Erstaunliche Zukunftspläne

Bekommen Sie demnächst bei Aldi & Co. auch Fitness?

Stell dir vor, du kaufst Gemüse und verschaffst dir damit eine kostenlose Zugabe: nämlich Eintritt in den Fitnessclub des Supermarkts, direkt um die Ecke. Gibt es nicht? Doch: in unserem Nachbarland – und bald vielleicht auch bei uns.

Datum:
Fitness-Training im Lebensmittelmarkt

Umfasst das Supermarkt-Sortiment bald auch Fitnesstraining? Es gibt Anzeichen, sogar schon für 2017.

Trainierst du in einem Fitnessstudio in der Nähe deiner Arbeit, möchtest aber manchmal gern in einem anderen Studio sporteln, das zum Beispiel näher bei deinem Partner oder deinem Zuhause ist? Für diesen Luxus schließen Sportbegeisterte zurzeit generell zwei Verträge in zwei Studios ab. Oder hast du dich schon einmal gefragt, warum man für den Kauf von gesunden Lebensmitteln keine Belohnung erhält, etwa gesund-kostenlose Sportangebote? Momentan sind Fitnessstudios in Deutschland noch ziemliche Einzelkämpfer. Aber: Es ist ein gewisser Wandel spürbar. Ursprung ist die Vermutung, dass der Markt zunehmend gesättigt und es so immer schwieriger ist, neue Kunden zu gewinnen. Deshalb geht es immer mehr darum, vorhandene Kundschaft intelligent zu teilen. Das Stichwort lautet Kooperation. Künftig trainierst du vielleicht mit ein und demselben Vertrag in mehreren Fitnessstudios. Oder sammelst beim Gemüseeinkauf Punkte, die du anschließend gegen Training einlöst.
Andreas Bredenkamp

Bredenkamp war 1986 Deutscher Meister im Bodybuilding, ist Sportwissenschaftler und Motivationsredner.

Klug kooperiert ist halb gewonnen

„In zehn Jahren werden nur noch solche Fitnessstudios existieren können, denen es gelungen ist, ihren Weg mit intelligenten Kooperationspartnern zu gehen. Das gilt auch für Premium-Studios“, prognostiziert Andreas Bredenkamp. Der Deutsche Meister im Bodybuilding von 1986 ist heute Sportwissenschaftler. Entsprechend kennt er die Branche sehr genau – und seine Prognose, dass Sportcenter künftig mehr kooperieren müssen, ist nicht substanzlos. Der Kern der neu geforderten Haltung heißt also: Schulterschluss. Laut Bredenkamp bedeutet das für Fitnessstudios, Kunden zu begeistern und zu binden – Schulter an Schulter mit Kooperationspartnern, ob anderen Studios oder etwa Supermärkten. Doch sind Letztere bereit, sich auf eine solche Veränderung einzulassen?

Payback sucht ‚sportlichen‘ Partner für Fitnesspunkte

eVivam hat bei den zwei Supermarktketten Aldi und tegut sowie beim Bonussystem Payback nachgefragt: Gibt es Pläne, sich Sportstudios als Kooperationspartner zu suchen oder Treuepunkte für fitnessbezogene Angebote zu vergeben? Hier erfahrt ihr die Antworten:
tegut Logo

tegut wirbt als „Supermarkt für gute Lebensmittel“. Irgendwann auch für Fitness?

tegut plant zurzeit keine sportlichen Kooperationen: „Aktuell hat tegut keine Planungen in diese Richtung. Auch in unserem Bonusprogramm ‚GuteKarte‘ sind aktuell keine Kooperationen mit Fitnesspartnern geplant.“
Aldi hat ebenfalls keine Kooperationspläne, ist allerdings wachsam: „Wir planen derzeit nicht, eine Kooperation mit einem Fitnessanbieter zu realisieren. Selbstverständlich beobachten wir aber die generelle Marktentwicklung bei dem Thema sehr genau.“
Payback hingegen wünscht sich konkret Sparringpartner: „Bei Fitnessstudios oder entsprechenden Plattformen Payback-Punkte sammeln zu können, steht auf der Partner-Wunschliste unserer 29 Millionen aktiven Kunden ganz weit oben. Deshalb sind wir aktuell auch dabei, einen ‚sportlichen‘ Partner für Payback zu finden.“

Schweizer Vorreiter Migros: Einkäufe für Fitness

Migros Schriftzug

Beim Schweizer Supermarkt Migros trainieren Kunden in hauseigenen Fitness- und Wellnessanlagen.

