Die neue Kolumne auf eVivam

Mike Kleiss: „Das neue Laufen“ – Vergiss die Zeit, liebe das Leben!

Ab heute findet Ihr, liebe Leser, jetzt regelmäßig die Kolumne von Laufexperte Mike Kleiss, der euch seine Sicht der Dinge kundtut – deutlich, unverblümt und mit Humor. Viel Spaß dabei!

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Mike Kleiss

eVivam-Kolumnist Mike Kleiss hat ganz eigene Gedanken zum Volkssport Laufen.

Ich kämpfe gerade für eine neue Haltung zum Laufen. Zu einer neuen Lebenseinstellung für viele, die laufen. Oder damit beginnen wollen. Und diese neue Einstellung könnte ein Trend werden. „Es geht um das neue Laufen!“, über das ich ab sofort hier bei eVivam schreiben darf. „Das neue Laufen“ meint im Groben: Weg mit Zeitendruck, weg mit dem Wettkampfgedanken, weg mit Plänen und Tabellen. Wir müssen wieder für mehr Spaß beim Laufen kämpfen. Wir müssen die Gesundheit und den Spaß in der Vordergrund stellen, und Achtsamkeit und Vorsicht predigen. Mit Respekt vor dem eigenen Körper. So habe ich mein Buch „More Power – Lauf Dich frei“ geschrieben, so schreibe ich seit einem Jahr immer wieder über das Laufen. Und weil ich über das „Neue Laufen“ schreibe, und nicht der nächste Superexperte bin und sein will, deshalb hören mir ab und zu Menschen zu. Und finden (wieder) Lust am Laufen. Jeder Mensch läuft anders. Bei jedem läuft es anders. Alles was ich tun kann, ist dich zu motivieren. Mit dem Laufen zu beginnen, wieder zu beginnen. Und dann ist auch schon viel gewonnen.

Die Zeiten des Marathons sind vorbei

Die gute Nachricht zuerst für alle Nicht-Läufer und alle die ambitionierten Läufer, die noch nie einen Marathon geschafft haben, nicht mal einen halben: Lauf-Deutschland befindet sich in einem sehr zarten Wandel. Es geht nicht mehr unbedingt um Zeiten, es geht nicht mehr um den perfekten Laufplan, um noch mehr Blood, Sweat & Tears. Plötzlich und sehr überraschend kehrt auf den Laufstrecken Ruhe ein. Man sieht mehr und mehr lachende Menschen beim Laufen. Die schmerzverzerrten Gesichter von einst entspannen sich langsam. Wer heute mit dem Laufen beginnen will, besorgt sich nicht mehr unbedingt Literatur, die verspricht, schnell und effektiv zum Marathon zu führen, inklusive dem totsicheren Ernährungsplan. Man greift heute eher zum neuen Murakami „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“. Seit zwei Jahren gibt es Marathonveranstaltungen, deren Teilnehmerzahlen rückläufig sind. Wer vor zehn Jahren Marathon lief, war ein Held. Bis vor kurzer Zeit galt: Wer läuft, und keinen Marathon schafft, ist vielleicht ein Jogger. Aber sicher kein Läufer.

Ärzte freuen sich. Die Einnahmen sind gerettet.

Die Leistungsgesellschaft hatte sich in der Läuferwelt eingenistet. Und wie ein Virus verbreitete sich der Leistungsgedanke in Millionen von Körpern. Sehr zur Freude von Orthopäden und der Laufsportindustrie. Wer viel und intensiv läuft, benötigt recht viel Material. Wer sich im Marathontraining befindet, verballert gut und gerne acht bis zehn Paar Laufschuhe übers Jahr. Holger Preuß von der Uni Mainz hat 2012 im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums eine Befragung durchgeführt. Demnach haben wir 19 Millionen Läuferinnen und Läufer in Deutschland. Ein unglaublich wichtiger Markt für die Wirtschaft. Ein heiß umkämpfter Markt. Lange zeigte die Tendenz immer weiter nach oben. Das Virus griff mehr und mehr um sich. Nun aber steht Lauf-Deutschland an einem gesunden Beginn der Neuordnung. Es ist endlich Zeit für die sensiblen und maßvollen Zwischentöne. Wer läuft, hat keine Lust mehr auf Druck. Davon haben wir im Job genug. Auf Zeit zu trainieren hat etwas mit „gegen die Zeit zu trainieren“ zu tun. Denn wer laufen will, muss sich dafür die Zeit nehmen. Und in unserem ganzen Leben geht es um Zeit, die wir nicht haben. Eines ist jedoch unstrittig. Deutschland bewegt sich zu wenig. Und wer laufen will, muss sich zunächst einmal bewegen. Auch im bildlichen Sinn. Diesen Trend hat auch die Laufsportindustrie mitbekommen. Und bei vielen Unternehmen findet, wie auch bei den Läufern und denen, die es werden wollen, eine komplette Umdenke statt. Endlich.

