Mike Kleiss – Das neue Laufen

Auch mal Stehenbleiben: Begegnung mit Otto, 73. Im Regen.

Laufen heißt auch mal stehenbleiben. Und zuhören. Davon ist unser Laufkolumnist Mike Kleiß fest überzeugt. Heute schreibt er über seine Begegnung mit Otto. Sie wird Euch nachdenklich machen.

Datum:
Otto

Laufen ist keine Sache des Alters. Otto, 73. Auch Dauerläufer.

Wenn ihr meine Kolumne regelmäßig verfolgt, dann werdet Ihr längst wissen: der Kolumnen-Kleiß sieht das Laufen vielleicht ab und an aus einem anderen Blickwinkel. In der Tat bin ich der Meinung, dass die Welt nicht noch einen braucht, der ihnen schlaue Tipps gibt, wie sie sich noch besser auf einen Marathon vorbereiten. Oder ob es besser ist, vor oder nach dem Frühstück zu laufen. Darüber wurde schon viel zu viel geschrieben. In vielen Magazinen werden diese Themen immer wieder gerne genommen. Oft geht man dort der Frage nach: „Wozu ist das Laufen eigentlich wirklich gut? Warum ist gerade das Laufen ein toller Sport?“. Und es folgen die üblichen Argumente, die – mit Verlaub – jeder entweder irgendwie kennt oder wenigstens bereits 1000 Mal darüber etwas gelesen hat.

Wer den Blick für Begegnungen hat, läuft besser

Für mich gibt es jede Menge Gründe, die für das Laufen sprechen. Gründe, die nicht nur den Körper gesund machen, sondern auch die Seele des Läufers. Und die auf andere, sensible Art Kraft geben. Die, die mich kennen, wissen es: Das schönste Argument FÜR das Laufen sind meine Begegnungen. Begegnungen mit Menschen, die ich auf meiner Strecke treffe. Und dafür bleibe ich gerne einfach kurz stehen. Unterbreche den Lauf, einfach um zuzuhören. In meinem Buch habe ich gleich 2 Kapitel diesen Begegnungen gewidmet. Und immer wieder berichten mir selbst die härtesten Marathonläufer, dass sie gerade diese Begegnungen berührt haben. Dass sie sich gerne an diese Geschichten erinnern, wenn sie mentale Stärke für ihr Training brauchen. Oder sogar für den Wettkampf.

Otto – der Held meiner Laufstrecke

Eine Begegnung die gerade sehr neu ist, fand erst gestern statt. Die Begegnung mit Otto. Wir sehen uns seit fast vier Jahren. Mindestens drei Mal die Woche. Otto – das weiß ich jetzt – ist 73 Jahre alt. Unsere Hunde mögen sich. Er hat einen Jagdhund, der nicht mehr so ganz gut zu Fuß ist. Otto übrigens auch nicht. Wenn Otto so läuft, dann ist es ein Mix aus Gehen und Laufen. Und wenn man Otto dabei in die Augen sieht, sieht man Freude. Sieht man Kraft, sieht man Wille. Otto – das fiel mir bereits damals auf – hat eine top Figur. Und er ist bei jedem Lauf ganz bei sich. Bisher reichte uns beiden immer ein respektvolles „Hallo“. Unseren Hunden auch. Und gestern war alles anders. Es regnete wie aus Kübeln. Und Otto kämpfte sich durch die Fluten. Sein Jagdhund hatte bei dem Wetter nicht einmal Lust aufs Jagen. Kurz bevor wir auf gleicher Höhe waren, machte Otto eine kleine Pause. Und sagte sehr stolz: „Wir sind heute die einzigen. Sonst ist hier niemand. Bei dem Wetter sind die alle zu weich. Nur wir beide, wir ziehen es durch.“ Er steckte mir seine Hand entgegen. Nach über drei Jahren streckte er mir seine Hand entgegen. Solidarität zwischen zwei harten Regenläufern. Mann, was fühlte sich das gut an. Ich schlug ein, und meine Hand landete in einem Schraubstock. „Otto. Angenehm. 73 Jahre alt. Aus Nippes.

Du warst mal ganz schön fett, Dauerläufer!

