Mike Kleiss – Das neue Laufen

Laufen mit vier Pfoten – die Signale der Hunde

Unser Kolumnist und Laufexperte Mike Kleiß läuft zwar seit fast vier Jahren mit seinen Hunden. Immer wieder kommt es zu wunderbaren und sensiblen Situationen. Wie kürzlich in seinem Urlaub auf Korsika.

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Frau joggt mit Hund

Laufen mit Hunden, für Kleiss ein ganz besonderes Erlebnis.

In diesen Tagen ist Auszeit vom Job. Einsam in den Bergen. Nur die Hunde und ich. Und das Laufen. Es war ein anstrengendes Laufjahr. Und es hat sich einiges verändert. Seit beinahe vier Jahren rauchfrei, fast 50 Kilo weniger, und noch immer habe ich meine Hunde Spagna und Dante an meiner Seite. Auch hier auf Korsika stehen sie bereits freudig an meinem Bett, wenn der Wecker klingelt. Denn sie wissen: Der Irre wird sicher auch im Urlaub mit uns laufen. Jeden Tag. Es bleibt also alles wie es ist. Für die Hunde. Eigentlich. Mit dem Unterschied, dass es überall wilde Katzen gibt. Lecker! Mit dem Unterschied, dass überall streunende Hunde umher laufen. Yippie! Mit dem Unterschied, dass man nicht mit dem alten Sack, sondern mit Wildschweinen um die Wette laufen kann. Yeah!
Wenn Hunde ins Alter kommen, läuft es anders
Seit einigen Monaten läuft es anders bei unseren Morgenläufen. Und es ist mir schwergefallen, es zu akzeptieren. Beide Hunde sind mittlerweile sechs Jahre alt. Und gerade Dante setzt als Herdenschutzhund klare Signale. Immer öfter fragt er sich, ob das alles so richtig ist, was er da so tut. In Italien wird seine Rasse dazu eingesetzt, das Vieh zu beschützen. Hunde wie er liegen auf Anhöhen rum, und sollen ihre Energie ins Aufpassen stecken. Nicht ins Laufen. Auch Spagna findet es nicht unbedingt super sexy, jeden Tag mir hinterher zu jagen. Bei Kaninchen ist das als Jagdhund was anderes. Aber ich habe einfach keine Lust auf so ein albernes Bunnykostüm. Nur damit der Hund seinen Spaß hat. Immer mal wieder setzen sie Signale. Auch das „ich hab heute echt keinen Bock Signal“. Noch immer tut es ein wenig weh, sie an den „Keinen Bock Tagen“ zu Hause zu lassen. Doch es ist Zeit ihnen etwas zurück zu geben. So etwas Schnödes wie Liebe, Respekt, Achtung. Sie haben mich vier Jahre lang motiviert, begleitet. Sie haben mir Zeit und Kraft geschenkt. Sie sind mit mir kompromisslos jeden Tag meinen Weg gegangen, und haben dafür ihren eigenen geopfert. Sie sind für sich selbst an Grenzen gegangen, wenn sie mit mir bis zu 30 Kilometer gelaufen sind. Das geht nicht mehr. Und das wollen sie nicht mehr. So ist es also an der Zeit, ihnen Frieden und Ruhe zu geben, wenn sie dies brauchen. Und es ist an der Zeit zu akzeptieren, dass es für Spagna und Dante Herbst geworden ist. Ich habe dennoch Hoffnung. Vielleicht – und das hoffe ich sehr – ist es auch ganz anders. Vielleicht sind die Tage an denen sie nicht mit mir laufen wollen, gar keine „Keinen Bock Tage“. Vielleicht sind sie einfach nur cleverer als ich. Und setzen bewusst mal aus. Vielleicht ignorieren sie den eigenen Körper nicht einfach. So wie ich es, wenn ich ehrlich bin, oft mache. Nehmen sich Spagna und Dante einfach Regenerationstage? Um aufzutanken? Um dann wieder besser laufen zu können? Wollen sie mir etwas zeigen?
Ein Morgenlauf, der etwas veränderte
