So viel Höflichkeit darf schon sein!

Mike Kleiss – das neue Laufen: Echte Läufer grüßen gefälligst!

Was gehört eigentlich zum „neuen Laufen“ alles dazu? Bei den kleinen Dingen fängt es an. Dinge, die eigentlich selbstverständlich sind, die wir aber gerne vergessen. Unser Laufkolumnist und Experte Mike Kleiss klärt auf. Wie immer mit einem Pulsschlag Ironie.

Datum:
Joggerin

Ein kurzer Gruß, das muss einfach sein – findet Kolumnist Mike Kleiss.

Wer diese Kolumne seit ein paar Wochen verfolgt, stellt fest: Sie ist vielleicht ein bisschen anders, als man erwartet. Hier gibt es keine Marathonpläne nach dem Motto: „So schaffen Sie den Marathon unter 3 Stunden.“ Hier werden Sie auch nie einen allgemeingültigen Ernährungsplan finden, wie Sie schnell mal eben 40 Kilo verlieren. Finden Sie schade? Kann ich verstehen. Aber darüber ist schon hundert Mal geschrieben worden. Das ist nicht nur langweilig, ich bin dazu der Meinung: Jeder Mensch ist aus einem anderen Läuferholz geschnitzt, was bringen da Tabellen und Pläne? Diese Kolumne deckt immer mal wieder die „Zwischentöne“ des Laufens auf. Dinge, die uns Läufer wirklich betreffen. Und all denen, die noch nicht losgelaufen sind, sei gesagt: Viele der Themen, die ich in dieser Kolumne anspreche, laufen ihnen eines Tages über die Füße.

Sommertraining ist einfach nicht für jeden

Ein mir neues Phänomen begegnete mir erst kürzlich. Als erfahrener Läufer haben Sie sich vielleicht auch schon mal darüber geärgert.
Als ich heute einen Tempolauf bei 27 Grad durchprügelte, bei tropischen Bedingungen, einer Luftfeuchtigkeit, bei der die Wäsche nicht mehr trocknet, kamen mir doch tatsächlich einige Leidensgenossen entgegen. Und es waren viele! Fast alle am Ende ihrer Kräfte. So sah es wenigstens aus. Im Wald stöhnte es, ächzte es, auf meinen 30 Kilometern begegneten mir sicher 25 Läufer jeden Alters. Immer einige Monate vor dem Berlin- und dem Frankfurt-Marathon kommen sie aus ihren Eiswannen gekrochen, um dann doch das Training endlich aufzunehmen. Natürlich sind wir Läufer Leute, die irgendwie am Ende den ganz eigenen Kampf kämpfen. Es trägt dich niemand die 42 Kilometer, wenn du einen Marathon läufst. Du bist eben am Ende ganz allein. Jedoch nur während des Marathons selbst! Nicht beim Training! Da kann man, nein da muss man sich doch auch mal grüßen! Mal aufmunternd zunicken! Und wissen Sie, was oft ist? Na, nix eben!

Der nette Dicke, der zum Renner wurde

Als ich im Januar 2012 losgelaufen bin, mit 115 Kilo, im Schneeregen, was muss ich für ein furchtbar jämmerliches Bild abgegeben haben. Mein Gott, was muss ich übel ausgesehen haben. Ich bekam jede Menge mitleidige Lächler von Läufern, die mir entgegen kamen. Nach dem Motto: „Ach, nicken wir dem schwitzenden Dicken doch mal zu. Der hat es ja auch schwer. Und wird wahrscheinlich nach 3 Kilometern mit wenig Atem im Matsch liegen. Die arme Sau!“ Diese Lächler weckten den Lauftiger in mir. Ich war fest entschlossen, es ihnen allen zu zeigen, damals.
Mann pausiert beim Laufen

Aus der Puste, aber nicht ans Aufgeben denken: So kämpfte sich Kolumnist Mike Kleiss durch seine Laufanfänge.

