Experten-Tipps

Richtig erben und vererben – darauf sollten Sie achten

Geht es ums Geld, gibt es im Todesfall häufig Streit zwischen den Erben. Doch den können Sie noch zu Lebzeiten vermeiden. Wir erklären, worauf Sie achten müssen.

Datum:
Testament

Niemand macht sich gern Gedanken über den eigenen Tod. Doch für die Nachkommen kann das Erbe schnell zum Streitfall werden. So verhindern Sie Konflikte.

Wenn ein geliebter Angehöriger stirbt, ist die Trauer groß. Und dann müssen die Hinterbliebenen in dieser emotional belastenden Lage auch noch sehr viele Dinge regeln. Gibt es ein Testament, und wo ist es? Wer bekommt Haus, Hof und wertvolle Erinnerungsstücke? Wie einigt man sich mit den Geschwistern? Viele Probleme bei der Erbschaft entstehen, weil sich die Verstorbenen zu Lebzeiten nicht ausreichend darüber Gedanken gemacht haben. Oder weil Angehörige das Thema aus falscher Scham nicht ansprechen wollten. Wer Ärger, Streit oder gar juristische Auseinandersetzungen vermeiden will, muss sich an ein paar Grundregeln halten. Welche das sind, haben wir uns von Experten erklären lassen: Paul Grötsch, Münchner Fachanwalt für Erbrecht und Geschäftsführer des Deutschen Forums für Erbrecht, sowie Birgit Johannsen, Rechtsanwältin und Mediatorin in Erbstreitigkeiten, Hamburg.

Galerie: 5 Fehler, die Sie beim Testament vermeiden sollten

So vererben Sie richtig

Soll ich als Erblasser schon zu Lebzeiten mit meiner Familie über die Aufteilung des Erbes sprechen? Ja, unbedingt. Sprechen Sie mit Ihrem Partner und Ihren Kindern. Machen Sie einen Vorschlag, wie Sie sich die Verteilung Ihres Vermögens vorstellen. Sagen Sie, wem Sie Geld, Schmuck oder Immobilen, aber auch Haustiere vermachen wollen.
Was ist, wenn meine Kinder andere Erwartungen haben? Fragen Sie nach den Wünschen Ihrer Angehörigen, und versuchen Sie, diese Erwartungen zu berücksichtigen. Manchmal entspricht ein Tausch, an den Sie vielleicht gar nicht gedacht haben, mehr den individuellen Bedürfnissen der Erben, ohne dass dies zu ungleichen Erbteilen führt.
Ich habe nach der Festlegung schon „verteiltes“ Vermögen verbraucht. Was soll ich tun? Sofern sich etwas ändert, weil Sie etwa eine Immobilie verkaufen mussten, sollten Sie Ihre Angehörigen informieren. Am besten setzen Sie sich wieder mit allen zusammen und besprechen eine neue Verteilung.
Ich habe ein Kind lieber als ein anderes, soll ich ihm mehr vererben? Eine solche Entscheidung sollten Sie nur in Ausnahmefällen treffen, da das fast immer zu Streit unter den Erben führt.
Kann ich ein Kind auch enterben? Ja. Aber jedes Kind hat Anspruch auf seinen Pflichtteil, je nach Anzahl der Kinder ist das maximal ein Viertel. Dieser Pflichtteil kann nur aus schwerwiegenden Gründen entzogen werden – etwa wenn der Nachkomme versucht hat, den Erblasser zu töten. Aber: Ein Verzicht ist möglich. In diesem Falle schließt man mit dem jeweiligen Kind einen notariellen „Pflichtteilsverzichtsvertrag“. In der Regel lässt das Kind sich seinen Verzicht vorab zum Beispiel mit einer Schenkung zu Lebzeiten entschädigen.
Brauche ich ein Testament? Ja, jeder sollte eines haben! Das gilt insbesondere für all diejenigen, die beim Vererben von der gesetzlichen Erbfolge abweichen und mehr Einfluss auf die Verteilung haben wollen.
Wie verfasse ich meinen letzten Willen? Das Testament muss vollständig eigenhändig, also handschriftlich verfasst und mit Vor- und Zunamen sowie Ort und Datum unterschrieben werden. Wählen Sie als Überschrift beispielsweise „Mein Letzter Wille“ oder „Mein Testament“.
Sind Erbe und Vermächtnis das Gleiche? Das Erbe umfasst den gesamten Nachlass und damit auch eventuelle Schulden. Das Vermächtnis ist nur ein Teil davon. Beispiel: Die Kinder werden die Erben, der Sportverein bekommt als Vermächtnis einen bestimmten Betrag.
Paul Grötsch

„Nur jeder Vierte macht ein Testament, weil viele Menschen Scheu haben, sich damit zu beschäftigen. Das ist ein großer Fehler.“

