Risiken nicht ausgeschlossen

Fitness-Apps im Test: Was taugt das Smartphone als Coach?

Fitness-Apps versprechen optimales Training – auch ohne Fitnesstempel und teure Geräte. Ob die Apps dem sportlich motivierten Körper auch wirklich Gutes tun oder ob du mit einer App letztlich am falschen Ende sparst, verrät eVivam.

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Fitness-Apps im Test

Wie gut klappt das Training mit Fitness-Apps zu Hause und ohne zusätzliche Geräte? eVivam hat es getestet.

Du fühlst dich eingerostet und schlapp – und rechtzeitig zur schönen Jahreszeit soll der leidige Winterspeck endlich wieder weichen? Dafür brauchst du aber angeblich weder die Mucki-Bude noch Jogging im strömenden Regen unter Flüchen: Du kannst auch ganz gemütlich zu Hause trainieren! Denn Fitness-Apps versprechen, die nötige Motivation und passende Übungen für dein persönliches Trainingsziel zu liefern.

Fitness-App-Test: Experten an Bord

eVivam hat geprüft, wie gut die Heimgymnastik mit fünf gängigen Apps klappt. Die Tester investierten jeweils bis zu 13 Euro für App, Zusatzkäufe oder die monatliche Abogebühr; als „Hilfsmittel“ waren nur Hanteln erlaubt. Bei der Beurteilung der Übungen halfen zwei echte Fitnessprofis: Rosario Cassara ist der Athletiktrainer der Handball-Herren des HSV, die sich 2013 den Champions-League-Titel mit einem Sieg über den FC Barcelona schnappten.
Der zweite Experte, Moritz Klatten, ist erfolgreicher Personal Trainer und ein bekannter Fitnessexperte mit namhaften Kunden: In der Vergangenheit machte er bereits Bundesligaspieler wie Tolgay Arslan fit und trainiert Jack Culcay, ehemaliger Vize-Europameister im Halbmittelgewicht im Boxen.

Galerie: Testergebnisse: Fitness-Apps für iPhone

Nicht genug Ansporn und Abwechslung

Im Kampf um Muskeln und Gesundheit ist der innere Schweinehund der größte Feind. Damit erst gar kein Gedanke an faule Ausreden entsteht, sollen Apps ans nötige Training erinnern, anfeuern, über Fortschritte informieren und individuell erstellbare Pläne enthalten. Testsieger VirtuaGym bot alle diese Funktionen – ganz im Gegensatz zur Konkurrenz: Freeletics und „Tägliche Trainings“ hatten keine Klassifizierung der Work-outs an Bord.
So ist dem Nutzer nicht klar, für welches Fitnesslevel sich die Pläne eignen. Ein eigener Trainingswecker war zwar auch in Tägliche Trainings vorhanden, versagte im Test aber mehrmals. Die „7 Minuten“-Apps bieten zu wenige Übungen und kaum Abwechslung beim Training. Das ist dem Trainingsprinzip der Apps geschuldet: Es beruht auf wissenschaftlichen Studien des „American College of Sports Medicine“ (ACSM). Dabei haben Forscher 12 Übungen zusammengestellt, die in sieben Minuten machbar sind. Dafür werden die Übungen mit hoher Intensität in 30-Sekunden-Intervallen mit 10-sekündiger Pause durchgeführt – ähnlich des vielen aus Schulzeiten bekannten Zirkeltrainings.
Das schafft zwar eine gewisse Grundfitness, die mangelnde Abwechslung bei den Übungen sorgt auf Dauer aber auch für eine Stagnation des Trainingsfortschritts: Bekommen die Muskeln nach einer bestimmten Zeit keine neuen Trainingsimpulse, sinkt die Fortschrittskurve ab.

Galerie: Testergebnisse: Fitness-Apps für Android

Wie für mich gemacht?

Praxistest vor Ort

Timo Schurwanz will es wissen: Mit dem Athletiktrainer des HSV testete er die Übungen in der Praxis.