Dann gab es diese verdammt hübschen, jungen, unglaublich schlanken Frauen, die leicht verlegen grüßten. „Ganz nettes Gesicht, der Dicke. Aber eben sonst zu fett“, dachten sie vielleicht. Diese Grüße und Lächler taten echt weh. Diese Form von Mitleid will man eigentlich nicht haben. Nicht mal im Ansatz. Aber ein Gruß ist ein Gruß. Und jeder Gruß tut auch dann doch irgendwie gut. Schließlich kämpfen wir alle. Um jeden Meter Wald, Feld, Straße. Dachte ich jedenfalls lange.
Irgendwie putzig fand ich gerade am Anfang die Grüße und aufmunternden Nicker der etwas älteren Damen. Meist sehr drahtige Modelle, die alle gut und gerne meine Mutter hätten sein können. Drahtig und besonders zackig und schnell. Von ihnen bekam ich am Anfang ein sehr mütterliches „Hallo“. Und auch diesen Damen war etwas ins Gesicht geschrieben: „Der Bub hat’s nicht leicht. Der muss abnehmen. Das wird schon werden. Soll er halt nicht so viel fressen. Und weiterlaufen. Das wird schon werden.“

Mitleid ist nicht sexy, aber gibt Kraft

Diese Grüße sind beschämend. Weil man sich plötzlich wieder wie fünf fühlt. Und als ob man gerade dabei erwischt wurde, wie man heimlich eine ganze Tafel Schokolade aus dem Kühlschrank nahm und in sich reinstopfte. Oder unter der Decke heimlich die neuesten Antworten von Dr. Sommer in der Bravo las. Und sehr lange auf die Nacktfotos schaute. Vielleicht zu lang. Aber alle Grüße haben doch etwas Gutes: Sie motivieren, sie geben Kraft, sie machen Mut. Man hat das Gefühl, nicht alleine zu sein. Man hat das Gefühl, in der Läuferwelt angekommen zu sein. Dazu zu gehören.
Im Laufe der letzten vier Jahre änderte sich plötzlich etwas. Der Dicke Kolumnen-Kleiss wandelte sich zum Läufer Kleiss. Und zwar zum schlanken Läufer. Damit konnte ja niemand rechnen. Wo wäre man hingekommen? Wie konnte man ahnen, dass Dickie es wirklich schaffen würde. Und dann hatte ich auch noch richtige Laufsachen an. Und nicht mehr diese dicken Baumwollsachen, die sich zackig vollschwitzten und wie ein nasser Sack an mir runterhingen. Plötzlich war ich scheinbar Konkurrenz geworden. Plötzlich war ich ein Gegner. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Läufer der Laufgemeinschaft gar nicht mehr grüßten. Nicht einmal mehr des Mitleides wegen. Die älteren Damen konnten mich nicht mehr überholen, ich war zu schnell geworden. Da war es vorbei mit dem mütterlichen Zunicker. Und die jungen, kecken, hübschen Laufdinger schauten plötzlich etwas verschämt auf den Boden! Kein Nicken, kein Gruß, kein „Hallo“, einfach Stille. Und so geht es ständig!

Wir müssen das Grüßen wieder lernen

Nein, so geht es nicht nur auf meiner Laufstrecke. Das Grüßen unter den Läufern stirbt gerade aus. Überall. Davon bin ich fest überzeugt. Und deshalb musste heute einfach diese Kolumne her. Liebe Läufer, das Grüßen lernt man, wenn man Erziehung genossen hat! Ist einfach so.
Ich erinnere mich an meine ersten Tage bei SWF3, als es den Sender noch gab (heute SWR3). Überall auf den Gängen wurde ich gegrüßt. Vom ersten Tag an. Von total fremden Leuten. Und ich freute mich und grüßte einfach zurück. Ich fragte einen Kollegen, ob das zur Unternehmenskultur gehöre. Und in der Tat, bereits Volontäre bekamen mit auf den Weg, im Haus jeden zu grüßen, der ihnen entgegen kam. Eine tolle Sache, finde ich bis heute. Man fühlte sich aufgenommen. Man fühlte sich sofort ein wenig zu Hause, in einem Funkhaus mit 5000 Mitarbeitern. Und heute bei meinem Hitze-Tempolauf, da fiel mir die „Grußorder“ bei SWF3 wieder ein. Und ich grüßte die Läufer auf der Strecke einfach. Mit einem Lächeln. Und immer mehr grüßten zurück. Und ich werde weiter grüßen. Egal was passiert. Sollten Sie mir mal entgegenkommen, grüßen Sie doch einfach zurück. Das wäre schön. Sie werden sehen: Das gibt ein gutes Gefühl. Das gibt Kraft und Motivation. Gerade bei den anstrengenden Trainingsläufen. Der Zusammenhalt unter uns Läufern fängt genau beim Grüßen an. Und gut erzogene Läufer grüßen. Das ist so! Und nicht nur aus Mitleid!

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