Paul Grötsch, Fachanwalt für Erbrecht

Wie vererbe ich zum Beispiel Häuser oder Schmuck? Oft gibt es Streit, wenn nicht nur Geld, sondern Immobilien, Schmuck oder Autos vererbt und im Testament nicht zugeordnet sind. Können sich die Erben nicht einigen, müssen sie Häuser oder Gegenstände, die sich nicht teilen lassen, unter Umständen verkaufen. Tipp: Sie können Streit verhindern, indem Sie in Ihrem Testament neben den Erbquoten konkret festlegen, wer welche Dinge bekommen soll. Dabei sollten Sie aber klarstellen, ob Wertunterschiede auszugleichen sind.
Welches Testament passt zu meinen Wünschen? Alleinstehende ohne Kinder, Nichten oder Neffen sollten ein Einzeltestament verfassen. Darin können Sie etwa Ihren Sportverein oder einen langjährigen Freund einsetzen. Für Ehepaare mit Kindern ist das Berliner Testament erste Wahl. Darin setzen sich die Partner gegenseitig als Erben ein und bestimmen ihre Kinder als sogenannte Schlusserben. Das bedeutet: Die Kinder erben erst, wenn auch der zweite Elternteil verstirbt. Auch für Ehepaare ohne Kinder und gleichgeschlechtliche Paare ist das Berliner Testament sinnvoll. Darin können Sie zum Beispiel Nichten oder Neffen als Schlusserben einsetzen. Tun Sie das nicht, erben nur die nächsten Verwandten des Längerlebenden, die Verwandten des Erstversterbenden gehen leer aus. Wichtig: Mit einer Scheidung verfallen die gegenseitigen Erbansprüche, ein gemeinsames Testament wird im Normalfall unwirksam. Paare ohne Trauschein sollten unbedingt ein Testament verfassen, da sonst der Längerlebende im Erbfall nichts bekommt. In Einzeltestamenten können sich die Partner gegenseitig als Erben einsetzen. Nachteil: Einer von beiden könnte seinen Letzten Willen heimlich ändern. Das lässt sich mit einem notariellen Erbvertrag verhindern. Wichtig: Im Vertrag muss für den Trennungsfall eine Rücktrittserklärung verankert sein.
Wer erbt mein Vermögen, wenn es kein Testament gibt? Bei der gesetzlichen Erbfolge erben zunächst der Ehegatte oder eingetragene Lebenspartner und die Kinder. Danach Angehörige nach ihrem Verwandtschaftsgrad. Verwandte 1. Ordnung sind Kinder und Enkel. Verwandte 2. Ordnung sind die Eltern sowie die Geschwister und deren Kinder (Neffen, Nichten). Verwandte 3. Ordnung sind Großeltern sowie Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen. Gibt es einen Verwandten der 1. Ordnung, geht der Rest leer aus. Ist ein an sich Erbberechtigter bereits verstorben, erben für ihn dessen Kinder.
Muss das Testament notariell beglaubigt sein? Nein, eine Beglaubigung ist unnötig. Eine notarielle Beurkundung ist sinnvoll, wenn Sie ohne Trauschein mit Ihrem Partner zusammenleben, aber gemeinsam Ihren Letzten Willen erklären wollen, oder wenn Sie nicht mehr schreiben können.
Ab wann wird Erbschaftssteuer fällig? Immer dann, wenn das Erbe über dem Steuerfreibetrag liegt (siehe Tabelle). Wenn Sie Vermögenswerte vererben wollen, die über diesen Beträgen liegen, sollten Sie sich von einem Steueranwalt beraten lassen.

Steuerfrei Erben

Ehepartner, eingetragene Lebenspartner

500.000 Euro

Kinder, Stiefkinder

400.000 Euro

Enkel (Sofern das Kind des Erblassers verstorben ist)

400.000 Euro

Enkel, Stiefenkel

200.000 Euro

Urenkel

100.000 Euro

Eltern, Großeltern

100.000 Euro

Eltern, Großeltern bei Schenkung

20.000 Euro

Nichten, Neffen, Stiefeltern, Schwiegerkinder/-eltern, geschiedene Ehepartner

20.000 Euro

... und so erben Sie richtig

Mit den Eltern schon zu Lebzeiten über die Erbschaft sprechen? Vielen ist das unangenehm. Doch Schweigen ist keine Hilfe und kann später zu Konflikten führen.
Meine Eltern tun sich schwer, über das Thema Tod zu sprechen. Soll ich das Gespräch mit ihnen suchen? Unbedingt. Wenn möglich, sollten Sie sich vorher mit Ihren Geschwistern abstimmen und dann gemeinsam auf Ihre Eltern zugehen. Die Erfahrung mit dem Tod eines Bekannten oder eines anderen Familienmitglieds kann für ein solches Gespräch der passende Anlass sein.
Soll ich nach ihrem Vermögen fragen? Es ist Sache der Eltern, wie sie die Vermögensnachfolge regeln. Deshalb ist Vorsicht geboten. Denn Eltern könnten ein zu intensives Nachfragen auch zum Anlass nehmen, eine ungünstige Regelung zu treffen.
Was ist, wenn der Verstorbene vor seinem Tod alles verschenkt hat? Wer Pflichtteilsberechtigter ist, könnte dennoch Ansprüche haben, auch gegen den Beschenkten. Dabei spielen alle Schenkungen der letzten zehn Jahre eine Rolle.
Ich bin mit dem Testament nicht einverstanden. Kann ich es anfechten? Ja, aber nur in engen Grenzen. Hat etwa der Verstorbene einen Pflichtteilsberechtigten – etwa ein uneheliches Kind – in seinem Letzten Willen vergessen, hätte dieser Anspruch auf einen Teil des Erbes.
Was können Erben tun, wenn es nach der Testamentseröffnung Streit gibt? Gibt es Streit, kann man versuchen, diesen durch eine Mediation beizulegen. Gelingt dabei keine Einigung, bleibt nur noch der Weg zum Gericht. Das wird dann aber deutlich teurer.
Kann ich das Erbe wegen Schulden ausschlagen? Ja! Das geht grundsätzlich innerhalb einer Frist von sechs Wochen ab dem Tod. Dazu schreiben Sie eine Erklärung gegenüber dem zuständigen Nachlassgericht. Liegt ein Testament vor, beginnt die Frist mit der Öffnung.
Kann ich einen Verzicht rückgängig machen? Ja, auch das geht. Wer im Glauben, der Nachlass sei überschuldet, die Erbschaft ausgeschlagen hat, kann die Ausschlagung vor Gericht anfechten. Zum Beispiel, wenn dann plötzlich ein üppiges Bankkonto auftaucht.