Die Zuckerindustrie zur Kasse, bitte!

Zuckersteuer: Wellenbrecher eines Adipositas-Tsunamis?

Wir sind Süßes gewöhnt und unsere Gesellschaft krankt deswegen: Sie leidet an Übergewicht, Diabetes oder einfach Bewegungsfaulheit. Unsere Autorin Wibke Roth findet, es ist Zeit, die Zuckerindustrie dazu zu bringen, weniger zuckrig zu produzieren.

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Symbolbild: Zuckersteuer als Steuerungsinstrument?

Zucker hängt mit Volksleiden wie Diabetes zusammen. Gibt es eine Pille, die das Gesundheitsproblem einer ganzen Gesellschaft zu lösen vermag?

Eine beiläufig gelesene Überschrift brachte mich vor Kurzem auf das Thema Zucker – und zwar: „Gewerkschaft gegen neue Zuckersteuer“. Gemeint ist die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die sich (natürlich) für Arbeitsplätze einsetzt. In dem konkreten Fall meiner Überschrift sieht die NGG eine höhere Besteuerung von zucker- und fetthaltigen Lebensmitteln als Bedrohung für Beschäftigte in der Ernährungsindustrie in Nordrhein-Westfalen. Limo und Schoki sollen also steuermäßig unberührt bleiben.

Gewerkschaft: Zuckersteuer trifft Beschäftigte

Die Meldung erschien in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) lokal ebenso wie überörtlich. Ihr zufolge betrifft in der Ruhrgebietsstadt Herne eine Zuckersteuer den Großteil der Arbeitnehmer. In der nordrhein-westfälischen Zucker-, Süßwaren- und Getränkeherstellung sind laut NGG insgesamt rund 25.000 Menschen beschäftigt. Liest man die NGG-Meldung, ohne ihren weiteren Sinnzusammenhang zu beachten, entsteht leicht der Eindruck, dass eine Zuckersteuer per se böse ist, vor allem eben für die in der Zuckerindustrie beschäftigte Bevölkerung.
Symbolbild: Arbeiter in der Zuckerindustrie

Süßgetränke enthalten zu viel Zucker. Es gibt Möglichkeiten, Getränke weniger süß zu machen, doch die Industrie unterliegt keinem politischen Zwang, das zu tun.

Vorbeugung: Sache der Konsumenten?

In dem WAZ-Artikel heißt es weiter, laut NGG sähen auch die Krankenkassen eine Zuckersteuer mehrheitlich skeptisch sehen und setzten stattdessen auf gesundheitliche Aufklärung. Das machte mich neugierig: Reicht es, die Gesellschaft über gesundes Nahrungsverhalten zu informieren, damit sie weniger Zucker zu sich nimmt? Oder ist es eher an der Lebensmittelindustrie, ihr zuckersüßes Angebot zu überdenken? Und wenn Letzteres freiwillig nicht klappt: Warum nicht mithilfe einer Pille namens Zuckersteuer?

Krankenkassen: Gesundheitliche Aufklärung genügt

Ich beginne meine Recherche bei den eben erwähnten Krankenkassen. Dabei kommt mir gelegen, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) eine Umfrage unter gesetzlichen Krankenkassen gemacht hat, um zu erfahren, wie sie zu einer Zwangsabgabe stehen. Die allgemeine Resonanz: Ablehnung. Vier Krankenkassen – Techniker Krankenkasse (TK), Barmer, DAK-Gesundheit und AOK-Bundesverband – sehen eine pauschale Besteuerung skeptisch. Die AOK Rheinland/Hamburg betrachtet eine Zuckersteuer sogar als „letztes Mittel“. Ebenso hieß es auf eVivam-Nachfrage vom GKV-Spitzenverband, der Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland: „Wir setzen mehr auf Aufklärung und Information als auf eine Zuckersteuer.“ Denn schließlich, so der Verband, seien nur informierte Verbraucher imstande, sich bewusst zu entscheiden. Das grobe Fazit seitens der Krankenkassen lautet also: Liebe Mitbürger – greift eher zur Saftschorle statt zur Brause und bewegt euch, dann dürft ihr auch mehr essen.

Zuckersteuer gleich Armensteuer?

