Mike Kleiss – Das neue Laufen

Die Top-5-Laufirrtümer, von denen Ihnen die Experten erzählen

In seiner heutigen Kolumne räumt unser Laufkolumnist und Experte Mike Kleiss einmal gründlich auf. Seine Top 5 der größten Laufirrtümer könnten endlich Licht ins Läuferdunkel bringen. Das neue Laufen kann so einfach sein.

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Mann denkt nach

Nicht jeder Läufer kennt de Wahrheit: Mike Kleiss räumt mit gängigen Unwahrheiten auf.

Seit einiger Zeit pflege ich wieder ein kleines Ritual. Zur Entspannung nach dem Laufen am Wochenende lese ich – völlig verrückt – mal das ein oder andere Buch. Nennt den Kolumnen-Kleiss ruhig oldschool, aber kein Energydrink ist so erfrischend wie ein gutes Buch. Wenige haben mich in den letzten Jahren gefesselt. Das Werk von Rolf Dobelli „Die Kunst des klaren Denkens – 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen“ ist zwar schon von 2011, aber nie war es wertvoller als heute. Finde ich. Warum hängen wir Theorien nach, die nachweislich falsch sind? Warum rennen wir einer Meinung hinterher, die vielleicht gar nicht gut für uns ist, nur weil die Masse glaubt, es sei richtig das zu tun? Warum werden viele nicht glücklich? In welche Fallen tappen wir? 52 Fragen, 52 teilweise verblüffende Antworten. Am Ende ist eine Botschaft des Autors besonders wichtig: Wir sollten auf uns selbst hören. Nicht alles schlicht einfach so akzeptieren, weil die Dinge „eben so sind wie sie sind.“ Dobelli ist zudem scheinbar genauso von Experten genervt wie ich. Ach, Du bist es auch? Danke! Dann werden wir immer mehr. Wie schön. Herzlich Willkommen!
Gestern, Sonntag. Jeden Sonntag steht bei mir ein Tempolauf auf dem Programm, meist über 21, manchmal über 30 Kilometer. Und meist läuft es gut. Ich denke ab und an recht viel beim Laufen. Heute denk ich an Dobelli und stelle fest: Mit 52 Denkfehlern hat es der Autor doch eigentlich noch ganz gut! Er ist sicher kein Läufer. Wäre er einer, so müsste er mindestens 100, eher 200 Denkfehler aufschreiben. Diese Denkfehler würde ich eher Irrtümer nennen. Denn meiner Meinung nach gibt es beim Laufen weder ein Richtig oder ein Falsch. Vielleicht mögen die Laufexperten der Welt endlich einmal verstehen, dass jeder Körper anders ist! Dass wir im Grunde jeder sein eigener Experte sind. Und dass das auch reicht? Um genau DAS einmal zu unterstreichen, habe ich mir Gedanken um die 5 größten Laufirrtümer gemacht. Die Läufer unter Euch werden sich sicher wiederfinden. Solltet Ihr mit dem Laufen erst beginnen wollen, dann zunächst Glückwunsch zu dieser Entscheidung! Und Obacht vor dieser Top 5:
Der All-in-one-Irrtum
Ich weiß nicht, wie oft ich gelesen habe, dass das Laufen deshalb besonders effektiv sein soll, weil es unglaublich viele Muskelgruppen ansteuert und stärkt. Dass das Laufen somit der ideale Sport sei. Haben sich diese Experten eigentlich einmal Läufer angesehen? Also, ich meine Läufer. Nicht Jogger. Wir Läufer sind alle recht schmale Dinger. Wir haben kräftige Oberschenkel und Waden, wir sind recht stabil in der Hüfte, aber wir sind recht schmal um die Brust rum. Und unsere Arme haben nur einen Zweck: sie schlackern hin und her, festbinden sähe einfach komisch aus. Gut, sie gleichen etwas die Balance aus. Kräftig werden sie nicht durchs Laufen. Deshalb macht es auch durchaus Sinn, etwas Krafttraining zu absolvieren. Wenn man nicht aussehen will wie ein Hemd. Um es klar zu sagen: Kein Läufer ist je zu einer Art Arnold Schwarzenegger mutiert. Auch wenn Tim Wiese behauptet 3x die Woche zu laufen, seine Verwandlung hat mit dem Laufen ungefähr soviel zu tun wie meine mit dem Fußballspielen.
Der Abnehm-Irrtum
Mindestens jede Frauenzeitschrift hat schon mehrfach behauptet, dass das Laufen perfekt zum Abnehmen ist. Fast jede Männerfitnesszeitschrift ebenfalls. Ich kenne Leute, die enorm zugenommen haben, seit sie laufen. Verblüffend, nicht wahr? Nein, nicht verblüffend. Recht einfach. Ich verbrenne jeden Tag zwischen 1000 und 2500 Kalorien alleine durch das Laufen. Würde ich danach eine Tüte Chips essen, dazu 2 Bier, wäre ich bei ca. 2000 Kalorien. Ein weiteres Beispiel: eine Pizza und hinterher ein großes Eis sind ebenfalls 2000 Kalorien. Und genau so ernähren sich schlicht zu viele Menschen in Deutschland. Um eine Pizza wegzulaufen, muss ein Mann ungefähr 95 Minuten laufen, eine Frau schon 115 Minuten. Das Laufen alleine ist es eben meist einfach nicht. Ohne die richtige Ernährung geht nichts. Und lasst den Diätenunsinn. Nur weil Millionen von Menschen Diät machen, muss das noch immer nicht bedeuten, dass das der richtige Weg ist, um Gewicht zu verlieren.
Mann und Frau laufen

Laufen schadet den Gelenken? Kleiss kennt dafür keine Belege.

