu stabilisieren. Bereits nach 2 Kilometern machten wir erneut den Pulsvergleich. „Mike, ich hab 179, und du?“, fragte Lilly unsicher. „Ich? So 116!“
Wir liefen konstant in Lillys Wohlfühltempo! Und Lilly kam nicht unter 175 Puls. Sie fühlte sich völlig okay. Aber Lilly war durchaus erschrocken darüber, dass sie seit Jahren sehr, sehr sicher war, ihr Puls sei beim Laufen völlig in Ordnung. Am Ende unserer 9-km-Runde zeigte ihr V800 an, dass sie gerade ein Maximaltraining absolviert hatte. Laut meiner M400 war es bei mir ein Basistraining. Noch mal: Sicher sind wir kaum miteinander vergleichbar. Fakt ist aber: Lilly schafft in der Woche alleine mit dem Laufen drei Maximaltrainings, ohne es zu wissen. Irre! Ich wiederum möchte gar nicht wissen, wie hoch ihr Puls beim Spinning im Fitnessstudio ist. Ich schätze, so um die 220! Lilly hat ein riesengroßes Herz. Für jeden und alle. Aber es ist sicher nicht groß genug, um diese Strapazen ständig durchzuhalten. Nun weiß sie Bescheid. Und ich bin mir sicher, sie wird in Zukunft anders trainieren, wird lange Läufe machen, bei niedrigem Puls, auch wenn sie fast gehen muss. Denn nur so kann sie ihren Puls langsam nach unten steuern. Und nur so stabilisiert sie ihren Kreislauf.

Warum Pulsuhren Leben retten können

Im Grunde ist es völlig egal, welche Pulsuhr du trägst. Jeder Hersteller hat seine eigene Community. Jede Uhr hat ihre Fans. Ob Garmin Fenix 2, Suunto Ambit oder Tom Tom, jeder Läufer wird sicher sein Modell finden. Wenn man sich einmal an den sportlichen Charakter dieser Trainingscomputer gewöhnt hat, sehen sie nicht nur gut aus, sie können sogar Leben retten. Ein enger Läuferfreund von mir wunderte sich vor Kurzem darüber, dass seine Pulsuhr komische Sachen machte. Bereits nach einigen Kilometern knallte sein Puls in Richtung 230. Und das bei einer Geschwindigkeit, bei der er in der Regel nie über 130 hinaus kam. Er fühlte sich jedoch im Grunde in Ordnung. Dennoch ging er zum Arzt. Es wurde ein Herzkammerflimmern festgestellt, welches – wenn es dumm läuft – zum Herzstillstand führen kann. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn er nicht einer dieser erfahrenen Läufer wäre, der sich nicht wie eine Pussy fühlt, nur weil er einen Herzmesser trägt. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was ohne Pulsmesser hätte passieren können. So hoffe ich, dass wir eines Tages wieder gemeinsam laufen können.
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Auf die Gesundheit achten – für Mike Kleiss das Wichtigste beim Laufen.

Bei meinem letzten Marathon in Frankfurt lief ich natürlich wieder mit Pulsuhr. Ich habe vor einiger Zeit einmal beschrieben, was für ein Desaster dieser Marathon für mich war. Um es klar zu sagen: Vor 20 Jahren lief ich meist ohne Pulsmesser. Und wäre ich noch so läufernaiv wie vor 20 Jahren, so wäre ich beim Frankfurt Marathon ebenso zusammengebrochen wie viele Läufer, die ich in der Bankenstadt sah. Die sich an der Leitplanke übergaben oder gar mit dem RTW abtransportiert werden mussten. Sie alle hatten keine Uhr, und alle hatten natüüürlich ein Gefühl für ihren Puls. Auch ich hätte weitergepowert, obwohl ich ab Kilometer 21 eigentlich fertig war. Hätte ich keine Pulsuhr dabei gehabt. Ich kam durch. Weil ich sah, dass mein Puls bei 189 lag. Weil es an diesem Tag einfach so war. An einem anderen Tag wäre er vielleicht nur bei 160 gewesen. Und genau dahin drehte ich ihn zurück. Um gesund durchzukommen. Auch wenn die Bestzeit so nicht erreicht werden konnte.
Also: Seien Sie klüger als Woody Allen, der einmal sagte: „Das Schwierigste am Leben ist es, Herz und Kopf dazu zu bringen, zusammenzuarbeiten. In meinem Fall verkehren sie noch nicht mal auf freundschaftlicher Basis.“

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