Die Kolume (nicht) nur für Läufer

Mike Kleiss – das neue Laufen: Auf ein Schnitzel mit Oma!

Diesmal erinnrt sich Kolumnist Mike Kleiss an seine Anfänge als Läufer und daran, dass manche Personen für jeden wichtig sind – als Läufer und als Mensch.

Datum:
Alte Frau laeuft

Laufen können im Alter - ein Traum von Mike Kleiss.

Bei Oma läuft es zur Zeit nicht so ganz rund. Oma ist Mitte 80, und die Beine wollen nicht mehr so. Dabei ist sie immer viel gelaufen. Sehr viel. Sie war ständig auf den Beinen. Außerdem ist Oma in Sorge um ihre Schwester. Bei ihr läuft es gar nicht gut, und Oma versucht es trotzdem sportlich zu sehen. Sie kann den weiten Weg ins Krankenhaus nicht mehr laufen, um ihre Schwester zu sehen. Das ist es eigentlich, was ihr mächtig zu schaffen macht. Und mir auch. Deshalb lege ich sehr oft einen Omatag ein, und wir reden. Und ich höre zu. Auch wenn es oft die selben Geschichten sind. So läuft es. Seit vielen Jahren. Und ich bin davon überzeugt: wir alle brauchen mehr Omatage! Unbedingt!

Die Weisheit des Alters

Omatage erden mich. Aus Omatagen schöpfe ich Energie und neuen Mut. Vor wichtigen Lebensentscheidungen fahre ich stets bei ihr vorbei. Um dem Boden der Tatsachen ins Auge zu blicken. So ist es vor meinem ersten Marathon gewesen, so ist es vor wichtigen Berufsentscheidungen gewesen, sie hat das erste Exemplar meines Buches in den Händen gehalten. Sie hielt es fest und sagte den Rest des Tages immer wieder: „wie ist das schön, was ist das schön“, und las es noch am selben Tag. Ein Buch übers Laufen! Dafür hat sie selbst die große Helene Fischer Show sausen lassen. Das ist Liebe! Wenn das nicht nicht Liebe ist, dann weiß ich auch nicht weiter.

Die Last des Alters

Gestern legte ich wieder einen Omatag ein. Und wieder ging es ums Laufen. Recht schnell sogar. In der Regel starten wir unsere Gespräche bei einer sachlichen Rinderroulade. Es ist immer eine Rinderroulade. Manchmal sind es auch zwei. Gut durchgebraten, so dass man sie im Grunde locker weglutschen kann. Aber es sind die leckersten Rinderrouladen der Welt für mich. Dazu gibt es immer und immer Salzstücke. Jene mehligen Kartoffeln, die in sich selbst zusammenfallen. Alles passt seit Jahren nicht mehr in meinen Ernährungsplan. Der Omatag ist eine Ausnahme. Mit Ansage. Gestern verblüffte mich Oma. So wie sie es oft tut, wenn ich nicht darauf eingestellt bin. Sie überraschte mich mit einem verrückten Schnitzel. Und Kartoffelpüree. Es hatte sich jedoch etwas verändert, im Vergleich zu meinem letzten Besuch, 4 Wochen zuvor. Sie musste sich immer wieder setzen. Auf den alten Küchenstuhl, mit dem erhöhten Sitzkissen. „Mir tun die Beine weh, machst Du das?“, fragte sie mich immer wieder. Die Frage war unnötig, ich machte. Ein merkwürdiger Automatismus setzte bei mir ein. Ich machte, Oma schaute mich an. Sie schaute mich einfach nur an. Und es gibt Dinge, die muss man nicht aussprechen, in einem solchen Moment. Jeder von uns kennt solche Momente.
Das war wieder einer dieser Momente, da hätte ich Oma gerne einfach meine Beine gegeben. Und würde das medizinisch gehen, ich würde es tun.

Oma rennt

Das Laufen hat uns immer verbunden. Es war immer da. Als Kind wuchs ich die ersten Jahre bei meinen Großeltern auf. Und Oma ließ mich laufen. Obwohl sie – wie sie so oft erzählt- furchtbare Angst hatte, oft. Sie legte damals den Grundstein für meine Leidenschaft. Einfach so, weil sie spürte, wie wichtig mir das Laufen war. Ihr waren Statistiken völlig egal. Sie kannte sie nicht einmal. Würde ich ihr „auf ein Schnitzel“ erzählen, dass Forscher der Lancet Studie dieser Tage wieder bestätigt haben, dass „Adipositas im Kindesalter ernsthafte nachgeschaltete Gesundheitseffekte hat, etwa „Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und viele Krebsformen“, so wie es die Studienleiterin schilderte, so würde sie nicht einmal mit dem Kopf nicken. Nicht weil es sie nicht interessiert. Sondern weil das für Oma immer klar war. Auf eine natürliche Art und Weise. Sie ließ mich durch den Flur laufen, als ich gerade so laufen konnte. Und ich rannte den ganzen Tag durch den Flur, nur der rote Hocker konnte mich stoppen, gegen den ich fiel. Die Narbe an der Stirn trage ich noch heute. Und doch ließ sie mich weiterlaufen. Auch durch die Wälder oberhalb des Hauses. Zum Dank brachte ich ihr stets frisch gefangene Molche mit, Salamander und Blindschleichen. Ich bin mir sicher, sie hätte mich nach all den Geschenken lieber im Keller festgebunden. Aber...sie ließ mich weiterlaufen. Weil sie selbst eine Läuferin war. Immer.