„Und wie heißt du, Dauerläufer? Die Leute sagen, Du läufst jeden Tag. Jede Stunde. Und hast ein Buch geschrieben. Du warst mal ganz schön fett. Das weiß ich noch.“, schmetterte mir Otto entgegen, während er mir unbewusst fast die Hand brach. Er ließ sie auch nicht los. „Mike, 45, freue mich. Dauerläufer stimmt. Stimmt alles, was die Leute so sagen. Wir sind die letzten Regenläufer. Männer von Welt eben. Und... ganz schönen Druck hast du in der Hand, Otto.“, entgegnete ich.
Zwei Generationen von Läufern standen so da. Im Matsch auf einem Feldweg in Köln Longerich. Hinter der Kaserne. Im Starkregen. Das verbindet. Ich erfuhr nun alles von meinem neuen besten Lauffreund. Powerinformation in 5 Minuten.
Otto war 40 Jahre im Einkauf bei Ford gewesen. Und immer, immer machte er Sport. Zweimal die Woche Laufen, einmal Tennis, zweimal Radfahren. Und auf die Jagd geht Otto auch. „Ich hatte früher immer so 71 Kilo, heute pendle ich zwischen 74 und 78. Und bin 1,80 Meter groß. Gewichtsprobleme kenne ich nicht“, sprach er stolz, „Die Ärzte bestätigen mir jedes Jahr, alles top. Alles top. Das muss man auch erstmal schaffen, mit 73“. Otto strotzte nur so vor guter Laune und Stolz. Und mit was? Mit Recht! Ich konnte ihm nicht einmal übelnehmen, dass er mich zärtlich Dauerläufer genannt hatte.
Alter Mann

Fit sein, ist keine Frage des Alters, sondern der Einstellungen, weiß Kleiss.

Bleibt gesund, Läufer! Bleib gesund! Krieg die Kurve!

Plötzlich fand ich dieses Oldschool-Wort sogar richtig gut. Ich bekräftigte immer wieder meinen Respekt vor seiner Disziplin, dass er das Pensum sein Leben lang durchgehalten hatte. Und dass er Lebensfreude pur ausdrückte. Und wir lachten, und wir lästerten über Schönwetterläufer, und wir redeten einfach lustig übers Laufen. Im Regen. Und plötzlich wurde Otto sehr still. So dass der Regen lauter als seine Stimme wurde. Und ich ging einen Schritt auf ihn zu, damit ich ihn verstehen konnte. „Weißt du was Mike? Weißt du warum es mit guttut? Zu sehen, dass du so viel Gewicht verloren hast, wieder gesund bist? Dass du ein echter Dauerläufer geworden bist? Weil du die Kurve bekommen hast. Zu viele meiner Lieben sind bereits gegangen. Weil sie nicht auf sich aufgepasst haben. Ich habe fast niemanden mehr. Eigentlich nur noch meine Frau. Mein bester Freund ging bereits vor 20 Jahren. Starker Raucher. Lungenkrebs. Das tat mir sehr weh. Und so ging es weiter. Familienmitglieder, Freunde, Bekannte. Zuletzt mein Bruder. Immer übergewichtig, keine Bewegung. Vor sechs Monaten Herzinfarkt. Mike, lauf weiter. Immer weiter. Ich bitte dich darum. Und wenn du wieder ein Buch schreibst, dann sag den Leuten, dass sie laufen sollen. Machst du das?“, Otto schluckte. Ich auch. Mehrmals. „Das habe ich so noch nie jemandem gesagt, Mike. Aber unter Dauerläufern kann man sich das doch so offen sagen. Auch wenn was wehtut. Kann man doch, Mike. Oder?“, fragte er. „Kann man Otto, kann man. Muss man, Otto. Wenn nicht unter Dauerläufern. Wo denn dann?“, entgegnete ich. Und legte ihm meine Hand auf die Schulter.

Das Versprechen unter Läufern

Wir gingen ein Stück gemeinsam. Den Weg zur Pferdekoppel hinunter. Durch den Regen. „Otto, ich verspreche dir etwas. Ich werde deine Botschaft nicht erst im nächsten Buch schreiben. Ich darf ab und an mal eine Kolumne bei evivam.de schreiben. Das geht schneller. Und wäre direkt im Internet. Ist das in Ordnung?“, fragte ich schüchtern. „Das geht in Ordnung, Mike. Das wäre schön.“, sagte Otto. Das Glänzen in seinen Augen kam schlagartig zurück. „Otto, ich will gerne Danke sagen. Danke für Deinen Händedruck, Danke für Deine Lebensgeschichte in fünf Minuten, Danke dafür, dass Du wieder einmal bewiesen hast: Wer beim Laufen auch mal kurz stehenbleibt, sich Zeit für den anderen nimmt, der wird ein Gewinner sein. Weil er für sich selbst einen Gewinn von unschätzbarem Wert eingefahren hat. Und unsere fünf Minuten heute, die werde ich nie vergessen. Und immer wenn ich mich frage, wozu ist eigentlich das Laufen gut, wenn ich jemals daran zweifle, dann werde ich mich an diesen Moment erinnern. Danke.“, sagte ich bestimmt. Otto lachte.

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