In der Schweiz gibt es bereits ein Modell, das den Einkauf mit Bonuspunkten für Fitness verbindet – und zwar bei Migros. Das ist das größte Einzelhandelsunternehmen (vereinfacht gesagt: der größte Supermarkt) der Schweiz, welches nicht nur da, sondern auch in Liechtenstein sowie Frankreich vertreten ist. Dort sammelst du heute schon beim Obst- und Gemüsekauf Punkte. Das Ganze ähnelt dem Payback-Modell, nur dass die Points hier „Cumulus-Punkte“ heißen. Und dass Migros eigene Fitnessanlagen besitzt: Haben Kunden im Supermarkt durch Einkäufe Punkte gesammelt, lassen sich diese in hauseigenen Sport- und Entspannungsangeboten umsetzen. So übt das Unternehmen im Prinzip den Schulterschluss mit sich selbst.

Migros expandiert im deutschen Fitnessstudio-Markt

Die Premium-Studios aus dem Hause Migros heißen „Elements“ – und seit Ende 2012 gibt es sie auch in Deutschland: Da öffnete das erste Elements-Studio in München. Anfang 2016 hat dann die deutsche Tochtergesellschaft der Genossenschaft Migros Zürich (GMZ) zu 100 Prozent die deutsche Inline Unternehmensberatung für Fitness- und Wellnessanlagen GmbH übernommen. Die Basis für die Treue der Premium-Kundschaft bilden gut ausgebildete Trainer. Das, so glaubt Bredenkamp, ist auch zukünftig wichtig: „Inhaber von Premium-Fitnessstudios müssen lernen, die Arbeit der Trainer zu verkaufen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Trainingssteuerung ist sozusagen die Kernkompetenz der Zukunft – ortsunabhängig.“
René Kalt: CEO Migros

René Kalt ist CEO Migros Freizeit Deutschland GmbH Genossenschaft Migros Zürich.

Migros-Punktemodell auch für Deutschland?

eVivam hat bei Migros nachgefragt, welche Ziele das Unternehmen mit seiner Beteiligung in Deutschland verfolgt. Geantwortet hat René Kalt, CEO der Migros Freizeit Deutschland GmbH.
eVivam: Planen Sie mit Inline, Fitness auch in Deutschland als „Treue-Prämie“ oder ähnliches Kundenbindungsinstrument anzubieten?
Kalt: Aktuell wird die Strategie überarbeitet und weiterentwickelt. Dazu gehört ganz klar das Analysieren und Bewerten von bestehenden und neuen Kundenbindungsinstrumenten und allen damit verbundenen Optionen.
eVivam: Wann ist damit zu rechnen und wie sieht die Kooperation voraussichtlich aus? Bei der Beteiligung war die Rede von weiteren „Synergien“.
Kalt: Die Lancierung wird sicher im Verlauf des Jahres 2017 stattfinden. Und selbstverständlich werden wir detailliert informieren, sobald die Ideen spruchreif sind. Dabei hoffen wir auch durchaus, die Kundschaft zu überraschen.
eVivam: Wie soll sich ein Verbraucher ein solches Modell in Deutschland vorstellen? Folgt es einem ähnlichen Prinzip wie die Cumulus-Punkte?
Kalt: Da das Cumulus-Programm in der Schweiz an die von der Kundschaft im Migros-Einzelhandel erzielten Umsätze gebunden ist, ist ein solches Prinzip kaum umsetzbar. Wir arbeiten aber an anderen – wie wir hoffen – attraktiven Varianten.

Fitnessstudio-Kooperationen in Deutschland

Dass sich die Haltung ändert, zeigen neue Kooperationen schon jetzt, im Kleinen wie im Großen. Studios tun sich zusammen, um Kundenwünschen zu begegnen. So möchten etwa viele Kunden überörtlich und in verschiedenen Clubs trainieren. Möglich ist das bereits für Mitglieder der oben erwähnten Elements-Sportstudios und für die von Injoy Fitness. Das Elements-Partnerunternehmen ist ein Franchisesystem, zu dem laut Firmenangaben 200 Fitnesscenter europaweit gehören. Elements-Mitglieder dürfen 14 Mal jährlich in den Injoy-Fitnessstudios trainieren, wenn Letzteres weiter als 30 Kilometer vom Elements-Homestudio entfernt liegt.

GymEntry: Training ohne Vertrag

So kooperieren also Fitnessstudios untereinander – doch aus der Schulterschluss-Idee sind auch auch völlig neue Geschäftsmodelle entstanden. Mit GymEntry etwa trainierst du in Studios in ganz Deutschland, ohne einen Vertrag abzuschließen. Alles, was du brauchst, sind Sportklamotten und ein Smartphone mit der GymEntry-App: Über die suchst du Fitnessstudios in deiner Nähe und erwirbst dort Nutzungstickets. Auch Konzepte wie Urban Sports Club und Somuchmore ermöglichen ihren Kunden, in mehr als einem Studio zu trainieren: Mit ihnen sporteln Nutzer in Partnerstudios verschiedener Ketten und das in verschiedenen Städten. Kein Wunder, dass Urban Sports Club beständig expandiert – und Ende 2016 Somuchmore übernommen hat.

Fitness-Tracker

Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.