Wer mit Hunden läuft, wer mit Hunden lebt der weiß: Hunde haben oft einen besseren Instinkt als wir Menschen. Und ohne den Hund zu vermenschlichen so ist doch klar, dass sie Dinge anders und auch genauer wahrnehmen. Noch immer steckt mir der erste Morgenlauf auf Korsika in den Knochen. Nicht wegen enormer 1000 Höhenmeter, gleich morgens um sieben Uhr. Sondern weil ich uns den wohl dämlichsten Weg seit langer Zeit ausgesucht habe. Und dankbar sein muss, dass ich einen Herdenschutzhund an meiner Seite habe, der einfach nur seinen Job gemacht hat.
In mein kleines Bergdorf führt eine lange Serpentinenstraße. Vom Haus selbst schaut man in ein Tal, weit unten liegt das Meer. Zum Greifen nah. Eine alte Frau hatte mir gestern den Weg durch die Berge, durch das Tal zum Meer beschrieben, aber der Weg war heute morgen einfach nicht zu finden. So beschloß ich, mit den Hunden die Straße entlang zu laufen. Runter und wieder hoch. Das macht dann 20 Kilometer. Eine schöne Morgenrunde. Ich hatte nicht bedacht, dass für viele die Arbeitszeit auf Korsika erst gegen 9 Uhr beginnt. Und so lief ich mitten in den Berufsverkehr. Alle die, die einen Job haben, müssen den Berg hinunter in die Stadt. Und so wurde der Morgenlauf zu einem Abenteuer, das kein Läufer braucht. Eine Spur, die runter führt, eine die hoch führt. Bürgersteige Fehlanzeige. Leitplanken, Fehlanzeige. Ausweichmöglichkeiten, Fehlanzeige. Höhenangst, aber so was von. Wir liefen so dahin, die Autos wichen aus. Ohne ein einziges Mal zu hupen. Entweder es passiert hier öfter, dass bescheuerte Läufer-Touris auf solche beknackten und gefährlichen Ideen kommen, oder aber man ist hier tiefenentspannt. Versuchen Sie mal mitten auf einer Hauptstraße in Duisburg, Köln, München oder Berlin mit zwei Mischlingskötern zu laufen. Ein Hupkonzert wäre ja noch adäquat. Ich befürchte, es würde Schlimmeres passieren.
Und plötzlich war da dieser Müllwagen
Ich hörte den großen Müllwagen nicht. Sein Motorengeräusch wurde scheinbar perfekt durch eine Bergwand etwas oberhalb abgeschirmt. Ich bemerkte plötzlich, dass sich Dante immer und immer wieder umdrehte. Das tat er auch bei den anderen Autos, bevor sie uns überholten. Aber nicht derart vehement. Dabei zog er quasi rückwärts. Und wollte mich zum Stehenbleiben überreden. Das tut er oft, wenn er einfach keine Lust mehr hat. Genervt schleifte ich ihn hinter mir her. Denn ich hörte nichts. Ich sah nichts. Dante musste sich entweder täuschen, oder er hatte einfach wieder einen „Keinen Bock Tag“. Wieder drehte er sich um, wieder zog er rückwärts, an einer kleinen Nothaltebucht. Und genau in diesem Moment bog der Müllwagen hinter uns um die Kurve. Und er brauchte beinahe beide Fahrspuren. Ich musste nur einen Schritt mit beiden Hunden in die Nothaltebucht machen. Und brachte uns in Sicherheit. Gerade noch. Gerade noch so.
Ein Stück Kaktee im Fuss und dennoch den Job gemacht
Ich streichelte Dante lange und ausgiebig. Spagna leckte Dante das Maul. Er wedelte wissend mit dem Schweif. Und hob die rechte Pfote. Immer wieder. „Du musst Dich nicht noch für unseren Dank bedanken, Dante“, sagte ich gerührt. Und dennoch hörte er nicht auf, die Pfote zu geben. Ich hielt die Pfote fest. Und etwas Spitzes bohrte sich in meine Hand. In Dantes Fuß steckte ein Stück einer Kaktee. Vorsichtig entfernte ich sie. Dante hatte den eigenen Schmerz einige Minuten lang ignoriert, um seine Signale zu setzen. Um seinen „Job“ zu machen. Um uns alle vor einem schlimmen Ende des Morgenlaufs zu bewahren. Wegen dieser Momente werde ich Spagna und Dante eines Tages vermissen. Und wegen dieser Momente kann ich Euch nur empfehlen: Lauft! Lauft mit Hund!

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