Mike Kleiss: Das neue Laufen

Der will nicht nur spielen, der will Ärger! Laufen mit Hunden.

„Terrorhunde gehören an die Leine.Basta!“, sagt unser Laufexperte und Kolumnist Mike Kleiss. Und das, obwohl er selbst Hunde hat. Was hat ihn da wohl gebissen hat? Die Antwort gibt hier. Viel Spaß beim Lesen.

Datum:
Frau mit Hund

Laufen mit Hund: Ja, gern, findet Kleiss, aber nur, wenn man es kann.

Seit fast 4 Jahren begleiten mich Spagna und Dante. Und ohne sie hätte ich den Schweinehund nicht bei Wind und Wetter besiegt. Jeden Tag. Und dafür werde ich ihnen immer dankbar sein. Immer. Spagna ist ein Segugio, ein italienischer Jagd-und Laufhund. Dante ein Maremmano, eine sehr ursprüngliche Herdenschutzhundrasse, die in den Abruzzen noch täglich ihren Job macht. Unterschiedlicher können Hunde wohl nicht sein. Spagna ist kniehoch, und braucht ständig die Nähe der Menschen. Dante hingegen läuft oft aufs offene Feld, wenn wir täglich joggen. Er geht seinen eigenen Weg. Er weiss genau wann ich wo bin, und wartet mit 100% Verlass an bestimmten Knotenpunkten. Er braucht diese Freiheit, und er dankt es mit absoluter Präzision. Er hat diese Freiheit auch, weil er sich nie anderen Läufern nähert. Nie anderen Hunden, es sei denn er trifft seine engsten Freunde. Ich bin dankbar. Nicht nur weil beide Hunde meine Begleiter waren und sind, sondern weil sie stets freundlich waren. Und Ärger immer, ich betone immer aus dem Weg gegangen sind.

Hunde brauchen Erziehung

Das liegt nicht daran, dass sie reinen Frieden in ihrer Seele tragen. Gerade Herdenschutzhunde sind nicht nur Dickköpfe. Der Maremmano als solcher ist noch sehr wolfsnah und kann entsprechend handeln. Das tut er auch, wenn man ihn läßt. Spagna und Dante sind einfach nur erzogen. Und den Grundstein dazu legte Charlotte Spielmann. Sie ist über 70 Jahre alt. Eine Deutsche, die in den Abruzzen vor Jahren ein Tierheim eröffnete. Dort kämpft sie allein gegen die Hundemafia, und kümmert sich liebevoll um die Hunde, die in Canalba einfach in Kisten vor dem Tierheim abgestellt werden. Charlotte ist ein Original, und obwohl sie eine engagierte Tierschützerin ist, ist sie anders als viele verhuschte Tierschutzuschis, deren einzige Bestimmung im Leben das Retten von Hunden und Katzen ist. Charlotte trägt Verantwortung, vom ersten Moment an. Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied. Sie fügt große Hundegruppen zusammen. Auch und gerade die Junghunde. Damit sie von Kindertagen an ein perfektes Sozialverhalten mit auf den Weg bekommen. Hunde, die aus diesem Tierheim kommen, sind bereits unglaublich gut sozialisiert. Aus diesem und anderen Gründen, die ich gerne auf Anfrage beantworte, kann ich an dieser Stelle mit bestem Gewissen Werbung für das Canile machen. Wenn Ihr überlegt, Euch einen Hund anzuschaffen, besucht vielleicht zunächst einmal Charlottes Hunde! http://rifugio-canalba.de/

Die Angst als Hundebesitzer

Ich musste all die Jahre nie die Debatte um Hund an der Leine oder nicht führen. Nicht, wenn ich mit Spagna und Dante lief. Auf meiner Runde treffen wir immer und immer wieder andere Hunde, die ebenfalls erzogen sind. Immer waren Spagna und Dante bei Kindern auf unserer Strecke herzlich willkommen. Von anderen Joggern bekamen sie meist einen kurzen Streichler. Ich gebe zu, ich hatte immer Angst vor dem Moment, in dem Dante sich quer über den Waldweg stellen könnte, um andere Läufer knurrend zu stoppen. In dem Spagna anderen Läufern hinterherrennen könnte, um ihnen die teuren Laufhosen zu zerfetzen. Und mir nur ein „die wollen nur spielen“ über die Lippen huschen würde. Das waren die Gedanken, bevor beide bei uns eingezogen waren. Danach nie wieder. Wir arbeiteten – obwohl Charlotte einen tollen Grundstein gelegt hatte- 3 Monate mit beiden Hunden in der Hundeschule. Und das obwohl ich bereits seit 20 Jahren mit Hunden lebe. Und auch heute vergeht kein Tag, an dem das Gelernte nicht aufgefrischt wird. Nicht weil ich besonders vorbildlich sein will. Sondern weil ich weiter entspannt laufen möchte. Und zwar mit 2 großen Hunden. Und ich bin davon überzeugt, dass wir- so alle Hundebesitzer schlicht eine normale Portion Verantwortung tragen würden- keine „der will nur spielen“-Debatten mehr hätten. Mit Verlaub, ich brauche keine weichgespülten Erklärungen wie die von Hundeflüsterer Martin Rütter http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/interview-mit-martin-ruettner-jagdhunde-verfolgen-jogger-a-852879.html. Ich bin der Meinung: nicht erklären, nicht labern, handeln! Erziehen! In Köln gibt es eine recht klare Order des Ordnungsamtes, um Schuldfragen zu klären. Und hier ist die Devise: wer beißt oder angreift hat Schuld. Aus. Und es ist völlig unerheblich warum. Und selbst als Hundebesitzer sage ich klar und deutlich: Richtig so! Und nicht anders.
Mann mit HUnd

