Mike Kleiss – Das neue Laufen

„Entschuldigung, ich laufe!“ Wer läuft, sich gesund ernährt, ist verdächtig

Muss man etwa ein schlechtes Gewissen haben, wenn man sportlich ist und sich gesund ernährt? Wenn man läuft? Wenn man sogar viel läuft? Entschuldigung, so geht’s nicht. Meint unser Laufkolumnist und Experte Mike Kleiss.

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Läuferin verschränkt die Arme

Sportler mit Leib und Seele? Mike Kleiss findet: Absolut kein Grund, sich rechtfertigen zu müssen.

Mit Verlaub, ich habe die Nase ziemlich voll. 3 ½ Jahre pulsiert mehr und mehr Ärger in meinen Venen. Jetzt isses raus. Und je öfter ich mich mit anderen Läufern unterhalte, desto mehr fällt mir auf: Seit 3 ½ Jahren befinde ich mich in einem ständigen Entschuldigungsmodus. Weil ich laufe. Sollten sich etwa alle 20 Millionen Läufer in Deutschland ähnlich fühlen? Dann wird es Zeit, die Beine in die Hand zu nehmen. Um aus diesem Modus zu entfliehen. Aber der Reihe nach.

Entschuldigung, ich bin süchtig nach Gesundheit

Gestern war ich auf einem Empfang eingeladen. Und zack, da stand er, der Klassiker zur Begrüßung: Sekt pur oder wahlweise mit Orangensaft. Mit leiser Stimme huschte mir ein „ich nehm ein Wasser bitte“ über die Lippen. Sehr leise, sehr schnell, um nur nicht aufzufallen. Die Bedienung musste extra wegen mir Gesundheits-Sport-Freak 10 Meter laufen, um mir ein Wasser zu besorgen. Genervt und schwitzend drückte sie mir das Glas in die Hand. Dazu ein mitleidsvoller Blick. Der Gastgeber kam, um mit mir anzustoßen: „Prost Mike! Schön dass Du da bist. Oh, Wasser? Früher mal zu viel getrunken? Und jetzt nur noch gesund?“, brüllte er einmal quer durch den Raum, mit schallendem Lachen. Ich so: „Ja, ich hole mir seit 3 Jahren Rat beim Bund der anonymen Alkoholiker. Sehe ich Dich da auch mal?“, platze es aus mir mit 100% Ironie heraus. Der Gastgeber hatte mich. Er hatte mich. Endlich. Ich war soweit. Es gab nun kein Halten mehr. Neben uns stand ein weiterer Bekannter. Ein Psychoanalytiker. Auch er war jetzt dran. „Und Du, Du willst mir wahrscheinlich jetzt erklären, dass ich vor 3 Jahren einen Burnout hatte, was? Und dass das der Grund ist, warum ich jeden Tag laufe.“ Ich war einem verbalen Amoklauf sehr sehr nahe.

Diagnose Burnout – Schublade auf...

Seit 3 ½ Jahren geht das nun so. Und regelmäßig erreichen mich E-Mails oder Anrufe von anderen Läufern, deren Leben eine Rechtfertigungstour ist. Ein Mann, der keinen Alkohol trinkt, ist ein Mannmädchen. Wenigstens. Oder war mal Alki. Wer sein Leben umkrempelt, es in die Hand nimmt, hatte einen Burnout. Klarer Fall. Wer jeden Tag läuft, ist süchtig. Wer durch das Laufen abgenommen hat, sieht ausgemergelt aus, ist der Magersucht schon sehr sehr nah. Wenn man täglich läuft, ist man ein sicheres Opfer für ein künstliches Kniegelenk, sagen die Neider, die den Hintern nicht hochkriegen.