Neben Gewerkschaften und Krankenkassen gibt es weitere kritische Stimmen, denen zufolge die Abgabe keinen Erfolg bringt – etwa angesichts der Entscheidung in Großbritannien: Dort bittet man Hersteller ab 2018 zur Kasse, wenn sie mehr als 5 Gramm Zucker auf 100 Milliliter Getränk mischen. „Die Zeit“ schreibt dazu, dass Konsumenten zwar künftig 8 Pence mehr für Cola zahlen, dafür dann aber eventuell auf Sprite ausweichen, da deren Preis um bloß 6 Pence steigt. Eine weitere kritische Meinung bezeichnet die Zuckersteuer als Armensteuer, weil sie nur die mit wenig Einkommen und Bildung träfe – diejenigen, die eh schon am meisten gebeutelt sind.
Süßgetränke: bitter für die Gesundheit

Minderjährige trinken im Schnitt mehr als zwei Gläser Süßgetränke pro Tag, so eine Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit (KiGGS).

BLL: Statt Steuer eher mehr Bewegung und Schlaf

Eine Absage an Sondersteuern auf Essen erteilte übrigens auch der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL). Auf der BLL-Ernährungstagung 2016 forderte Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff statt einer Sondersteuer eher „wirkungsvolle Ansätze“ für tatsächlich Betroffene: Bewegung, Schlaf, Stressbewältigung, Achtsamkeit. Minhoff zufolge sind die Zahlen rund um Adipositas weniger schlimm als oftmals proklamiert. Weiterhin liefere die Lebensmittelbranche auch Innovationen wie Produkte mit weniger Zucker oder Fett. Und schließlich entscheide der Konsument über den Markt – „so sollte es auch bleiben“.

WHO & OECD: Zuckersteuer erforderlich

Während Krankenkassen und BLL Aufklärung fordern, plädieren sowohl die WHO als auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für eine Sonderabgabe auf zuckergesüßte Getränke. So hat die WHO – genauer: die Kommission „Ending Childhood Obesity“, die dem Übergewicht von Kindern ein Ende bereiten will – im Januar 2016 einen finalen Bericht vorgelegt. Dieser enthält sechs Empfehlungen für Regierungen, wovon die erste lautet:
  • Aufnahme gesunder Lebensmittel fördern („Promote intake of healthy foods”) und
  • Aufnahme von ungesunden Essen sowie mit Zucker gesüßten Getränken reduzieren.
Ihr Vorschlag zur Umsetzung? Nun, zum Beispiel durch eine Besteuerung zuckriger Getränke. Die WHO hält es für wissenschaftlich evident, dass eine Sonderabgabe in Höhe von 20 Prozent des Verkaufspreises dazu führt, dass Verbraucher 20 Prozent weniger von den besteuerten Produkten konsumieren.

Auch foodwatch und Ärzteverband pro Sondersteuer

Übrigens steht die WHO nicht alleine da mit ihren Forderungen. Eine Sonderabgabe befürwortet auch die Verbraucherschutzorganisation foodwatch. Und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) fordert seit Jahren unter anderem eine Zuckerabgabe für süße Getränke. So schrieb BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach in einem Artikel des Ende 2016: „[W]ir [brauchen] endlich eine Zuckersteuer nach dem Vorbild der Alkopops-Steuer. Nachdem die Politik die bei Jugendlichen überaus beliebten Schnapsmischgetränke mit einer Sondersteuer belegt hatte, sank der Absatz binnen eines Jahres um 80 Prozent. Mit einer Zuckersteuer und damit höheren Preisen würden der Absatz von Süßgetränken deutlich zurück gehen.“
Übergewichtige Kinder beim Werbunggucken

„Die Lebensmittelindustrie versucht, zusammen mit der von ihnen beauftragten Werbeindustrie vor allem aus Kindern lebenslang treue Kunden zu machen", kritisiert der BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach.

35.000.000 Todesfälle durch Zucker

Hintergrund dieser Plädoyers für eine Sondersteuer: die Krankheiten, welche Zucker in unserer heutigen Gesellschaft auslöst – und die Tatsache, dass das süße Gut Tausende Todesfälle auf dem Gewissen haben soll. Eine Zahl, die sich den betroffenen Angestellten der Zuckerbranche gegenüberstellen lässt. So soll Zucker für den Tod von 35.000.000 Menschen verantwortlich sein – und zwar jährlich, weltweit. Die Zahl stammt aus den 1970er-Jahren von den Professoren John Yudkin und Robert H. Lustig. Diese Pioniere der Aufklärungsarbeit rund um Zucker sahen das weiße Kristall nicht nur für Adipositas und Diabetes mellitus Typ II verantwortlich, sondern auch für koronare Herzerkrankungen (umgangssprachlich Arterienverkalkung).