Die Hersteller von Wearables und Gadges denken um

Es ist die Zeit der Activity Tracker. Jener Fitnessarmbänder, die uns spielerisch und mit viel Spaß in Bewegung bringen sollen. Jeder, der sich für lifestylig und hip hält, trägt einen Activity Tracker. Klare Sache. Und wer gesund läuft und lebt, trägt eine Pulsuhr. Und achtet auf sein Herz, und auf das was es sagt. Garmin, TomTom, Polar, Adidas, und viele andere kämpfen um den Läufer, und nehmen dabei ihre Aufgabe durchaus ernst. Thomas Seifert ist Geschäftsführer von Polar Deutschland. Polar hat den Pulsfrequenzmesser 1975 erfunden. Was `75 noch ein großer Kasten mit viel Kabel auf dem Rücken des Läufers war, ist heute Hightech pur. Verbaut in GPS-fähigen Uhren. „Mit viel Ausdauer und Kraft ist es gelungen, in den letzten Jahrzehnten das herzfrequenzgesteuerte Training in der Gesellschaft zu etablieren. Was Anfang der 80er Jahre etwas Ungewöhnliches war, ist heute ein wichtiger Bestandteil des Sporttreibens. Heute wollen wir Menschen mit unseren Produkten motivieren, sich nicht nur im Sport, sondern auch im Alltag mit Spaß und Freude ausreichend zu bewegen. Mit dem Polar Loop Activity Tracker haben wir Alltagsbegleiter entwickelt, der „als Freund“ Tipps und Hinweise für einen gesünderen Lebensstil gibt“, sagt Seifert und ergänzt: „Der Spaß bleibt erhalten, der Läufer der mehr über sich erfahren will, kann das mit einem solchen Produkt. Kann, muss es aber nicht.“
Völlig neue Töne, egal wohin man hört.
Jogging

Spaß beim Laufen – für Kleiss die wichtigste Motivation.

Das richtige Maß finden. Nur darauf kommt es an.

Plötzlich geht es um Spaß, um Freiheit, um Gesundheit, um Bewegung. Und nicht mehr darum, dass jeder ambitionierte Läufer unbedingt einen Marathon laufen muss. Und das wurde allerhöchste Zeit. Denn: Es hatte sich ein komplett verzerrtes und überromantisches Bild der Marathonlauferei entwickelt. Die 42 Kilometer wurden als eine Art Krönung des Laufens gefeiert. Als Ritterschlag. Als Qualitätssiegel „besonders wertvoller Läufer“. Der Marathon nahm etwas wie eine Happy-End-Stellung ein. Ein gutes Ende, für ein langes Training. Wollen wir uns einmal kurz erinnern? Pheidippides hieß der sagenhafte Bote, der die Nachricht vom Sieg über die Perser nach Athen trug. 40 Kilometer hatte er hinter sich gebracht. Kaum hatte er die Nachricht überbracht, brach er tot zusammen. Alleine diese Legende hätte zu denken geben müssen. Und jeder, der läuft, und jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, sollte sich hier wieder besinnen. Wer die Haltung vertritt, ein Marathon sei gesund, hat einige wichtige Botschaften nicht oder falsch verstanden. „Das Gesunde am Marathon ist die Vorbereitung darauf.“ Diese These teilen alle die, die sich mit dem Thema bewusst und maßvoll auseinandersetzen. Sie stammt von Frank Mooren vom Institut für Sportmedizin der Uni Giessen. Das Marathontraining selbst hat wunderbare Effekte auf das Herz, Bänder, das Immunsystem. Wer moderat und maßvoll trainiert, stärkt sein Immunsystem, die Gelenke, Knochen und Muskeln. Der Marathonlauf selbst schwächt das Immunsystem, der Läufer ist nach dieser Belastung extrem anfällig für Infekte. Eine normale Schutzreaktion, damit wir unseren Körper nicht noch mehr belasten. Was uns aber besonders am Herzen liegen sollte, ist eben genau das selbige. Sorgen macht vielen Medizinern das Herz des Läufers. Das regelmäßige Lauftraining stärkt in der Tat das Herz und sorgt dafür, dass es ökonomischer schlägt. Fast alle Todesfälle beim Marathon beruhen aber auf dem Versagen des Herz-Kreislauf-Systems. Die Wissenschaft spricht hier oft und gerne von einer Art Marathon-Paradox. So paradox ist es jedoch gar nicht. Denn würden wir uns mehr und mehr wieder besinnen, so muss uns dringend auffallen: Auf das Maß kommt es an. Und in vielen Bereichen haben wir das Maß verloren. So ist es auch beim Laufen selbst. Wir müssen wieder auf unseren Körper hören. Er sendet im Grunde genügend Signale. Was für den einen gut ist, muss nicht für jeden gelten. Das „neue Laufen“ soll guttun. Nur das zählt!
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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