Auch Freeletics ist mit 35 Übungen etwas dünn bestückt, bietet aber immerhin 35 durchdachte Trainingspläne, die persönliche Fitness und die eigenen Ziele berücksichtigen. Das geht aber ins Geld: Das günstigste Abo gibt es ab 12 Euro – pro Monat! Das günstigere VirtuaGym bringt für monatlich 6,99 Euro satte 400 Übungen und 48 Pläne für alle erdenklichen Muskelgruppen und Trainingsstufen mit. Daraus lassen sich auch selbst Pläne erstellen, die du individuell an deine Trainingsziele anpassen kannst.
Ganz ohne Abo hingegen läuft die Konkurrenz: Tägliche Trainings enthält 148 Übungen, die du ebenfalls auf Wunsch zu eigenen Plänen kombinierst. Die App erklärt die Übungen allesamt in Videos, die zugehörigen Erklärungstexte gibt es allerdings nur auf Englisch. Bei den 7-Minuten-Apps waren es magere zwölf, gegen Aufpreis immerhin bis zu 72 Übungen. Eigene Trainingspläne gibt es hier nicht.

Der Experten-Check

Check der Fitnessapps

Am Olympiastützpunkt Hamburg nehmen Rosario Cassara vom HSV und Thomas Vattrodt die Apps unter die Lupe.

Eine große Übungsauswahl ist prima – aber das Training sollte nicht mit einem Hexenschuss enden! Trotz Video- und Texterklärungen patzten hier alle Apps außer Freeletics: Die wenigen, aber ärgerlichen Fehler bei der Erklärung mancher Übung können eine falsche Haltung und damit bleibende Schäden hervorrufen. Das rückwärtige Trizeps-Drücken am Stuhl, das Bestandteil der 7-Minuten-Apps ist, halten die Experten sogar für gefährlich. Und das Niveau passt oft nicht zu den Angaben: So sind für Trainings-Anfänger 20 Klimmzüge (VirtuaGym) definitiv zu viel.
Auch Freeletics ist teils viel zu anspruchsvoll Einsteigern gegenüber. Liegestütze kopfüber im Handstand an der Wand? Klingt wie eine der zwölf Heldentaten des Herakles, ist aber eine Übung, auf die auch Anfänger in Freeletics Zugriff haben. Einige der Trainingspläne bringen laut Cassara und Klatten sogar Profis richtig ins Schwitzen. Hier herrscht dringender Nachbesserungsbedarf. Klatten bemängelt zudem das falsche Versprechen von Freeletics: Darin erwecken muskelbepackte Athleten den Eindruck, nur dank der App so auszusehen. Ohne entsprechende Ernährung ist das nur schwer vorstellbar.

Wenig Rücksicht auf die Gesundheit

Moritz Klatten

Fitness-Experte Moritz Klatten bemängelt die fehlende Rücksichtnahme auf Verletzungen und falsche Versprechungen der Apps.

Obwohl die Apps versprechen, den Nutzer körperlich voranzubringen und fit zu machen, berücksichtigen sie kaum individuelle körperliche Eigenschaften oder bereits vorhandene Verletzungen. Probleme mit der Bandscheibe, dem Knie oder Bluthochdruck? Keine App erkundigte sich danach. Dabei wäre es relativ einfach, die verschiedenen Übungen mit Warnhinweisen für bestimmte Verletzungen zu versehen.
Auch die Abfrage des Gewichts hatte im Test keinen Einfluss auf den Trainingsplan – das kann ernsthafte Schäden verursachen. Wer zudem viel trainieren möchte, muss selbst darauf achten, seinen Körper gelegentlich ganzheitlich zu belasten. Die Apps leisten das nämlich nicht immer. Wenn du also ständig nur die optisch attraktiven Muskeln wie Brust oder Bauch trainierst und den Rücken vernachlässigst, kann das zu Haltungsschäden führen.

Fazit

Dass Sport guttut, wussten schon die alten Griechen und brauchten dafür keine App – so ist es auch heute noch. Wer trotzdem mit dem Smartphone trainieren möchte und sich schon etwas auskennt, findet beim Testsieger VirtuaGym neue Inspiration durch die beachtliche Anzahl an Übungen und fertigen Work-out-Plänen.
Generell solltest du aber auch beim Testsieger die Pläne im Vorfeld prüfen: Gibt es Übungen, die aufgrund von bestehenden Verletzungen zu gefährlich sein können? Dann such lieber vorm ersten Training einen Profi auf, frage noch einmal nach und lass dir die richtige Ausführung von heiklen Übungen zeigen.

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