Das schlechte Läufergewissen ist überall

Vor einigen Monaten habe ich einen Kollegen zum Berlin-Marathon eingeladen. Dort werde ich im September starten. Und ich freue mich sehr darauf. Ich dachte eigentlich, dass ich ihm mit der Einladung eine Freude mache. Stattdessen hörte ich auf der anderen Seite der Telefonleitung ein fürchterliches Rumgeeier. „Mike, ähem...also...ja so grundsätzlich ist das ne tolle Idee...aber...ich muss...!!!“ – „Was musst Du? Nach welcher Ausrede suchst Du, Mann?“, fragte ich schon mit einer recht fetten Pulsschlagader. „Gut, also...ich muss meine Frau noch fragen. Weißt Du, ich melde mich manchmal schon heimlich für einen Wettkampf an. Und bin dann offiziell auf Dienstreise. Laufe aber in Wahrheit bei einem Wettkampf.“ Aha! Wir sind also schon soweit. Früher war „die Dienstreise“ noch Ausrede für eine Sexaffaire. Heute lügt der Marathonmann von Welt wegen eines weiteren 42 Kilometer Laufs. Gott, sind wir Memmen geworden. Wir müssen uns bei unseren Frauen für sportliche Aktivitäten entschuldigen? Müssen um Erlaubnis fragen? Wo kommen wir eigentlich hin?

Hübsche Granate oder magersüchtig?

Mich schrieb vor wenigen Tagen Melanie aus Bayern an. Sie ist kurz davor, alles hinzuschmeissen. Die Laufschuhe an den Nagel zu hängen. Und warum? Weil sie sich rechtfertigen muss! Melanie hat in ihrem Leben einiges verändert. Sie läuft täglich, sie hat über 20 Kilo abgenommen, auch weil sie am Abend keine Kohlenhydrate mehr zu sich nimmt, sondern vorwiegend Eiweiß. Und? Was sagen ihre schlauen Freunde? Anstatt ihr zuzurufen: „Melli, was bist Du für eine hübsche Granate geworden“, bekommt sie Knüppel zwischen die Joggingbeine geworfen, wird mit Aussagen konfrontiert wie: „Wenn Du so viel Eiweiß in Dich reinschaufelst, sind Deine Nieren bald am Ende.“ Eines der übelsten Ernährungsmärchen mit Stammtischniveau. Da würd ich Melanie gerne sagen: Schlag ein Ei über so einen Quatsch! Fakt ist: In der Steinzeit nahmen die Menschen 35 Prozent ihrer Gesamtkalorienmenge als Eiweiß zu sich – und die Steinzeitmenschen sind nicht an Nierenschäden gestorben. Heute macht Eiweiß im Schnitt nur noch 10 Prozent unserer Nahrung aus. Bis heute hat sich der genetische Bauplan des Menschen jedoch nicht verändert.

Neid: Der Grund, der alles erklärt?

Wir kippen an der Tankstelle einen Liter Öl für 23 Euro in unser Auto. Und das ist völlig in Ordnung. Die ganze Tankstelle klatscht. Wenn wir aber etwas gegen unser Übergewicht tun, für gute Laufschuhe über 100 Euro bezahlen, sind wir nicht ganz dicht im Kopf. 67 Prozent der Männer, 53 Prozent der Frauen in Deutschland sind übergewichtig, 24 Prozent der Frauen sogar adipös. 2,1 Milliarden Menschen weltweit sind zu dick. Und die, die etwas verändern wollen oder bereits verändert haben, werden in den Entschuldigungsmodus gedrängt? Ich habe einen recht bösen Verdacht. Der schlimmste Feind des regelmäßigen Läufers und Wasfürsichtuers ist der Neid. Dicke Freundin ist neidisch auf dünne Freundin. Dicker Freund ist neidisch auf den Freund, der mal genauso dick war, und jetzt wie ein Model aussieht. Nur das, das darf natürlich nie jemand erfahren. Deutschland ist eine Neidgesellschaft. Soweit nichts Neues. Würden die Neider wenigstens zugeben, dass der Neid ihr Treiber ist, wäre alles gut. Tun sie aber nicht. Sehr subtil ballert man also gegen die laufbereite Frau oder den täglich schwitzenden Mann. Mit miesen Aussagen wie: „Lieber ein paar Kilo zu viel auf den Rippen, als mit Herzinfarkt im Dreck zu liegen.“
Liebe Laufgemeinde, hört auf, Euch zu entschuldigen. Am Ende wollen wir doch mal sehen, wer verfettet in der Gosse liegt. Wer mehr Aprikosenhaut an den Oberschenkeln hat, wer schon mit Mitte 20 oder früher an Altersdiabetes, also Typ 2, leidet. Also, Schuhe an und einfach an den Neidern vorbeiziehen! Das ist das neue Laufen. So!
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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