Mike Kleiss – Das neue Laufen

Das mittlere Maß fehlt. Wer will schon Mittelmaß sein?

Heute drückt unser Kolumnist Mike Kleiss den Alarmknopf. Merken wir eigentlich noch was? Warum das Leistungsprinzip beim Laufen keine Rolle spielen sollte.

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Frau beim Joggen

Spaß statt Weltrekorde - für Kleiss die richtige Einstellung zum Sport.

Stop! So läuft es nicht weiter. Höher, schneller, weiter – das ist erstmal nicht neu. Wir leben so. Und die Spirale wird immer enger. Daran haben wir uns schon fast gewöhnt. Und das ist schlimm genug. Also, so im normalen Alltagsleben. Vor allen Dingen aber im Job sind viele von uns auf der Überholspur, und finden das Bremspedal nicht mehr. Der größte Horror vieler Leistungshengste und Stuten ist es, Mittelmaß zu sein. Mittelmäßig zu sein, ist eine gefühlte Abmahnung, wenigstens. Im Grunde aber ein Zeichen der Aufgabe. Mittelmaß zu sein, bedeutet für viele bereits, kurz vorm Burnout, kurz vor Hartz IV zu stehen. Und kaum jemand hat noch auf dem Radar, dass das gesunde Mittelmaß, man könnte es auch die Mittelschicht nennen, Träger unserer Gesellschaft ist.
Die Vernunft siegen zu lassen, kann helfen
Ich laufe heute so durch den Sommergewitterregen. Und mir kommt auf einem Tandem ein Pärchen entgegen. Es ist schwül, 32 Grad. Beide im selben, quietschig gelben Outfit. Hauteng natürlich. Er ca. 120, sie an die 100 Kilo. Das arme Tandem quält sich mühsam durch den Matsch. Er so: „30 von 100 Kilometer haben wir, komm, Gas!“. Sie sagt schon gar nichts mehr. Wie auch? Sie kriegt kaum Luft. Da strampeln sich 2 Menschen dem Herzinfarkt entgegen, nur weil sie das Maß völlig aus den Augen verloren haben. Es ist einfach nicht schlau, bei starkem Übergewicht eine solche Tour, bei diesen Temperaturen zu wagen. Ich hatte eigentlich vor, gute 28 Kilometer zu laufen. Ich plane meinen ersten Lauf auf die Zugspitze, in der kommenden Woche. Und muss noch ein wenig Training haben. Ich habe dennoch ganz konsequent auf meinen Körper gehört, der mir sagte: 21 Kilometer, bei diesen Temperaturen, das ist für Dich ein gutes, mittleres Maß. Lass stecken, Mann! Und Mann ließ auch stecken.
Wie findet man das richtige Maß?
Ich fragte mich in diesem Moment sehr deutlich, sachlich und leise: Kleiß, hast Du vielleicht auch das Maß, das mittlere Maß, DEIN mittleres Maß aus dem Augen verloren? Ist es wirklich DEIN mittleres Maß, die Zugspitze hochlaufen zu wollen? Es ist sicher kein Mittelmaß. Und auch Du solltest damit klarkommen, einfach „nur“ Mittelmaß zu sein. Und ich will Ihnen sagen: ich habe lange nachgedacht. Und ich bin zum Schluß gekommen, dass mein Vorhaben in der Tat MEIN persönliches mittleres Maß ist. Weil ich genug Demut und Respekt vor diesem Berg habe. Und wenn ich den Gipfel nicht bequem erreiche, dann erreiche ich den Gipfel eben nicht. Und gerade kommt eine SMS von Martin Grüning, dem Chefredakteuer der Runners World, der ein Freund geworden ist. Mit ihm werde ich zusammen den Berg erlaufen. Er schreibt „Mr.Mike, gestern und heute hat es auf der Zugspitze wieder leicht geschneit. Wir kommen nicht bis nach ganz oben. Aber da wollen wir hin. Neuer Termin ist zu besprechen. Manchmal liegt in der Absage mehr Mut als in der Durchführung“. Nicht eine Minute ärgere ich mich, nicht eine Sekunde bin ich enttäuscht. Wären wir uns beide nicht über das Maß bewusst, würden wir trotzdem den Versuch wagen. Und ich bin froh, dass wir unser mittleres Maß immer wieder überprüfen. Und...Sie dürfen mir glauben: das war nicht immer so. Nicht bei mir.
Wenn Zeiten einfach egal werden
Mit deutlich zu viel Gewicht bin ich im Oktober 2012 meinen ersten Halbmarathon gelaufen. Und ich gebe es zu: Ich bin im Verlauf den Bestzeiten hinterhergerannt. Ich wollte irgendwann nicht mehr Mittelmaß in Sachen Laufen sein. Ich schielte immer wieder auf die Zeiten anderer, ohne Sinn und Verstand. Erst nach meinem dritten Marathon kam die große Wende. Mir wurden Zeiten egal, und auch Distanzen spielten keine Rolle mehr. Mir ging es mehr und mehr um den Spaß, um die Gesundheit, um den Wohlfühlaspekt.
Die Geschichte von Yvonne Prommesberger ist in der Tat alarmierend. Fast jeden Tag vor der Arbeit einen Marathon zu laufen, das ist weder Mittelmaß noch mittleres Maß. Das sind extreme Ausschläge innerhalb des Laufsports, das sind Schlagzeilen, die unserem Sport nicht guttun. Während des Hamburg Marathons dieses Jahr, rauschte ein Mann an mir vorbei. Auf seinem Laufshirt stand auf den Rücken gedruckt: 48 Wochen, 48 X Marathon. Ich habe dem Kerl in die Augen geschaut. Ich habe selten einen so leeren Blick gesehen. Der ausgezehrte Körper sah nicht weniger ungesund aus.
Worüber man nachdenken sollte
Es ist auch fraglich, ob Menschen bei einem Extremlauf eine Ski-Schanze hochlaufen müssen, um dann „oben hinterm Ziel wie zuckende Fische zu liegen“.
Den Sponsor dieser Veranstaltung, einen österreichischen Brausehersteller, würde ich sehr gerne einmal fragen, ob er sich nicht langsam einmal aus dem Laufsport zurückziehen möchte. Zumal es auffällt, dass sich...nennen wir ihn beim Namen...Red Bull immer mehr in den Laufsport einkauft. Und immer mehr Läufer diese ungesunde Brühe in sich hineinkippen. Ohne Sinn, ohne Verstand, ohne Maß.
Die Kenianer führen seit Jahren die Weltspitze der Läuferlisten und Rekorde an. Und immer wieder fragen sich die Experten, warum das so ist. Ich will es ihnen sagen. Aus Ostafrika kommt ein Sprichwort, das das Geheimnis lüftet. Weil die Kenianer nach ihrer eigene Weisheit leben: „Ein Mensch wird nicht lange leben, wenn er dreierlei nicht weiß: was zu viel für ihn ist, was zu wenig für ihn ist und was genau richtig für ihn ist“.

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