Spaß mit Vierbeinern: Dazu gehört Verantwortung für die Handlungen des Hundes in der Öffentlichkeit.

Der Mensch kommt zuerst

Auch auf die Gefahr hin, dass ich hier einen Shitstorm militanter Hundeschützer lostrete: Zunächst steht der Mensch in unserer Gesellschaft an Position 1. Nicht der Hund. Das war übrigens schon immer so. Seit Mensch und Hund zusammenleben. Artikel und Ratgeber, die den Hund zur Nummer 1 machen, vergiften den natürlichen Joggerumgang miteinander. Und sind meiner Meinung nach völlig kontraproduktiv. Und das Netz ist voll davon! http://www.partner-hund.de/info-rat/sport-spiel/sportliche-bewegung-fuer-mensch-und-hund/joggen-mit-dem-hund.html
Die Diskussion wird aber noch „besser“! Völlig wahnsinnig sind die Pressekollegen, die zum Einsatz von Pfefferspray raten. Ja, das ist dann die Kehrseite der Medaille. http://www.menshealth.de/fitness/ausdauersport/hundeangriffe-richtig-abwehren.2281.htm
Der nächste Schritt wäre dann eigentlich nur noch der Aufruf zum Abschießen der bissigen Joggingverhinderungshunde mit der eigenen Waffe. Merken wir eigentlich noch was? Geht es eigentlich noch?

Das schlechte Beispiel

An diesem wunderschönen und sonnigen Tag, an dem ich diese Kolumne schreibe, liegen Spagna und Dante wieder neben mir. Wir waren laufen. 17 Kilometer, wie jeden Tag. Und ganz am Ende unserer Runde hatten wir ein besonderes Erlebnis. Das erste Mal seit 2 Jahren hatten wir unseren ersten „Unfall“. Uns kam ein Pärchen auf Fahrrädern entgegen. Er hatte eine junge Mischlingshündin neben sich laufen. Ohne Leine. Durch ihre Körperhaltung zeigte sie an, dass sie auf Angriff eingestellt war. Und genau so kam es. Die Terrortöle griff sich Spagnas Hals, bösartig und link. Ich konnte das Schlimmste verhindern. Anstatt sich zu entschuldigen, versuchte der listige Besitzer mir die Schuld in die Schuhe zu schieben. So wie es alle Hundebesitzer tun, die um ihre Unfähigkeit wissen. Recht trocken und mit kühler, klarer Stimme entgegnete ich ihm: „Sehe ich Sie nochmal ohne Leine, ohne Maulkorb, hagelt es eine Anzeige. Haben Sie mich verstanden?“. Er hatte mich verstanden. Obwohl er sich von mir abwendete. Vorsichtshalber wiederholte ich meine Haltung erneut, während sich die Mischlingshündin vor Wut fast in Herrchens Arm verbiss. Was Herrchen und Frauchen des Terrorhundes nicht wissen: Ich weiß, wo die große Hundehütte steht, in der die 3 wohnen. Und ich werde meine Ankündigung im Bedarfsfall wahr machen. Und das, wo ich eigentlich finde, dass voreilige Polizeirufer Clowns sind. Diese Kandidaten sorgen jedoch für genau das schlechte Image unserer Laufbegleiter. Und ich möchte nicht länger, dass Freunde wie Spagna und Dante darunter zu leiden haben. Und andere Läuferfreunde sowieso nicht. Verantwortung zu tragen ist ein Muss in unserer Gesellschaft. Ich liebe meine Hunde über alles. Aber auch Liebe zeigt man durch Klarheit und durch das Aufzeigen von Grenzen.


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Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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