WHO: Zahl der Adipositas-Patienten steigt

Solche Aussagen gehen Hand in Hand mit denen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Nach deren Angaben war Diabetes 2012 für 1,5 Millionen Todesfälle verantwortlich. Und hohe Blutzucker-Werte – also alle, die höher liegen als optimal – seien für weitere 2,2 Millionen Todesfälle verantwortlich. Sie sind Konsequenz von beispielsweise Herzerkrankungen. Einigen Quellen zufolge gehen heute mittlerweile 38.000.000 Todesfälle auf das Zuckerkonto. Inzwischen gibt es nach WHO-Angaben doppelt so viele Menschen mit Adipositas als noch in den 1980er-Jahren. In der eben zitierten Quelle steht auch, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung heute eher an Übergewicht als an Untergewicht stirbt.

TK fordert lobbyunabhängige Verbraucherinformation

Interessant: Anlässlich ihrer Veröffentlichung der TK-Ernährungsstudie 2017 hat sich die größte Krankenkasse Deutschlands Oliver Huizinga mit ins Boot geholt – foodwatch-Experte für die Themen Übergewichtsprävention, Lebensmittelkennzeichnung und Lebensmittelwerbung. Bei der Vorstellung der Studie im Januar war Huizinga mit auf dem Podium. Die TK wünscht sich lobbyunabhängige Verbraucherinformation. Sie geben Huizingas Meinung Platz auf ihrem Blog, distanzieren sich aber davon: „Wir freuen uns, dass er außerdem mit diesem Gastkommentar auf unserem Blog seine Meinung teilt. Auch, wenn wir eine andere haben."
Großbritannien führt Zuckersteuer ein

Die Zuckerstatuen der britischen Künstlerin Jacqui Kelly veranschaulichen, welche Menge an Zucker in kohlensäurehaltigen Getränken jede Minute in UK verbraucht werden.

Huizinga: „Ernährungsbildung wird massiv überschätzt.“

Die Krux: Menschen wollen sich zwar gern gesund ernähren, doch man macht es ihnen schwer. Das Lebensmittelangebot ist riesig, die Zeit zum Kochen und zur Essensauswahl in den Supermärkten hingegen rar. Huizinga schreibt in seinem Statement: „Ernährungsbildung wird massiv überschätzt.“ Ist diese Präventionsstrategie gar ganz gescheitert? Die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan hat in ihrer Rede im Jahr 2013 bereits kritisiert, dass sich die Politik bislang nicht genügend einmischt: „Kein einziger Staat hat es geschafft, die Fettleibigkeitsepidemie in allen Altersgruppen zu stoppen. Hier mangelt es nichttps an individueller Willenskraft. Hier mangelt es am politischen Willen, sich mit einer großen Industrie anzulegen.“

Vorreiterländer: Versuch macht klug

Die einen Länder machen mit Blick auf Fehlernährung weiter wie bisher, und das erfolglos. Doch es gibt auch Staaten, die in dem Punkt fortschrittlicher sind als Deutschland, indem sie eben mehr tun, als nur auf Bildungsangebote zu setzen. So zählt Huizinga Länder auf, die in seinen Augen eine „erfolgreiche Präventionspolitik“ betrieben:
  • Dänemark und Finnland, die besonders gesunde Produkte mit einer extra Kennzeichnung auszeichnen;
  • Schweden und Chile, die an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel beschränken;
  • Länder wie Großbritannien, die Hersteller besonders zuckriger Getränke zur Kasse bitten.

Fazit: Sonderabgabe kann ein Hilfsmittel gegen Adipositas-Tsunami sein!

Es ist an der Zeit, etwas gegen den Zucker in unserem Essen zu unternehmen: Längst ist von einem Adipositas-Tsunami die Rede, der in den kommenden Jahren auf uns zurollt. Die Deutsche Adipositas Gesellschaft schreibt, dass bereits 15 Prozent der Drei- bis Siebzehnjährigen in Deutschland übergewichtig seien, 6 Prozent der Kinder und Jugendlichen sogar adipös – Tendenz steigend. Entsprechend nehmen Krankenstände und Behandlungskosten voraussichtlich immer weiter zu. Ein Tsunami aus Wasser bringt eine gewaltige Zerstörungskraft mit sich, doch Frühwarnsysteme sind in der Lage, Menschen davor zu warnen. Der Unterschied zu dem Sturm aus Zucker: Wir sehen die riesige Welle kommen, bleiben aber tatenlos. Paradox, denn bei einem Hochwasser stellt doch auch niemand nur die Frage, ob Sandsäcke reichen. Stattdessen schaut man, welche Mittel außerdem zur Verfügung stehen, um das Unheil abzumildern.
Wibke Roth

von

Wenn ich Texte verfasse, erfasse ich die Welt. Wenn ich laufe, erlebe ich sie. Ich arbeite als freischaffende Journalistin und Texterin sowie Fitness-, Reha- und Yoga-Trainerin im Herzen des Ruhrgebiets, oder manchmal auch auf Mallorca.