Der "frei-von"-Boom

Lebensmittelunverträglichkeit oft nur "gefühlt"

Lebensmittel mit dem Aufdruck „frei-von“ liegen im Trend: Immer mehr Menschen glauben, unter einer Lebensmittelallergie oder Lebensmittelunverträglichkeit zu leiden. Meist ist sie nur „gefühlt“.

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Lebensmittelunverträglichkeit

Leiden Sie an einer Lebensmittelunverträglichkeit? Die Läden sind voll von "frei-von"-Lebensmitteln.

Frei vom Klebereiweiß Gluten, dem Fruchtzucker Fruktose, dem Milchzucker Laktose, Ei oder Nüssen: Immer mehr Menschen greifen im Supermarkt zu Lebensmitteln, die ohne bestimmte Inhaltsstoffe auskommen. Sie sind fest überzeugt, unter einer Lebensmittelunverträglichkeit wie der Laktoseintoleranz oder Glutenunverträglichkeit oder sogar einer echten Lebensmittelallergie zu leiden. So erklären etwa 20 Prozent der Bevölkerung in Umfragen, sie hätten eine Lebensmittelallergie. Doch nur die wenigsten leiden tatsächlich darunter: Allergietests ergaben, dass nur rund drei Prozent der Erwachsenen und vier bis sechs Prozent der Kinder auf bestimmte Lebensmittel allergisch reagieren. Damit lag die Rate der diagnostizierten Lebensmittelallergien fast sechsmal niedriger, als die Befragungen vermuten ließen. Bei vielen ist sie also nur „gefühlt“ oder „eingebildet“. Das gilt auch für die Lebensmittelunverträglichkeit. Für diese Personen hat der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop jetzt einen nicht ganz so netten Namen kreiert: „Ernährungshypochonder“ nennt er Menschen, die von sich aus einen Bogen um gewisse Lebensmittel machen, ohne dass ein Arzt eine Lebensmittelallergie oder Lebensmittelunverträglichkeit diagnostiziert hat. Allergie und Unverträglichkeit sind übrigens nicht das Gleiche!

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Gefühlte Lebensmittelunverträglichkeit: Immer mehr „frei-von“-Produkte

Warum viele Menschen dem „Frei-von-Trend“ bei der Auswahl ihrer Lebensmittel so intensiv folgen, ist noch weitgehend unklar. Viele klassifizieren heute Gluten, Zucker, Milch oder Ei als „böse“ und schädlich für die Gesundheit. Um sich etwas Gutes zu tun, kaufen Sie Produkte ohne vermeintlich gesundheitsgefährdende Stoffe. Die Lebensmittelindustrie hat sich längst auf den rasanten Boom eingestellt und bringt immer mehr solcher Nahrungsmittel auf den Markt. Die Produktionsflut dieser „frei-von-Lebensmittel“ lässt fast vermuten, dass es in Deutschland eine wahre Epidemie an Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten gibt. Die Gefahr sehen Forscher aber eher beim Übergewicht und der Fettleibigkeit (Adipositas). Unter eine Laktoseintoleranz leiden tatsächlich nur bis zu 15 Prozent der Bevölkerung (in Asien sind es fast 90 Prozent). Viel weniger Menschen betrifft die Glutenunverträglichkeit, nämlich nur 0,9 Prozent.
Hersteller bieten heute unzählige laktosefreie Produkte wie Milch aus Kokos, Soja, Hafer, Mandel oder sogar Hanf. Auch Produkte ohne Gluten sind der Renner. Meist sind sie deutlich teurer als herkömmliche Varianten. So legen viele Verbraucher auch ohne die Diagnose "Lebensmittelunverträglichkeit" viel Geld auf den Tisch: Rund 1,50 Euro kosten glutenfreie Nudeln, herkömmliche Pasta ist dagegen schon für rund 50 Cent zu haben. Dass die selbst diagnostizierten Allergien und Unverträglichkeiten schlimme Folgen haben, zeigt der Fall des belgischen Babys: Es starb, weil die Eltern eine Laktose- und Glutenintoleranz vermuteten, aber keinen Arzt mit ihrem Kind aufsuchten. Monatelang fütterten sie es nur mit Flüssigkeit aus Reis, Hafer, Quinoa und Buchweizen.

Lebensmittelunverträglichkeit macht Menschen interessant!

Buchautor Knop vermutet hinter dem Trend eine Mixtur aus Profilierung und Selbstdarstellung. Wer verzichtet, grenzt sich ab, bleibt Gesprächsthema und für andere interessant. So findet er neue Gleichgesinnte, Verbündete und tauscht sich mit anderen in der Kita, auf dem Spielplatz oder in der Mittagspause aus. Nicht mehr die Politik oder die Kunst sind Themen, sondern ob das Gegenüber schon das neue, sensationelle laktosefreie Joghurt probiert hat. Wer heute keine Lebensmittelallergie oder Nahrungsmittelunverträglichkeit hat, gilt schnell als totaler Langweiler. Soziologen interpretieren den Trend eher als Wohlstandsproblem: Es ist der Überfluss, der den Bundesbürgern zu schaffen macht. Die übersättigte Wohlstandsgesellschaft könne es sich leisten, Grundnahrungsmittel wie Getreide oder Milch als Krankmacher zu verdammen, während in anderen Ländern bitterer Hunger herrscht.
Auch aus Unsicherheit beim Umgang mit dem Thema Ernährung entscheiden sich viele für den Verzicht, nach dem Motto „weniger ist mehr!“ Denn die Massentierhaltung, intensive Landwirtschaft und viele Lebensmittelskandale mit Dioxin in den Eiern, Gammelfleisch oder Antibiotika-Hühnchen machen den wenigsten Appetit auf konventionelle Lebensmittel. Wie trendig das Thema ist, zeigte die Messe "Allergy & Free From Show", die kürzlich in Berlin stattfand. Knapp 100 Aussteller präsentierten ihre „frei-von“-Lebensmittel und Kosmetikprodukte, und vor der Eröffnung bildeten sich lange Warteschlangen.

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Lebensmittelunverträglichkeit ist nicht gleich Nahrungsmittelallergie!

Menschen mit einer Lebensmittelunverträglichkeit vertragen manchmal noch geringe Mengen "Ihres" Auslösers, zum Beispiel den Milchzucker Laktose. Laktosearme Lebensmittel bekommen manchen gut, wenn die Lebensmittelunverträglichkeit nicht schwer ausgeprägt ist. Wer sehr empfindlich ist, steigt besser auf laktosefreie Lebensmittel um. Die Lebensmittelunverträglichkeit ist aber nicht mit der Lebensmittelallergie zu verwechseln!
Bei Allergikern reagiert das Immunsystem überschießend auf bestimmte Nahrungsmittel, oft auf Nüsse (Erdnüsse), Äpfel, Kuhmilch- und Hühnereiweiß, Meeresfrüchte, Weizen oder Sellerie. Die allergische Reaktion äußert sich durch Hautauschlag, Jucken, Schwellungen oder Magen-Darm-Probleme. In schweren Fällen entwickelt sich ein lebensgefährlicher, anaphylaktischer Schock, der zu Atemnot und Kreislaufproblemen führt. Damit er nicht tödlich ausgeht, haben Lebensmittelallergiker meist ein Notfallset bei sich. Eine zusätzliche Lebensmittelallergie entwickeln oft Menschen, die schon unter Heuschnupfen leiden, die sogenannte Kreuzallergie. Dann quälen sie nicht nur die Pollen, sondern auch einige Früchte oder Schalentiere.

Laktosefreie Lebensmittel

Ingrid Müller

von

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