Der Daily-Running-Irrtum
„Macht mindestens 2 Tage Pause“, „Jeden Tag laufen ist nicht gesund“, „Wer jeden Tag läuft, läuft in Gefahr einen Ermüdungsbruch zu erleiden“...ich könnte die Liste endlos weiterführen. Die, die vor dem täglichen Laufen warnt, ist sicher einer der längsten, die man so haben kann. Vielleicht mögen mir die Herren Experten dann einmal erklären, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf die kecke Idee kommt, nein sogar dringend empfiehlt, dass wir uns täglich mindestens eine Stunde bewegen sollen? Jetzt kommt der nächste Experte und erklärt uns, dass wir einfach mal 15 Minuten in der Mittagspause um den Block gehen sollen. Dann Abends mit dem Rad von der Arbeit nach Hause fahren sollen, mit dem Hund 30 Minuten einen Spaziergang machen sollen. Und zack, schon wäre eine Stunde voll. Seht Ihr? Experten eben. Zu nichts zu gebrauchen. In dieser Aufteilung schafft das kaum jemand. Weil wir Mittagspausen oft durcharbeiten, uns das Rad gestohlen wurde, und wir gar keinen Hund haben. So. Eine Stunde am Morgen zu laufen, das finde ich wesentlich angenehmer. Denn danach sitzen wir meist alle. Und so ist trotzdem eine Stunde Bewegung gesichert.
Der Low-Carb-Irrtum
„Kohlehydrate sind wichtig, wenn man regelmäßig Sport treibt. Ohne Kohlehydrate keine Leistung. Kohlehydrate stellen schnell viel Energie bereit.“
Ich laufe jetzt 3,5 Jahren. Ich habe meinen Kohlenhydratekonsum massiv eingeschränkt, nach 18 Uhr verzichte ich ganz auf sie. Ich lief den ersten Marathon in 4 Stunden 30, den letzten im Mai mit 3 Stunden 23. Und ich bin mir sicher, ich kann mich noch weiter steigern. Und glaubt mir: Ich bin damit nicht alleine. Gut, auch ich habe mir vor meinem zweiten Marathon ordentlich den Magen mit Nudeln vollgeschlagen. Bei der Pasta Party, die es vor jedem Marathon gibt. Leider war mein Körper darauf gar nicht mehr eingestellt. Und zeigte mir ordentlich den Vogel. Die Nacht vor dem Marathon werde ich deshalb auch nicht so schnell vergessen. Es gibt Veganer, die laufen. Sie ernähren sich vegan, weil es ihnen guttut. Ich kenne extreme Fleischfresser, die täglich 700 bis 800 Gramm Huhn zu sich nehmen, sie kommen gut klar. Wer regelmäßig läuft, muss seine Ernährung für sich selbst herausfinden. Abgestimmt auf seinen Körper. Esoterik gehört nicht zu meinen Favoriten, keine Bange. Aber: Wer auf seinen Körper hört, weiß am Ende, was schmeckt und was nicht. Und ob Low-, No- oder volle Pulle Carbs, das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Der Gelenk-Irrtum
„Laufen ist schädlich für die Gelenke. Auf Asphalt zu laufen ist das sichere künstliche Kniegelenk.“ Interessant ist, dass man die Experten, die das so behaupten, recht schnell entzaubern kann. Lasst Euch mal eine Studie zeigen, die das beweist. Ihr werdet verblüfft sein: Es gibt sie nicht. Was aber erwiesen ist: Wer regelmäßig läuft, tut etwas für seine Knochendichte. Diese verbessert sich deutlich. Ebenso werden durch diesen Sport die Gelenke besser mit Nährstoffen versorgt. Das macht die Knorpel flexibler. Was ich aber noch viel wichtiger finde: Ich kenne viele Menschen, die durch zu wenig Bewegung ernsthaft erkrankt sind. Ich kenne nicht einen, der durch das Laufen künstliche Kniegelenke gebraucht hat. Ich bin fest der Meinung: Das Sitzen ist das neue Rauchen.
Die Liste der Laufirrtümer ist einfach unglaublich lang. Leider. Und es fällt schwer, Irrtümer zu erkennen. Deshalb: Lasst es einfach laufen. So wie Ihr am besten klarkommt. Oder haltet Euch an den französischen Schriftsteller Jean Giraudoux, der einmal sehr weise sagte: „Man erkennt den Irrtum daran, dass alle Welt ihn teilt.“
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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