Oma rannte

Als Kind lief sie den weiten Weg zur Schule. Auf der hessischen Seite des Westerwaldes hatte man ja nichts. Autos kamen später. Erst kam der Krieg. Oma war in der Ausbildung, und musste mit dem Zug zur Arbeit fahren. So musste sie vor den Tieffliegern davonlaufen, die die Züge beschossen. Sie lernte meinen Großvater kennen, und sie liefen immer wieder von zu Hause weg, auf die Wiesen und Felder, um für sich alleine zu sein. Als Opa starb, lief Oma der Trauer davon. Und wanderte täglich durch die Wälder, mit ihrer besten Freundin. Und sie vermisst das Laufen. Und auch ihre beste Freundin, die ein Pflegefall geworden ist. Die täglichen Gänge in die Stadt haben sich auf ein Mal pro Woche verkürzt. Und selbst bei diesem einen „Lauf“ muss sie Pausen einlegen. Sie hat stets ein Sitzkissen dabei, um es gut auf den Bänken zu haben, die auf dem Weg nach Hause eine dankbare Hilfe sind.

Zu alt zum Laufen?

„Auf ein Schnitzel mit Oma“ hat immer mehrere Aspekte. Der wichtigste ist vielleicht, dass wir offen miteinander reden können. Ehrlichkeit geht durch den Magen, das war bei uns immer schon so. Selten waren Gespräche ehrlicher als beim Essen. Oder eben beim Laufen. „Meine Ärztin hat mich gefragt, ob ich mir nochmal eine Operation vorstellen kann“, sagte Oma gestern wieder. Und wickelte umständlich den Kartoffelpüree auf die Gabel. Sie hatte mir das schon einmal gesagt. Und wenn Oma immer wieder einmal die gleichen Fakten erklärt, dann ist ihr das wirklich wichtig. Ein ungeschriebenes Gesetz. Und dieser Satz machte mich schon vor Wochen traurig und machte dennoch auch Hoffnung. Auf der einen Seite steckt für mich eine gewisse Endlichkeit in der Frage der Ärztin. Sie hätte auch sagen können: „Können Sie sich eine letzte Operation in Ihrem Alter vorstellen?“. Es geht „nur“ um eine Venen-OP, also um einen Routineeingriff. Danach stehen die Chancen gut, dass es bei Oma wieder deutlich besser läuft.
„Wenn ich mir etwas wünschen darf, Oma...dann lass die OP machen. Stell Dir vor, Du könntest dann wieder mit mir ein wenig laufen. Durch den Wald, durch unseren Wald. Wäre das nicht wunderbar?“, sagte ich leise beim letzten Stück Schnitzel. Sie nickte, mit leicht geröteten Augen. Und es war Zeit für sie, eine Mittagsruhe einzulegen, um die Beine hochzulegen.
Junge springt

Schon als Kind laufen! Für Kleiss der Start seiner Karriere.

Vertrautes Terrain

Ich nahm die Beine eher in die Hand. Und nutzte die Zeit und das Erlebte, um durch meinen Wald zu laufen. 18 Kilometer, 400 Höhenmeter, dieser Teil des Westerwaldes ist recht bergig. Ich lief eine Strecke, die ich das letzte Mal mit Oma und meinem Großvater gelaufen war. Es mussten ca. 35 Jahre vergangen sein. Die Sonne brannte, so wie sie nur dort brennt. Unterbrochen von dunklen Wolken, so wie sie nur dort über die Wälder ziehen. Ein kühler Wind, so wie er nur dort weht. Und plötzlich roch es wie damals, und ich fand automatisch den Weg, und plötzlich fühlte ich mich wieder wie 6 oder 7 Jahre alt, und plötzlich erinnerte ich mich daran, wieviel wir immer gelaufen waren.
Als ich zurück kam, saß Oma noch immer in ihrem Sessel. Sie hörte mich nicht. Sie hört nur das, was sie hören will. Und das auch nur schwer. Sie schlief friedlich, und plötzlich öffnete sie die Augen. „Die Klingel habe ich nicht gehört, das Telefon auch nicht, ich habe Deine Schritte gehört. Ich kenne das Geräusch, wenn Du läufst“, sagte sie noch etwas verschlafen.

Mehr Omatage

Ich habe mir beim Abschied vorgenommen, diesen Weg öfter zu laufen. Und bete, dass es noch viele Omatage geben wird. Und ich wünsche mir nichts so sehr, wie eines Tages wieder ein paar Schritte mit ihr gemeinsam machen zu können. Durch unseren Wald. Und ich wünsche mir mehr Omas und Eltern, die bereits ihre Kinder laufen lassen. Und hier den entscheidenden Grundstein legen. Für ein gesundes und langes Leben. Laufen kann Generationen verbinden. Wir brauchen alle viel mehr Omatage.
Mike Kleiss

von

Mike Kleiß ist gelernter Journalist und arbeitete 20 Jahre für den Hörfunk. Er entwickelte und optimierte erfolgreiche Radiomarken innerhalb der ARD. Er ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.

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